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Archivbeitrag aus: NStPr 2 (1954/2) 67–69

In einem Züricher Spital wurde Ferdinand Hardekopf im März 1954, fast 79jährig, aus diesem Leben abberufen, das er am 15. Dezember 1876 in der oldenburgischen Stadt Varel begonnen hatte. Nur den älteren Mitgliedern unseres Berufsverbandes ist er noch als Reichstags­stenograph der Kaiserzeit bekannt. Internationalen Ruf genoß er jedoch schon zu Lebzeiten als Autor eigenwilliger philosophie­render und schwermütig-mystischer Dichtungen sowie als kongenialer Übersetzer der Werke bedeutender französischer Lite­raten.

Professor Ahnert, der Stenograph der Reden und Tischgespräche Bismarcks in Friedrichsruh, damals Oberlehrer am Realgymnasium in Varel, pflanzte schon dem Obertertianer die Liebe zu Gabelsbergers Redezeichenkunst ins Herz. Auch in den Ober­klassen des Gymnasiums zu Oldenburg und während der Universitätsjahre von 1895 bis 1900, in denen Hardekopf in Leipzig und Berlin klassische Philologie und Germanistik studierte, nahm er sich der stenographischen Fortbildung seines Schülers an. So aus­gebildet, konnte Hardekopf bereits von seinem 22. Lebensjahre an als Hilfsstenograph in drei Sessionen des sächsischen Landtags mitwirken. Zwischen 1897 und 1904 stenographierte er außerdem zwei Sessionen des weimarischen Landtags sowie die wöchentlich einmaligen Abendsitzungen der Leipziger Stadtverordneten­versammlung. Außerhalb der Tagungszeiten dieser Parlamente betätig­te er sich als Stenograph und Presseberichterstatter auf den Journalistentribünen des Reichstags und der beiden Häuser des preußischen Landtags, auch in der damals üblichen und von ihm geistvoll und sprachgewandt gemeisterten Form der parlamenta­rischen Stimmungsbilder.

Am 12. April 1904 berief ihn die Reichstagsverwaltung in ihren Stenographischen Dienst, zunächst als Diätarstenograph. Beim Freiwerden einer Planstelle im Jahre 1912 wurde er dort etatmäßig angestellt. Hochbegabt, literarisch interessiert und aufs gründlichste belesen, fand der bereits damals Anschluß an Berliner und in der parlamentsfreien Zeit auch an Pariser Schriftstellerkreise. Die erste Frucht seines literarischen Schaffens war ein durch eine Mischung von Sentimentalität und Frivolität überraschender Einakter aus dem Pariser Milieu mit dem Titel „Der Abend". Der Ausbruch des Welt­krieges von 1914 drückte den zartkonstituierten und weichempfindenden Ästheten und Pazifisten körperlich und seelisch völlig nieder. Ein Lungenleiden verschaffte ihm die Genehmigung für den Aufenthalt in der Schweiz, wo er den Krieg im Kreise gleich­gesinnter Expressionisten und Mitleidsevangelisten – so Iwan Goll, Ball und Ludwig Rubiner, die auf neutralem Boden gegen den menschen­mordenden Krieg protestierten – physisch und psychisch leidend überstand. Auch nach Kriegsende erlaubte ihm sein Gesundheitszustand nicht, seine Amtstätigkeit im Stenographenbüro des Reichstags wiederaufzunehmen; er wurde 1920 pensioniert und lebte seit 1922 ständig in der Schweiz und in Paris.

Nur selten besuchte er seitdem Deutschland. Zuweilen sah man ihn dann auf der Zuhörertribüne des Reichstags oder im Stenographenbüro des Wallotbaus. Vielleicht drückte der oft traurige Blick seiner Augen die gleichen Empfindungen der Liebe und des Heimwehs nach Deutschland aus, die sich in vielen Stellen der Werke Heinrich Heines widerspiegeln. So wird Hardekopf im Nachruf Ossip Kalenters in der Züricher „Tat" vom 3. April denn auch als der „pariserischste der deutschen Literaten" charakterisiert. War er doch auch in den Literatencafés der französischen Metropole ein regel­mäßiger und ebenso geschätzter Gast wie im „Café Größenwahn" und im „Romanischen Café" am Berliner Kurfürstendamm. In einer Strophe seiner, wie er selbst sagt, „allzu freien" deutschen Nach­dichtung des „Chanson d'automne" des französischen Lyrikers Paul Verlaine klagt Hardekopf:

Ich trag' mein Weh
Spät ins Café
Und hege es;
Und denke dann
Mit Tränen an
Gewesenes.

Mit Interesse verfolgten die Kollegen aus seiner Parlamentsstenographenzeit sein späteres literarisches Wirken in Frankreich und der Schweiz. Nicht immer vermochten seine eigenen Dichtungen, die gesammelt als „Lesestücke" und als „Privatgedichte" erschienen, bei den mit der Realpolitik des Tages befaßten Lesern die gleichen Saiten zum Klingen zu bringen, die der Dichter an­schlug. Professor Ahnert variierte einmal den Ausspruch des Marquis Posa in Schillers „Don Carlos" – keineswegs übelwollend, sondern in voller Wertschätzung Hardekopfs – in die Worte:

Anders als sonst in Menschenköpfen
Malt sich in diesem Hardekopf die Welt.

In seinem literarischen Schaffen hat sich Hardekopf besondere Ver­dienste und bleibenden Ruhm durch die allgemein als mustergültig anerkannten Übersetzungen französischer Autoren ins Deutsche er­worben. Zu ihnen gehören der Abbé Prévost d'Exiles (1697 bis 1763), Prosper Mérimée (1803 bis 1870) und aus neuerer Zeit Malraux (geb. 1901) und Ramuz (1878 bis 1947). Vor allem aber gilt Hardekopf als der feinsinnigste Nachgestalter des Nobelpreisträgers André Gide (1869 bis 1949). Von ihm stammen insbesondere die folgen­den Übersetzungen des französischen Dichterphilosophen: „Die Falschmünzer", „Die Verliese des Vatikans", „Stirb und werde". Gides im Jahre 1907 veröffentlichter Roman „Le Retour de l'Enfant Prodigue" war bereits 1914 von keinem geringeren als Rainer Maria Rilke unter dem Titel „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes" ins Deutsche übersetzt worden. Hardekopf, der feinempfindende Meister und Beherrscher beider Sprachen, unternahm 1951 erfolgreich das Wagnis einer neuen deutschen Übersetzung des französischen Autors mit der gefühlsreicheren Überschrift: „Die Heimkehr des verlo­renen Sohnes".

Die persönlichen Rückwirkungen der politischen und militärischen Ereignisse in Deutschland und Frankreich verdüsterten die letzten Jahrzehnte seines ohnehin unsteten Lebens und seines unermüd­lichen Schaffens noch mehr. Der nationalsozialistische Staat stellte aus politischen Gründen die Überweisung deutscher Beamten­pensionen ins Ausland ein und erschwerte damit in einer ohnehin schwierigen Zeit die wirtschaftliche Existenz Hardekopfs noch mehr. Eine Heimkehr ins Reich war ihm, zumal er in Frankreich und in der Schweiz gegen den Nationalsozialismus Stellung genommen hatte, unmöglich. Als die deutschen Truppen in Nizza einrückten, wohin er sich schließlich abgesetzt hatte, geriet er in Gefangenschaft. Völlig verarmt kehrte er 1946 in die Schweiz zurück. Bis in seine letzten Lebenstage feilte er an seinen Versen und Übersetzungen, bis seine Hand versagte und sein Herz brach. Sein treuer Freund Carl Seelig weilte in Zürich an seinem Sterbebett. Auch als Hardekopf in einem qualvollen Todeskampf ermattete, verließ ihn seine vornehme und höfliche Haltung nicht. Seine letzten Worte waren: „Erlauben Sie, daß ich still bin."

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen, wie auch ein Brief Bismarcks an ihn zeigt. Zur Erinnerung an seinen Todestag mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.