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aus: NStPr 59/4 (2011) 97–114

Nachdem im ersten Teil dieses Beitrages27 Stilmittel auf der Begriffsebene sowie Stilmittel mit lautmalerischen Effekten behandelt wurden, soll es nun um Stilmittel gehen, die eng mit dem Inhalt (vgl. Kapitel C. „Stilmittel auf der inhaltlichen Ebene") bzw. der entsprechenden Satzstruktur verwoben sind (vgl. Kapitel D. „Stilmittel auf der satzstrukturellen Ebene").

C. Auf der inhaltlichen Ebene

Wenn etwas uneigentlich zum Ausdruck gebracht wird, wenn es auf die Unterscheidung von Gesagtem und Gemeintem ankommt oder wenn auf andere Sinnzusammenhänge zurückgegriffen wird, spricht man von Stilfiguren bzw. Tropen. Diese können sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise manifestieren: erstens durch Übertragung von Bildern aus einer Gedankenwelt in die andere; zweitens durch Verkürzungen bzw. Auslassungen, die man gedanklich ergänzen muss; drittens durch Redundanz von Ausdrucksarten und Partikeln; viertens, indem dinglichen Sachverhalten menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden.

1. Bilder

Eines der Stilmittel, die Stenografen bei ihrer täglichen Arbeit am häufigsten begegnen, ist die Verwendung von Bildern bzw., mit dem griechischen Fachbegriff ausgedrückt, Metaphern. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen schiefen Bildern, in metaphorischer Übertragung gebrauchten Bildern und durch bewusste Verwendung von Verben, die mehrere Bedeutungsebenen umfassen, erzeugten Unebenmäßigkeiten im Satzbau.

a) Vermengung von Bildern

Jedem Redner ist es wohl schon einmal passiert, dass er im Eifer des Gefechts eine sprichwörtliche Redensart durch falsche Assoziation verunglückt vorgetragen hat: Ich glaube, wir sind im falschen Kino. In vielen Fällen stellen die Zuhörer im Kopf die passende Assoziation „im falschen Film" her. Bei Plenarprotokollen würde man, wenn keinerlei Reaktion aus dem Plenum erfolgt und auch in späteren Reden nicht auf solche verunglückten Phrasen eingegangen wird, redaktionell eingreifen und „im falschen Film" protokollieren. Ein Eingriff ist allerdings nicht angebracht, wenn das Aufmerken der Zuhörer durch die Verwendung von Teilen einer Redensart in einem anderen Kontext bzw. durch ein schiefes Bild (Katachrese) geradezu gewollt ist: Der Zahn der Zeit, der schon manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen. – Auch die politische Rede bietet eine Fülle von Fundstücken für dieses Stilmittel: Der irische Premierminister machte gute Miene zum politischen Druck. // Wir befinden uns hier in einem D‑Zug, dem man den Wind aus den Segeln genommen hat. // Wir suchen unsere Kandidaten immer nach der Persönlichkeit aus, nicht nach Ansehen des Geschlechts.

Häufig findet sich auch nur eine Anspielung auf Redensarten: So werden in dem Beispiel „Inzwischen ist auch die Bahn AG in ähnliche Schlagzeilenn geraten" die negativen Schlagzeilen bildlich in die Nähe der Redensart in Seenot geraten bzw. auf die schiefe Bahn geraten gerückt, was die Aussage insgesamt noch eindringlicher gestaltet.

Schon an der Grenze zur metaphorischen Ausdrucksweise stehen folgende Beispiele für Bildvermengungen: Wenn wir jetzt nicht in die Stromnetze investieren, werden bei uns im Sommer die Lichter ausgehen. // Das hat mehr mit Geld zu tun, als es auf den ersten Blick klingt. – Man hört geradezu, wie Geld in den Klingelbeutel fällt. Eine Redaktion in die übliche Ausdrucksweise als es ... den Anschein hat wäre unangebracht; denn dies sagte – auch das gilt es zu berücksichtigen – der CDU‑Politiker Eckart von Klaeden in seiner Eigenschaft als Schatzmeister seiner Partei.

b) Metaphorische Ausdrucksweise

Gelungene Bilder sind das Salz in der Suppe vieler Debatten, lassen die Zuhörer aufmerken und fordern meist keinen redaktionellen Eingriff. Vielfach greifen sie darüber hinaus Stilfiguren auf, die schon im ersten Teil dieses Beitrages behandelt wurden.

Am häufigsten begegnet einem wohl die Verbindung eines mehrfach wiederholten Substantives mit verschiedenen Verben: Wir wissen sehr gut, dass es auch noch Geschäfte gibt, die wir mit diesem Gesetz nicht erschlagen. Ja, wir wissen, dass es viele Geschäfte gibt, die wir noch gar nicht kennen und die vielleicht erst im nächsten oder übernächsten Jahr die Stabilität der Finanzmärkte beschädigen. Wir müssen aber doch jetzt das tun, was uns möglich ist. Was uns jetzt möglich ist, ist, bestimmte Geschäfte zu verbieten, der BaFin ein scharfes Schwert in die Hand zu geben, um schnell zu reagieren. // Wir müssen neben der Ordnung der Märkte auch die Staatsfinanzen wieder in Ordnung bringen.

Auch der parallele Rückgriff auf andere Stilmittel, wie zum Beispiel auf die Alliteration oder die Figura etymologica, kann Hinweis auf eine bewusste Verwendung von Bildern sein: Unser Planungsrecht ist ein Perpetuum mobile für die Prozentzahlen der Grünen. // Mit dem vorliegenden Antrag wollen wir nun Lücken schließen und Ungleichgewichte ausgleichen, die die Praxis der vergangenen Jahre aufgezeigt hat.

Schließlich wird in gelungenen Metaphern gerne auf geschichtliche oder literarische Begriffe zurückgegriffen, die in Bezug zu aktuellem politischen Verhalten gesetzt werden: CDU/CSU und FDP haben sich in den letzten zwölf Monaten mit den vier apokalyptischen Reitern der Politik verbündet: mit der Atomlobby, der Pharmalobby, der Immobilienlobby und der Bankenlobby. // Sie verbarrikadieren sich in der schwarz-gelben Zitadelle der Macht. // Seit Hölderlins letzten Lebensjahren im Tübinger Turm hat kein Tübinger mehr so wirr dahergeredet.

c) Sprachliche Inkonzinnitäten

Besonders eindringlich wirkt das Stilmittel des Zeugmas (griech. Joch). So wie die Ochsen unter das Joch gespannt werden, wird ein Verb, das mehrere Bedeutungsinhalte abbilden kann (polysemisches Verb), in demselben Zusammenhang zugleich in konkreter, wörtlicher Bedeutung sowie in übertragener Bedeutung gebraucht und damit bewusst zur Erzielung einer (komischen) Wirkung eingesetzt: Er öffnete die Schachtel, danach den Mund. // Er saß ganze Nächte und Sessel durch. // Ich heiße Heinz Erhardt und Sie willkommen. // Fließend deutsch und Warmwasser! [aus einer alten Werbung für Südtirol]. Nachfolgend einige Beispiele aus der politischen Rede: Experten werden uns dort mit Rat und Tat zur Seite sowie Rede und Antwort stehen. // Unverändert steht die Bestimmung des § 522 ZPO seitdem im Brennpunkt der rechtspolitischen Diskussion und vor allem in der Kritik.

Man kann es durchaus auch als Stilmittel ansehen, wenn äußere und innere Notwendigkeiten durch die einmalige Verwendung eines der Modalverben sollen, müssen, können vermengt werden: Steuern zahlen und sterben müssen wir alle. – Ein schönes Beispiel für die gleichzeitige Verwendung eines Verbes, in diesem Fall in der Partizipform, in realer, in übertragener und in irrealer Bedeutung brachte der CSU‑Chef Horst Seehofer auf dem CDU‑Parteitag 2010: Der Sozialismus hat verwüstete Umwelt, verwüstete Gesellschaften und verwüstete Werte hinterlassen. In all diesen Fällen kann man unter Verweis auf das Stilmittel des Zeugmas auf eine Redaktion verzichten.

Auch bei den Verben sein und haben, die nicht nur als Hauptverb, sondern auch als Hilfsverb benutzt werden können, wird in der gesprochenen Sprache zuweilen eine Verbform eingespart: Ich habe genügend Geld und die Rechnung zu bezahlen. // Aufgrund der Armut, nachdem man das gehört hat und es viel Krach gegeben hat, sind die Leute halt dorthin und am Geschehensort erschienen.

2. Auslassungen und Vertauschungen

Reden, insbesondere solche, die einer Redezeitbeschränkung unterliegen, sind häufig von einer gewissen Hektik geprägt, die zu verkürzter Ausdrucksweise (Brachylogie, Ellipse)28, zur Vertauschung von Beziehungsverhältnissen (Enallage) oder zu grammatisch falschen Konstruktionen (Synese) führen kann. Interessanterweise ist der redaktionelle Umgang mit diesen Formen höchst unterschiedlich.

a) Auslassung von Bestimmungswörtern und Satzgliedern

Die Auslassung einzelner Bestimmungswörter während des Redevortrags fällt den Zuhörern meist nicht auf, führt aber im geschriebenen Text dazu, dass der Leser stutzig wird. In diesen Fällen darf man wohl von unbewussten Ellipsen sprechen. Solche Ellipsen sind in der Regel zu redigieren – falls die Zuhörer nicht durch Zurufe deutlich gemacht haben, dass sie den Nonsens bemerkt haben: Wir müssen die Verkehrstoten halbieren. // Es ist ein Jammer, dass die Langzeitarbeitslosen nicht abgenommen haben [jeweils: die Zahl der ...] // Unser Ziel ist es, die erneuerbaren Energien zu verdoppeln [mögliche Redaktion: ... den Anteil der Erneuerbaren an der Deckung des Energiebedarfs ...].

Schwieriger verhält es sich bei der Auslassung von ganzen Satzgliedern. Gerade bei Bedingungsgefügen, sogenannten Wenn‑dann-Sätzen, wird oft ein gedankliches Zwischenglied ausgelassen: Wenn die EU‑Subventionen verringert werden, geben die Kühe keine Milch mehr. // Wenn ich Ihren Antrag lese, dann ist er falsch. – Bei den genannten Beispielen muss ohne Frage eingegriffen und das dritte Glied ergänzt werden. In anderen Fällen sollte man sich dagegen überlegen, ob man nicht lieber einen Gedankenstrich oder einen Doppelpunkt setzt, statt eine banale Zwischenformel wie „dann stelle ich fest", die die Spannung aus dem Satzgefüge nimmt, einzufügen: Wenn Sie die damalige Lage noch in Erinnerung haben: So war jede Regierung gehalten, gegenüber der Öffentlichkeit Auskunft darüber zu geben, was an der Berichterstattung, die damals die Titelseiten beherrschte, dran ist und was nicht dran ist. – Eine Redaktion in „... so stellen Sie fest, dass jede Regierung gehalten war ..." würde den Akzent vom Subjekt Regierung auf das Subjekt Sie des neuen Hauptsatzes verschieben. Ähnliches gilt, wenn mehrere durch Wenn eingeleitete Bedingungssätze am Satzanfang gebracht werden. Statt „dann stellt sich die Frage" einzufügen, sollte zur Hervorhebung der vorgebrachten Argumente eher mit Satzabbruchstrichen gearbeitet werden: Aber wenn wir nicht ein Minimum an Vertrauen in die handelnden Personen haben, wenn wir als Parlament nicht den Mut haben, gegebenenfalls auch Fehlentscheidungen zu ertragen – – Wie soll der ganze Prozess denn dann laufen?

b) Vertauschung von Beziehungsverhältnissen

Ein wiederum in der Dichtung beliebtes Stilmittel ist die Vertauschung der logischen Wortbeziehungen (vgl. der Augen blaues Lächeln anstelle von der blauen Augen Lächeln). Im Eifer des Redegefechtes kommt es durchaus vor, dass ein Adjektiv oder ein Zahlwort falsch in Bezug auf ein – zumeist zusammengesetztes – Hauptwort verwendet wird. So bezieht sich in der Wendung vierstöckiger Hausbesitzer das Adjektiv eben nicht auf das eigentliche Grundwort, das Substantiv Besitzer, sondern auf dessen Bestimmungswort. Ebenso wie bei 6 000 Stellenstreichungen handelt es sich um ungenaue Sprechweise, die in der Verschriftlichung im Regelfall zu korrigieren ist.

Nun haben sich im politischen Alltag jedoch Wendungen eingeschlichen, die zwar kurz und prägnant sind, bei denen aber genau diese Vertauschung der Beziehungsverhältnisse vorliegt. Entsprechende Wendungen, die unter die politische Fachsprache fallen und deshalb nicht aufgelöst werden sollten, wären zum Beispiel: geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, doppeltes Staatsangehörigkeitsrecht, ziviler Bevölkerungsschutz, frühkindliche Förderung. – Eine hochinteressante Wendung schließlich ist politische Willensbildung. Da es mittlerweile sogar politische Willensbildungsprozesse gibt, erübrigt sich der Gedanke an einen Eingriff.

c) Sinngemäße Satzkonstruktionen

In der gesprochenen Sprache und mittlerweile auch in der Schriftsprache kommen nicht selten scheinbar falsche Konstruktionen vor, die aber sinngemäß korrekt sind (constructio ad sensum). Zwei Varianten treten besonders häufig auf: Im ersten Fall wird anstelle des grammatischen Geschlechts eines Wortes im weiteren Satzverlauf das natürliche Geschlecht verwendet: Er liebte das Mädchen und wollte sie heiraten. – Im zweiten Fall wird anstelle des Singulars eines Subjektes (meist ein Kollektivbegriff) der Plural des sich auf das Subjekt beziehenden Attributs bei Pronomen und Verben benutzt: Eine Menge Menschen liefen zusammen. // Der Worte sind genug gewechselt [logisches Subjekt: es]. // Mehr als ein Drittel der Abgeordneten stimmten für den Gesetzentwurf.

Solche Formulierungen nach dem Sinn bzw. der inhaltlichen Bedeutung stellen aufgrund ihrer Häufigkeit im Deutschen kein Stilmittel im eigentlichen Sinne mehr dar, sondern werden unter dem Fachbegriff Kongruenz sprachlich untersucht.29

3. Sprachlogische Redundanz

Das Gegenstück zu Auslassungen und Vertauschungen stellt die übermäßige Verwendung von Wörtern dar; diese kann sich in einer Überfrachtung der Satzaussage, in Über- bzw. Untertreibungen, in der mannigfaltigen Verwendung von Verneinungspartikeln oder in der Ausformulierung von Sachverhalten, die sowieso klar sind, manifestieren.

a) Überfrachtung

Ein typisches Zeichen für gesprochene Sprache ist die Überfrachtung von Aussagen mit logisch nicht unbedingt notwendigen sprachlichen oder inhaltlichen Mitteln: Das muss einmal gesagt werden. Dahinter steckt häufig die Absicht, die Gunst bzw. Zuneigung oder die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erreichen. So werden Reden gerne mit Komplimenten (captatio benevolentiae) begonnen: Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute Abend hier zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Eine Überladung der Aussage kann aber auch dazu dienen, Druck vom Redner oder die Luft aus einer Debatte zu nehmen: Es ist tatsächlich so: Ich bin froh, wieder da zu sein. [Oppositionsführer Steinmeier nach seiner Nierenspende wieder im Plenum, und zwar im Anschluss an Bundeskanzlerin Merkel in der Debatte über die Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke].

Nachträgliche Unterstreichungen wie Es gab kein Zurück mehr, nicht übel! dienen demgegenüber dazu, einer Aussage noch mehr Gewicht zu verleihen.

b) Übertreibungen und Untertreibungen

Eine weitere Möglichkeit, Aussagen zu veranschaulichen, stellen neben der Metapher bewusste und überhöhte Übertreibungen (Hyperbeln) dar: Die Hölle war los [„viel los"]. // Es war die Hölle [„schlimm"]. // Himmel und Erde in Bewegung setzen [„alles tun"] // ein Mund groß wie ein Scheunentor.

Umgekehrt kann man den Wert einer Aussage auch abschwächen oder mindern. Gerade in Arbeitszeugnissen ist es üblich, dass das, was eigentlich gemeint ist, nicht angesprochen wird: Er bemühte sich, pünktlich zur Arbeit zu kommen. – In der Politik dagegen wird der Wert von Aussagen gerne abgeschwächt, herunterspielt oder verschleiert. So kann mit einer milden Aussage, vielfach auch noch mit einem Schuss Ironie gewürzt, eine starke Wirkung erzielt werden: Ich ärgere mich darüber nicht wenig. // Was nicht heißen soll, er habe vollkommen Unrecht.

c) Doppelte Verneinungen

Die bekannteste Variante für das Erzielen gegensätzlicher Aussagen ist die doppelte Verneinung: nicht ohne Witz // Das ist nicht unübel. – Gerade in längeren Satzgefügen wird gerne mit mehreren Verneinungen gespielt. Solange die Aussage dadurch nicht unlogisch wird, ist dieses Vorgehen durchaus legitim. In rechtspolitischen Debatten ist dabei große Umsicht angebracht. So findet sich in • 118 BGB sogar eine fünffache Verneinung: Eine nicht ernstlich gemeinte Willenserklärung, die in der Erwartung abgegeben wird, der Mangel der Ernstlichkeit werde nicht verkannt werden, ist nichtig.

Es kommt aber auch vor, dass in freier Rede der Überblick über die Anzahl der verwendeten Verneinungen verloren geht: Tatsache ist aber auch: Weder auf Arbeitgeber- noch auf Arbeitnehmerseite funktioniert die Tarifautonomie in vielen Branchen nicht mehr so richtig. Rein logisch betrachtet hieße das, dass die Tarifautonomie in den genannten Bereichen prächtig funktioniert. Wenn der Stenograf nun überzeugt ist, dass der Redner gerade dies nicht zum Ausdruck bringen wollte, ist ein redaktioneller Eingriff angebracht. Die einfachste Variante wäre nun, weder ... noch einfach wegzulassen; näher am Wortlaut bleibt man jedoch, wenn man die eine Verneinung einfach in Apposition zur anderen Verneinung setzt: Tatsache ist aber auch: In vielen Branchen funktioniert die Tarifautonomie nicht mehr so richtig, weder auf Arbeitgeber- noch auf Arbeitnehmerseite.

d) Anspielungen

Schließlich gehört in diesen Bereich auch noch das Stilmittel der Anspielung (Allusion), das ebenfalls im politischen Bereich gerne gebraucht wird. Mit Anspielungen kann eine kommunikative Wirkung beabsichtigt sein: Sie wissen, was ich meine. Es kann aber auch auf prägnante Art ein Vergleich gezogen werden, damit jeder weiß, was gemeint ist: Putin ist kein Stalin. Da Vergleiche, zumal historische30, politisch immer brisant sind, verbietet sich jeder redaktionelle Eingriff. Aber auch in anderen Fällen verdienen kurze, prägnante Anspielungen durchaus, im Protokoll verewigt zu werden, da sie etwas von der Lebendigkeit einer Rede vermitteln.

4. Anthropomorphismen

Auch dass menschliche Eigenschaften unbelebten Gegenständen zugesprochen werden, ist als Stilmittel zu klassifizieren (Anthropomorphismus bzw. Personifikation). Mittlerweile sind ja schon ganze Lebenswelten von Anthropomorphismen geprägt; man denke nur an sprechende Maschinen in Kindersendungen wie „Bob der Baumeister", „Kleiner Roter Traktor" oder „Roary der Rennwagen" oder an R2D2 in Star Wars.

Dies hat offenkundig Auswirkungen auf die Politik, denn auch hier wird laufend personifiziert: Wie schon die Ausführungen von Herrn Dr. Riechmann angedeutet haben ... // Das Energiekonzept hat dies angekündigt. // Dabei geht es um einen Beleg, der den Versicherten über seine Behandlungskosten informiert. // Die Studie legt außerdem dar ... // Hier klang ja schon das Argument an, dass andere Gutachten andere Auffassungen vertreten. – Dass in diesen Fällen das Stilmittel des Anthropomorphismus bewusst eingesetzt wurde, darf wohl bezweifelt werden. Viel leichter liest sich doch, um nur auf das letztgenannte Beispiel einzugehen: In Ihrer Argumentation klang ja schon an, dass in anderen Gutachten andere Auffassungen vertreten werden.

Zwei wichtige Politikbereiche sind sogar massiv von Anthropomorphismen betroffen. So werden Gesetzen vielfältige Eigenschaften zugesprochen: Das Gesetz verhindert Missbrauch. // Das Gesetz will. // Das Gesetz sorgt dafür ... // Mit dem Restrukturierungsgesetz legen die Koalitionsfraktionen einen Gesetzentwurf vor, der notwendige und richtige Konsequenzen aus der Finanzmarktkrise zieht. – Auch in wirtschaftspolitischen Debatten gehören, gerade seit der Finanz- und Wirtschaftskrise, verdinglichte Ausdrücke, die wie Floskeln gebraucht werden, zum Standardrepertoire: Der Aufschwung verstetigt sich. // Die Wirtschaft erholt sich. // Das Kapital ist ein scheues Reh. // Das zarte Pflänzchen Wachstum. // Wenn Sie wirklich wollen, dass sich der Binnenmarkt erholt ... – Als kritischer Stenograf fragt man sich unweigerlich: Wo erholt sich die Wirtschaft: im Urlaub, in einer Kur oder auf den Aktienmärkten?

Angesichts der Fülle solcher Fälle könnte man sich bei manchen Rednern zu Tode revidieren. Ist es also immer nur Unüberlegtheit im Redefluss, wenn jemand so spricht, oder steckt dahinter vielleicht noch etwas Tieferes? Dies könnte das Prinzip der Verdinglichung sein, das aus der marxistischen Theorie in die Köpfe vieler Redner eingegangen ist. Verdinglichung bedeutet hier, dass in der kapitalistischen Gesellschaft gesellschaftliche Verhältnisse (beispielsweise das Verhältnis einer individuellen Arbeitsleistung zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit) in der Form von Dingen in Erscheinung träten, denen eine Eigengesetzlichkeit, das „automatische Subjekt", innewohne, die vom Menschen nicht mehr gestaltbar sei. Wenn man also bei einem Redner davon ausgehen kann, dass er dieser Theorie nahesteht oder sogar durch seine Kritik erkennen lässt, dass seiner Meinung nach Gesetze und Arbeitsabläufe eine Eigengesetzlichkeit entfalten, dann sollte man, wie in folgendem Beispiel, davon absehen, zu redigieren: Diejenigen, die auf der heutigen IG‑Metall-Veranstaltung waren, durften lernen, dass selbst in großen Betrieben mit einem hohen Organisationsgrad, mit starken Gewerkschaften und starken Betriebsräten die Arbeitsabläufe so sind, dass sie Menschen zwangsläufig krankmachen. – Der Eindruck, der beim Zuhörer durch die Aussage hervorgerufen wird, dass Arbeitsabläufe Menschen krankmachen, ist natürlich viel stärker als der, der nach einer möglichen Redaktion der Aussage in der Form, dass durch Arbeitsabläufe Menschen krank werden, verbleibt.

Wenn man im politischen Alltag auch in den wenigsten Fällen von der bewussten Verwendung von Anthropomorphismen ausgehen kann, so sollte man bei entsprechenden Ausdrücken dennoch nur vorsichtig redigieren, da sich hier vielleicht ein prinzipieller Wandel des Sprachgebrauchs abzeichnet.

D. auf der satzstrukturellen Ebene

Außer in Wörtern, Wortgruppen und Wortbeziehungen können sich Stilmittel auch in der Abfolge und Gliederung von ganzen Sätzen verbergen. Auch in diesen Fällen ist bei möglichen redaktionellen Eingriffen Vorsicht geboten. An erster Stelle stehen hier in den Raum gestellte Fragen, die eigentlich keiner Antwort mehr bedürfen (1.), sodann die stilistische Herausstellung von Gegensatzpaaren (2.) und schließlich Wiederholungen und Reihungen in mannigfaltigster Form (3.).

1. Rhetorische Fragen

Ein effektives Mittel, um beim Zuhörer einen Denkanreiz auszulösen, der implizit Zustimmung zum eigenen Gedanken hervorruft, ist die rhetorische Frage, in deren Folge zumeist auch auf die Verbalisierung der Antwort verzichtet wird. Schon in der Antike waren rhetorische Fragen ein sehr beliebtes Stilmittel. Unzählige Schülergenerationen mussten sich so mit der von sechs rhetorischen Fragen eingeleiteten ersten Rede Ciceros gegen Catilina, in der es um Verschwörung gegen die Römische Republik ging, auseinandersetzen: Quo usque tandem abutere, Catilina, nostra patientia? Dieses „Wie lange willst Du unsere Geduld noch strapazieren?" impliziert nichts anderes als: Wir sind mit unserer Geduld am Ende!

Auch heute wird im politischen Wettstreit gerne zum Stilmittel der rhetorischen Frage gegriffen. So fragte, natürlich rhetorisch, der SPD‑Parteivorsitzende Gabriel kurz vor der Sommerpause 2010 im Deutschen Bundestag: Wie konnte es passieren, dass eine Regierung derart heruntergekommen ist wie die Ihre? Was ist da eigentlich passiert in den letzten Monaten? – Auch für klassenkämpferische Agitation wurde und wird dieses Stilmittel gerne eingesetzt:  

Da fragt man sich schon: Wo soll denn dieser plötzliche Konsumrausch eigentlich herkommen? Von den Beschäftigten, die Anfang des Jahres schon wieder weniger Netto vom Brutto haben? Von den Rentnerinnen und Rentnern, deren Kaufkraft seit Jahren sinkt, weil ihre Renten, wenn sie überhaupt steigen, in geringerem Umfang als die Inflation steigen? Von den lächerlichen 5 Euro pro Monat mehr für Hartz‑IV-Empfänger, die Sie ihnen längst schon wieder zehnfach aus der Tasche gezogen haben? Das ist doch das, was läuft! Oder von den Kleinunternehmern, die froh sein können, wenn sie vom Kreditgeiz der Banken noch nicht in die Pleite getrieben wurden? – Da soll Ihr Konsumrausch herkommen? Das ist doch absurd!

In beiden Fällen dient die rhetorische Frage dazu, die Aufmerksamkeit der Zuhörer anzusprechen, indem sie in gewisser Weise in den Gedankengang eingebunden werden. Zugleich kann man, ähnlich wie bei der doppelten Verneinung, scharfe Argumente ins Feld führen, ohne gleich aggressiv zu wirken. Die Fragen klingen nämlich viel anständiger, als wenn man gleich sagen würde: Ihre Regierung ist heruntergekommen, oder: Nichts von dem, was Sie versprechen, wird passieren! – Da sich die Zuhörer selber angesprochen fühlen, bleiben die Aussagen auch viel länger im Gedächtnis, und man muss sich als Zuhörer, wenn man grundsätzlich anderer Meinung ist, gleichsam bewusst dagegen wehren, die vom Redner suggerierte Antwort für sich zu übernehmen.

Man darf bei rhetorischen Fragen also, wenn überhaupt, nur ganz vorsichtig redigieren. Bei der Übertragung von Parlamentsreden verbietet es sich geradezu, sie in Aussagesätze umzuwandeln, da man sich dann ja explizit auf eine Antwort festlegen würde. Im Zweifel hilft es, das Manuskript zurate zu ziehen. So brachte der SPD‑Fraktionsvorsitzende Steinmeier in seiner Rede zur Generaldebatte über den Haushalt 2010 gleich vier rhetorische Fragen in Folge, von denen er die dritte, grammatisch nicht ganz korrekt, analog zu den ersten beiden mit Was einleitete – hier könnte man von einem absichtlichen Gebrauch gleicher Satzanfänge ausgehen –, dann aber beim vierten Fragepartikel interessanterweise nicht auf Was, sondern auf das unter grammatischen Gesichtspunkten ebenso kritisch zu sehende Wo zurückgriff. Vor diesem Hintergrund wurde entsprechend dem Manuskript redigiert:

Was nützt es dem Gemeinwohl – ich frage Sie noch einmal allen Ernstes –, wenn wir nicht vorhandenen Verteilungsspielraum nutzen – nein: ausbeuten –, um ein paar Hotelbesitzern ein paar Millionen Euro zuzuwenden? Was nützt es dem Gemeinwohl ernsthaft, wenn Sie vier Energieversorgern die Laufzeiten für deren Atomkraftwerke verlängern? Wie [Wortlaut: Was] fördert es den Gemeinsinn, wenn Sie den Mindestlohn flächendeckend verweigern und denjenigen Menschen, die 4 Euro verdienen, sagen: „Das ist zwar bedauerlich, aber holt euch den Rest vom Amt und tretet da als Bittsteller auf"? Wie [Wortlaut: Wo] stärkt es den Gemeinsinn, wenn Sie den Langzeitarbeitslosen den Rentenversicherungsbeitrag streichen?  Ich kann doch diese Liste mühelos fortsetzen.

Wenn nach rhetorischen Fragen ganz normal mit einem ganzem Satz fortgefahren wird, empfiehlt es sich, wie auch im obigen Beispiel, einen Gedankenstrich zu setzen, um auch den Leser ein wenig der beabsichtigten Wirkung auszusetzen: Dabei hätten Sie uns ganz an Ihrer Seite. Aber wo steht das in dem Gesetzentwurf? – Nichts dazu steht in der zwölften AtG‑Novelle. Einen Sonderfall stellt es jedoch dar, wenn der Redner die eigentlich suggerierte Antwort gleich selber gibt; dann erübrigt sich das Setzen eines Gedankenstriches zumeist: Was kommt jetzt dabei heraus? Ein schönes Angebot an Sie. // Warum sind wir denn überhaupt in den letzten Monaten in solche Diskussionen hineingeraten? Weil Sie uns ein Defizit von 11 Milliarden Euro hinterlassen haben.

2. Gegensatzpaare

Der hinsichtlich der Ereignisse wohl widersprüchlichste Tag in der Geschichte Deutschlands wurde in einer Rede folgendermaßen charakterisiert: Kein Tag markiert so sehr bedeutende Wendepunkte, schlimmste Tiefpunkte und Momente größten Glücks in der deutschen Geschichte wie der 9. November. – Wie in diesem Fall durch das Gegensatzpaar „Tiefpunkt – Glück" treffend beschrieben, so kommt es auch im politischen Kerngeschäft darauf an, komplexe Sachverhalte anschaulich herauszuarbeiten. Damit sich diese auch beim Zuhörer festsetzen, werden die entsprechenden Satzteile häufig syntaktisch oder semantisch in eine besondere Beziehung zueinander gesetzt, nämlich bei der Darstellung gegensätzlicher Aussagen gerne in einer Überkreuzstellung (Chiasmus) und bei der Darstellung voneinander abhängiger Sachverhalte gerne in parallelen Satzkonstruktionen (Parallelismus).

a) Chiasmus

Zur Verdeutlichung von Gegensatzpaaren, seien es Adjektive oder Substantive, bietet sich die Überkreuzstellung förmlich an: Ich bin groß, klein bist du. // Er liebt Rosen, Nelken mag er nicht. – Aber auch sprachspielerisch in Form von Zwillingsformeln wie Gesangliches Instrumentalspiel und instrumentaler Gesang entwickelt die Überkreuzstellung eine starke Wirkung. Da es in der Politik meistens allerdings um komplexere Sachverhalte geht, ist die Überkreuzstellung nicht immer ganz einfach zu erkennen: Die Bürger sind nicht für die Parteien und für die Parlamente da. Wir als Parlament haben für die Bürger da zu sein. – Bei diesem Beispiel wäre es unangebracht, die Spannung, die zwischen den beiden Sätzen besteht, etwa dadurch aufzuheben, dass man den Gedankengang in der Verschriftlichung durch Deshalb haben wir als Parlament ... zu verflüssigen suchte.

Auch müssen die entsprechenden Wortpaare nicht immer identisch sein. Es können durchaus auch Synonyme verwendet werden: Die Gesellschaft soll teilhaben am Alltagsleben der Soldaten. Die Bundeswehr muss in der Mitte der Gesellschaft sichtbar bleiben. – Schließlich kann die die Aufmerksamkeit der Zuhörer fesselnde Gegenüberstellung auch ganz auf der inhaltlichen Ebene liegen, wie im folgenden Beispiel in der Reihenfolge der Geschlechterabfolge: Alle Erwerbstätigen – sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Beamtinnen und Beamte, Politiker und Politikerinnen und selbstverständlich auch Selbstständige – sollen einbezogen werden.

b) Parallele Satzkonstruktionen

Das Stilmittel des Parallelismus kann in vielfältiger Form eingesetzt werden. Manche beiordnenden deutschen Konjunktionen (sowohl – als auch, weder – noch etc.) verlangen geradezu parallele Wortstellung: Weder funktioniert die Technik immer, noch versagen Menschen nie.

Parallelitäten in der Satzkonstruktion können auch mit retardierenden Momenten verbunden sein, gerade wenn Wörter wiederholt werden: Es geht nicht um die Reichen, es geht nicht um die Superreichen. Es geht um die Freiberufler, die Facharbeiter, all die, die viele Überstunden machen. Gerne wird dies mit einer weiteren bedingenden, einschränkenden, konzedierenden oder begründenden Note verbunden: Es geht nicht nur um ökologische Fragen – natürlich geht es auch um ökologische Fragen –, es geht auch um soziale Akzeptanz, um Verbraucher- und Datenschutz. Eine Reduzierung etwa in der Form: Es geht nicht um die Reichen und die Superreichen, oder: Es geht nicht nur um ökologische Fragen – darum geht es natürlich auch – ... würde die vom Redner gewollte Absicht – sei es stärkere Eindringlichkeit der Aussage, sei es der Aufbau einer gewissen Spannung – zunichtemachen. Besonders deutlich wird dies bei folgendem Redeauszug: Wenn sich der Bundesfinanzminister und der Bundestag an die geltende Gesetzeslage halten, dann ist das nicht Manipulation, dann ist das Gesetzesvollzug. Hier zu redigieren in „dann ist das nicht Manipulation, sondern dann ist das Gesetzesvollzug" wäre pedantisch.

Auch das Stilmittel des Parallelismus geht gerne mit weiteren Stilmitteln einher: Nicht nur hat die Koalition die Einhaltung der angemessenen parlamentarischen Abläufe vergessen. Sie spielen auch mit der Rechtmäßigkeit Ihrer Gesetzesvorlagen. – In diesem Fall würde ein redaktioneller Eingriff wie Die Koalition hat nicht nur ... die doppelte Alliteration am Satzanfang zerstören.

3. Wiederholungen und Reihungen

Nicht nur bestimmte Satzstrukturen werden gerne wiederaufgegriffen, vielfältig sind auch Wiederholungen (Repetitio) sprachlich gleicher Formen. Durch Wiederholungen werden die Aussage verstärkt, die Eindringlichkeit betont und die Aufmerksamkeit gesteigert. Nicht umsonst heißt es schon seit der Antike: repetitio est mater studiorum. – Und selbst Napoleon war davon überzeugt, dass das einzige wirksame Stilmittel in der Rede die Wiederholung sei.

Werden ganze Satzstrukturen wiederholt, hängt es von der Art der Aneinanderreihung – mannigfaltige Wiederholung von Bindewörtern (Polysyndeton) oder bewusster Verzicht auf irgendwelche Bindewörter (Asyndeton) – ab, welchen Charakter die Wiederholung entfaltet.

a) Wiederholungen

Einen typischen Fall für eine Verstärkung durch Wiederholung stellt die direkt aufeinanderfolgende Wortverdoppelung (Anadiplose) dar: Das funktioniert innerhalb ein und desselben Wortes wie bei knüppelknüppelhart oder, wie es gerade bei Zurufen typisch ist, durch die Wiederholung der Wörter selbst: Hört! Hört! // Oje! Oje! – Aber auch in der normalen Satzaussage kommen Wiederholungen durchaus vor: Niemals, niemals werden wir dem zustimmen.

Zu entscheiden, ob bewusst auf eine Stilfigur zurückgegriffen wurde, wird schwieriger, wenn sich die gleichen Wörter über das Satzgefüge verteilen: Das ist bitter für die Entwicklungsländer, bitter für den Klimaschutz, bitter für das Ansehen und das Gewicht Deutschlands auf der internationalen Bühne. // PISA für die Regierung, PISA für die Kanzlerin, PISA für die Minister, vor allen Dingen PISA auch für die Agrarministerin. – Der Entscheidung der Stenografin/des Stenografen kommt in solchen Fällen große Bedeutung zu; denn oftmals lässt sich nur anhand der Intonation des Satzes herausfinden, ob die mehrfache Verwendung eines Wortes bewusst gewollt war oder ob sich der Redner während der freien Rede nur an diesen Worten aufhing, um den Gedankengang seiner Rede weiterzuentwickeln, die Wiederholung der Wörter aber ansonsten nicht mit Absicht geschah.

Des Weiteren gilt es, die Funktion zu beachten, in der ein Wort mehrfach gebraucht wird. In folgendem Beispiel kommt dem Wort verlässlich fünfmal eine adverbiale Funktion zu:  

Sie legen heute Gesetzentwürfe und Beschlussvorlagen vor, die verlässlich einen Weg für die Energieversorgung bis 2050 beschreiben sollen. Sie geben alles, was sich die Zivilgesellschaft erobert hat, verlässlich in die Hände der Konzerne zurück. Sie verstopfen verlässlich die Netze auf Jahrzehnte mit Atom- und Kohlestrom. Sie ziehen dezentralen Energieversorgern verlässlich den Boden unter den Füßen weg. Und Sie verkaufen verlässlich für vielleicht 15 Milliarden Euro die Sicherheit.

Dieser Wortlaut wurde nun folgendermaßen redigiert:

Sie legen heute Gesetzentwürfe und Beschlussvorlagen vor, die eine verlässliche [Adverb -> Adjektiv!] Energieversorgung bis 2050 beschreiben sollen. Sie geben aber alles, was die Zivilgesellschaft sich erobert hat, verlässlich in die Hände der Konzerne zurück. Sie verstopfen die Netze auf Jahrzehnte verlässlich [Umstellung!] mit Atom- und Kohlestrom. Sie ziehen dezentralen Energieversorgern verlässlich den Boden unter den Füßen weg. Und für vielleicht 15 Milliarden Euro verkaufen Sie verlässlich [Umstellung!] die Sicherheit.

Die dreifach vorgenommene Redaktion lässt sich sicherlich inhaltlich rechtfertigen; aber unter stilistischen Gesichtspunkten ist sie unnötig.

Neben der bloßen Wortwiederholung kommt es auch vor, dass ganze Satzglieder in einem Gefüge von Haupt- und/oder Nebensätzen wiederholt werden. Hier ist es unerheblich, ob diese Satzglieder durch Bindewörter verbunden sind oder nicht, ob sie in einer Parenthese oder am Anfang oder Ende des Satzgefüges stehen. Unter keinen Umständen besteht hier Redaktionsbedarf, wenn durch die Wiederholung ein neuer Gedanke eingeleitet wird: Sie sind ein Minister der in der Tat passablen Rhetorik, allerdings auch der miserablen Bilanz, der gewachsenen Aggressivität und des Hochmuts. Sie sind ein Minister des nationalen Rückschritts und der internationalen Unglaubwürdigkeit [persönliche gegenüber politischen Qualitäten] // Herausgekommen ist, dass Sie gefesselt sind von Ihrer eigenen Fraktion, gefesselt sind von einem unmodernen Konservatismus [äußerer und innerer Zwang].

Wenn der Wiederholung nur eine rhetorische Verstärkungsfunktion zukommt, besteht dagegen durchaus ein gewisser Ermessensspielraum: Wenn Sie darüber hinaus nur eine Minute – nur eine Minute! – über das Schicksal meiner Familie nachgedacht hätten, verstünden Sie, weshalb ich ausnahmsweise diese Ausgrenzung auch persönlich als besonders unverfroren ansehe und ansehen muss. // Wir erwarten auch, dass dieser Vertrauensvorschuss zurückgezahlt wird. Parlament und Öffentlichkeit sind zu informieren – rechtzeitig zu informieren –, schwierige Sachverhalte sind zu erklären – rechtzeitig zu erklären. Ich habe nicht das Gefühl, dass das alle Beteiligten verstanden haben. – Da diese beiden Beispiele aus Reden stammen, in denen der Redner emphatisch, also mit starkem Ausdruck, gesprochen hat, sollte auch in diesen Fällen keine Änderung vorgenommen werden. Spätestens dann, wenn ein Kolon mehrfach wiederholt wird, erübrigt sich jedweder redaktioneller Eingriff: Es geht hier nicht um Zäune, es geht hier nicht um Beleuchtung und Sicherheitssysteme für ein Gartenhaus, es geht um die Bewachung der tödlichsten Waffen, die der Menschheit zur Verfügung stehen. // Das dient am besten unserem Land. Das dient am besten unserer Verantwortung in Europa. Das dient am besten unserer Verantwortung für kommende Generationen.

Dass ein Stilmittel in manchen Fällen auch die Sprachlogik außer Kraft setzen kann, wird an folgendem seltenen Fall, bei dem drei Satzglieder jeweils gleich anfangen und enden (Fachbegriff: Symploke) deutlich:

Was stand in Ihrem Wahlprogramm? Steuern senken!
Was steht in Ihrem Koalitionsvertrag? Steuern senken!
Was haben Sie nicht getan? Steuern senken!

Zugunsten der Einheitlichkeit des Stilmittels dürfte die zeitliche Ungleichheit im dritten Kolon zu akzeptieren sein, und es sollte darauf verzichtet werden, daraus Steuern gesenkt! zu machen. Das Gleiche gilt für das folgende Beispiel: Vielmehr misst sich Erfolg heute daran, wie effizient man mit den immer knapper werdenden Ressourcen umgeht und wie man mit weniger Energie, mit weniger Fläche und mit weniger Rohstoffen produziert. – Natürlich kann man nicht mit weniger Fläche produzieren; doch jeder dürfte wissen, was gemeint ist.

Manchmal begegnet einem eine Wiederholung auch in leicht abgewandelter Form: Wir haben bewegte Tage im Wendland erlebt, und wir haben bewegende Tage im Wendland erlebt. – Eine Verkürzung, etwa auf: Wir haben bewegte und bewegende Tage im Wendland erlebt, würde der Eindringlichkeit der Aussage nicht gerecht werden.

b) Reihungen

Wenn Bindewörter und Konjunktionen zwischen gleichwertigen Satzelementen weggelassen werden, spricht man von einer asyndetischen Reihung. Die Satzaussage nimmt in diesen Fällen häufig beschwörenden oder dramatischen Charakter an: Wasser, Feuer, Erde, Luft – ewig werden sie bestehen. // Unser Steuersystem: einfach, niedrig, gerecht. – Mit dem Weglassen von und beim letzten Aufzählungsglied kann auch die Absicht verbunden sein, sich etwas offenzuhalten; denn ein eingefügtes und würde eine gewisse Abgeschlossenheit der Aufzählung suggerieren: Sozialdemokratische Politiker müssten für Steuergerechtigkeit streiten, das heißt auch für eine Millionärssteuer, für eine Börsenumsatzsteuer, für einen höheren Spitzensteuersatz. – Der Redner hält sich auf diese Weise die Möglichkeit zur Ergänzung von Feldern, auf denen ebenfalls um mehr Steuergerechtigkeit gestritten werden müsste, offen.

Manchmal gehören unverbundene Reihungen zum persönlichen Stil des Redners, und ganze Abschnitte seiner Rede sind davon geprägt: Wenn der Rahmen für die Quoren, also für die Mindestbeteiligung, für die Voraussetzungen, für die Vorgaben klug gesetzt ist ... Die Möglichkeit von Volksbegehren zwingt Politik dazu, Entscheidungen zu erklären, zu begründen, zu kommunizieren, um Volksbegehren möglichst zu vermeiden. – Auch in diesem Fall kann es nicht Aufgabe der stenografischen Redaktion sein, freischaffend Bindewörter zu erfinden und einzufügen.

Wie viele andere Stilmittel tauchen auch unverbundene Reihungen gerne in Verbindung mit anderen Stilmitteln auf, etwa mit gleichartigem Satzanfang oder parallelen Satzkonstruktionen (Anapher bzw. Parallelismus): Ich fordere Moral. Ich fordere Verständnis. // Negativ ist alles, was dieser Senat für die Stadt zustande bringt: Alles verschleppen wie bei der Sanierung des ICC; alles vertagen wie den Weiterbau der A 100; alles schließen wie die Flughäfen Tempelhof und Tegel; alles abreißen wie jetzt bei der Deutschlandhalle und beim Palast der Republik; alles verhindern wie den Weiterbetrieb des Bahnhofs Zoo als Fernbahnhof. // Es gibt eine Rüstungslobby. Es gibt eine Atomlobby. Es gibt eine Raucherlobby, eine Autolobby, eine Industrielobby. – Jedes und würde hier nur stören.

Geradezu prädestiniert ist die unverbundene Reihung für die Darstellung von dramatischen Steigerungen. Schon im letzten Beispiel ist sie mit Raucherlobby – Autolobby – Industrielobby angedeutet. Ganz besonders deutlich wird eine solche Klimax natürlich in Verbindung mit Zahlen: Wir arbeiten zehn, zwölf, ja vierzehn Stunden täglich am Erfolg.

Den Gegenpart zum Asyndeton stellt das Polysyndeton dar, also eine Reihung, die durch mehrfache Verwendung von Bindewörtern wie und oder oder verbunden wird. In der Dichtkunst ist das Polysyndeton recht häufig – man denke nur an die Nationalhymne Einigkeit und Recht und Freiheit –, in der gesprochenen Sprache begegnet einem eine solche Reihung als bewusst eingesetztes Stilmittel dagegen selten, weil die ganze Satzaussage sehr getragen wirken würde: Es ist schon ein diplomatisches Kunststück, alle anderen Mitgliedstaaten und die Kommission und die Europäische Zentralbank gegen sich aufzubringen. – In den meisten Fällen, insbesondere wenn die Bindewörter nicht extra betont werden, spricht damit nichts dagegen, aus einer solchen Reihung eine Aufzählung zu machen.

Schluss

Rhetorische Stilmittel geben also in vielfältiger Weise Anlass, dem Wortlaut des Redners bei der Verschriftlichung ein entsprechendes Gewicht zuzumessen. In ihnen sind nämlich die Erfahrungen von Rednern mit der Wirkung ihrer Reden seit gut 2.500 Jahren gleichsam kristallisiert. Dies bestätigt nicht zuletzt ein relativ neuer Forschungsbereich, die Neuro‑Linguistik, in der angewandten Form der Neuro‑Rhetorik.31 Stilmittel sind demnach eine Hilfe, Reden so gehirngerecht zu halten, dass man sie gerne anhört und nachher – das sei aus der Sicht der Parlamentsstenografen hinzugefügt – in einer entsprechenden Verschriftlichung auch mit Vergnügen liest.

 

[27] Vgl. Detlef Peitz, Rhetorische Stilmittel und ihre Verschriftlichung (1. Teil), in: NStPr 59/3 (2011) 67 - 78.

[28] Vgl. hierzu auch die Artikel von Peter Rostock, Reduzierung der Sprache als Problemfeld bei der redaktionellen Bearbeitung von Parlamentsreden, in: NStPr 43/4 (1994) 99 - 116, 44/2 (1995) 29 - 43; sowie: Reduzierung der Sprache: Ellipse – Ein Test, in: NStPr 44/2 (1995) 57 - 59.

[29] Vgl. hierzu Duden. Richtiges und gutes Deutsch, Band 9, Mannheim 62007,
540 - 564, sowie Annette Steininger, Fortbildungsveranstaltung vom 18. bis 20. Oktober 2002 in Baunatal bei Kassel, in: NStPr 52/1 - 2 (2003), 1 - 4. In diesem Artikel wird ausführlich auf den in diesem Rahmen gehaltenen Vortrag über Kongruenz von unserem Kollegen Peter Rostock eingegangen.

[30] Eine ausführliche Analyse einer Rede, die voller verfehlter Anspielungen und unerträglicher Bilder war, findet sich bei Wolf-Dieter Kirst in seinem Artikel Eine Rede, ein Präsident, ein Rücktritt – Rhetorik: Kunst nur des schönen Scheins?, in: NStPr 37/1 (1989) 1 - 17.

[31] Vgl. Markus Reiter, Klardeutsch. Neuro‑Rhetorik für Manager, München 22010.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen. Zur Erinnerung an ihn, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt, mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.