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Archivbeitrag aus der Stolze-Schrey-Post 4/1950, S. 1-3, mit freundlicher Genehmigung des Stenografenverbandes Stolze-Schrey

Der Versuch, auch nur einigermaßen ausführlich über die Redaktionskunst des Stenographen zu schreiben, wäre ein unmögliches Unterfangen, benötigte doch die Ausbildung des Stenographen in dieser Kunst in den alten Parlamenten, in denen man noch auf die Schönheit der Rede und auf die stilistisch einwandfreie Wiedergabe des Gesprochenen Wert legte, drei bis fünf Jahre. In Wirklichkeit lernt man darin nie aus; denn die Sprache lebt, der Sprech- und Schreibstil ändern sich, und so muss der Stenograph auch auf diesem Gebiete dauernd ein Lernender bleiben.

Aber ich will versuchen, das Prinzip zu erläutern, das recht einfach ist. Es lautet: Schreibe, was der Redner hat sagen wollen, und schreibe es so, wie er es hat sagen wollen.

Man muss davon ausgehen, daß auch ein ungewandter Redner etwas ganz Bestimmtes hat zum Ausdruck bringen wollen. Nun gut: Dieses suche man zu ergründen! Der Stenograph muss auf allen Gebieten ein umfangreiches Wissen haben; und reicht es für den Einzelfall nicht aus, so muss er es durch Studium der Unterlagen und unter Umständen noch durch Benutzung von Lexika, Fachwörterbüchern, Lehrbüchern usw. so lange ergänzen, bis er erfasst hat, was der Redner hat sagen wollen, wobei er berücksichtigen muss, daß jedes einzelne Wort seine Bedeutung hat; dann bringe er diesen Gedanken in einwandfreiem Deutsch zu Papier.

Aber es genügt nicht, nun den Gedanken des Redners mit eigenen Worten wiederzugeben, vielmehr müssen die Worte des Redners weitestgehend benutzt werden; denn „jedes Wort hat seine Bedeutung" und ist daraufhin zu prüfen, ob es wirklich das Gemeinte richtig zum Ausdruck bringt, oder ob der Redner es nur aus Verlegenheit, weil ihm das richtige Wort im Augenblick nicht einfiel oder er auf kein besseres kommen konnte, benutzt hat – in der festen Überzeugung, der Hörer werde schon verstehen, was der Redner gemeint habe. Und der Hörer versteht es auch richtig und ist unter Umständen sogar bereit, zu beschwören, daß sich der Redner klar und eindeutig ausgedrückt und das „richtige" Wort gebraucht habe. – Nur das Stenogramm stimmt dann nicht, und die Schuld wird mit Recht beim Stenographen gesucht.

Oftmals streicht der Redner einzelne Worte oder ganze Satzteile gewissermaßen wieder aus, während er andererseits irrtümlich glaubt, andere bereits gesagt zu haben, und sie daher auslässt. Noch schlimmer ist es, wenn er über der Fülle seiner Gedanken den Faden verliert, keinen Satz beendet und aus dem Hundertsten ins Tausendste kommt. Auch hier muss der Stenograph folgen können, muss das falsche Wort durch das treffende ersetzen, „ausgestrichene" Wörter ausmerzen, nicht gesagte ergänzen und den Satz sinngemäß ergänzen, zergliedern und damit lesbar und verständlich machen. Und all das muss sich in den engsten Grenzen halten, und es muss die Sicherheit bestehen, daß der Sinn durch die redaktionelle Tätigkeit nicht geändert sondern lediglich verdeutlicht wird. Der Stenograph muss in der Lage sein, auch die schlecht stilisierte Rede so wiederzugeben, wie sie der Redner gern gehalten hätte, wenn er so wortgewandt wäre, wie der Stenograph schreibgewandt – sein sollte!

Weiter ist zu beachten, daß jedes Wort nicht nur seine Bedeutung, sondern auch seine Beziehungen und damit seine bestimmte Stellung im Satzteil und im Satzganzen hat, und entsprechend muss der Stenograph die einzelnen Wörter und Satzteile zu einem Satzganzen zusammenfügen, mag der Redner sie auch noch so sehr auseinandergerissen haben.

Ganz flüchtig will ich hierbei auf das Wörtchen „sich“ hinweisen, das sich so gern am Ende des Satzes verkriecht (nicht: das so gern am Ende des Satzes sich verkriecht), während es an die Spitze gehört. Man sieht also: Erfordernis für den guten Stenographen ist
1) Beherrschung der Kurzschrift,
2) Beherrschung der deutschen Sprache, des Stils, der Logik, der Grammatik und der Interpunktion,
3) Einfühlungsvermögen in Stoff und Persönlichkeit des Redners,
4) ein möglichst umfangreiches Wissen auf allen Gebieten. – Der ideale Stenograph müsste auf allen Gebieten Fachmann sein. Und da das unmöglich ist, sollte man von Gebieten, von denen man weniger versteht, die Finger lassen oder einen sachverständigeren Kollegen heranziehen, ehe man die Stenographie in Verruf bringt, wie es so oft von unzulänglich ausgebildeten Stenographen geschieht

Als Beispiel für die Redaktion benutze ich den Text der Februar-Preisaufgabe. Hat denn weder der unglückliche Stenograph noch irgendein anderer gemerkt, was für ein Unsinn da geschrieben steht?! Und doch hat die ganze Sache durchaus ihren guten Sinn; es handelt sich nur um einen Lesefehler, der mit geringem Nachdenken hätte gefunden und beseitigt werden können. Dann braucht man nur noch ein klein wenig zu feilen und eine richtige Interpunktion einzufügen, und der Redner wird nichts mehr daran auszusetzen haben.

Die Preisaufgabe hieß:
Der Ministerpräsident wollte kein Lobredner seiner Heimat sein – ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, daß er es immer ist, auch wenn er sagt, er wolle es nicht sein. Mit mir selber müssen Sie nachsichtig sein. Ich kann nicht in jedem Lande sagen wollen, um einen netten Eindruck zu hinterlassen, dies sei nun der Gipfel, Ich bin kein Alpinist mit Rekordehrgeizen. Mir mag es genügen wie immer schon, wenn ich durch Deutschland wanderte, und ich bin viel gewandert, in der Vielfalt der Dialekte und Gewöhnungen, der Hausformen der landwirtschaftlichen Struktur, der gewerblichen Art der Hintergrundsmelodie des gemeinsamen Geschichtsbewußtseins zu spüren, sie darf in der Sonderliebe der Stämme notabene auch in der Eigenliebe der Parteien nicht untergehen.

Zuvor noch etwas Redaktionelles! „Ich kann nicht in jedem Lande sagen wollen, dies sei nun der Gipfel“. Wieso „wollen“? Es kommt doch nicht auf das Wollen sondern auf das Tun an! Der Redner meinte: „Ich kann nicht in jedem Lande sagen, dies sei nun der Gipfel, und ich will es auch nicht“, und bringt beide Sätze durcheinander.

Nun der Lesefehler! „Mir mag es genügen, in der Vielfalt … der gewerblichen Art der Hintergrundsmelodie des gemeinsamen Geschichtsbewußtseins zu spüren“ ist doch kein Satz und im Übrigen eine reichlich merkwürdige Sache! Hätte ein Stolze-Schreyaner diese Rede aufgenommen, könnte er „das“ und „des" verlesen haben, und der Satz würde heißen: „Mir mag es genügen, in der Vielfalt … der gewerblichen Art der Hintergrundsmelodie das gemeinsame Geschichtsbewusstsein zu spüren“. Und im nächsten Satz müsste dann „sie“ durch „es“ ersetzt werden.

Das ist immer noch reichlich unklar. Nimmt man nun an, ein EKler habe es geschrieben, dann könnte „der“ und „die“ verwechselt worden sein, und der Satz würde lauten: „Mir mag es genügen, in der Vielfalt … der gewerblichen Art die Hintergrundsmelodie des gemeinsamen Geschichtsbewußtseins zu spüren“.

Im Zweifel würde ich diese Form für die richtige halten. Es wäre nur noch zu fragen: Warum „mag es genügen“? Wenn der Redner offenbar meint: „Mir genügt es“!

Nun fehlen also noch eine kleine Umstellung und die vernünftige Interpunktion, und der ganze Artikel sieht anders aus und hat seinen guten Sinn:

Der Ministerpräsident wollte kein Lobredner seiner Heimat sein. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, daß er es immer ist, auch wenn er sagt, er wolle es nicht sein. Mit mir selber müssen Sie nachsichtig sein. Ich kann und will nicht, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, in jedem Lande sagen, dies sei nun der Gipfel. Ich bin kein Alpinist mit Rekordehrgeizen. Mir genügt es wie schon immer, wenn ich durch Deutschland wanderte
– besser vielleicht: Mir genügt es wie schon immer bei meinen Wanderungen durch Deutschland –
– und ich bin viel gewandert –, in der Vielfalt der Dialekte und Gewöhnungen,
– sollte es nicht „Gewohnheiten“ heißen?! —
der Hausformen, der landwirtschaftlichen Struktur, der gewerblichen Art die Hintergrundmelodie des gemeinsamen Geschichtsbewußtseins zu spüren. Sie darf in der Sonderliebe der Stämme und notabene auch in der Eigenliebe der Parteien nicht untergehen.

Nun noch ein paar kleinere Beispiele:
„Wir als Kommunisten müssen uns dagegen wehren“. In anderer Eigenschaft hat der Redner offenbar nichts dagegen einzuwenden! Oder? Also: „Wir Kommunisten müssen uns dagegen wehren“!
„Wir als Kommunistische Partei wehren uns dagegen“ muss heißen: „Wir wehren uns dagegen" (denn man weiß ja, daß der Redner für die Kommunistische Partei spricht) oder: „Die Kommunistische Partei wehrt sich dagegen“.
„Wir befinden uns hier in einem D-Zug, dem man den Wind aus den Segeln genommen hat“. Hier sind zwei Bilder durcheinander gebracht. Das treffendste Bild muss herausgesucht und folgerichtig zu Ende geführt werden. Man müsste also etwa schreiben: „Wir befinden uns hier gewissermaßen in einem D-Zug, dessen Lokomotive man abgekoppelt hat“.
Ganz sonderbare Dinge werden manchmal gesagt, wie z. B.: „Ich kann darauf nicht weiter eingehen, da ich zu beschränkt bin“. Sollte man glauben, daß der Redner wirklich gemeint hat, was er sagte?! Er meinte: „da meine Redezeit zu beschränkt ist“.
Oder: „ Ich bitte die Damen und Herren, sich jetzt zu paaren und nach Saal 7 zu begeben“ statt: „sich jetzt paarweise nach Saal 7 zu begeben“.

Ein anderer Redner führte aus – die Ausführungen sind schon redigiert –: „Unsere Bevölkerung empfindet es als Unrecht, daß diejenigen, die heute im Raum Köln ihre Wohnungen verlassen müssen, Zeit haben, ihre Möbel mitzunehmen, ja, daß für sie sogar Wohnungen gebaut werden, während diejenigen, die bereits 1945 herausgeworfen wurden, innerhalb weniger Minuten ihre Wohnungen verlassen, ihre Möbel aber drin lassen mussten, die dann oft auf einen Möbelfriedhof gebracht wurden". – Ich glaube, der Sinn ist hier nicht richtig wiedergegeben; richtig müssten beide Satzteile vertauscht werden, und es müsste heißen: „Unsere Bevölkerung empfindet es als Unrecht, daß diejenigen, die bereits 1945 herausgeworfen wurden, … während diejenigen, die heute ausziehen müssen …“

Weniger angenehm ist folgender Satz: „Noch schlimmer ist es, daß durch die lange Wartezeit nach der Erfassung bis zum Eintritt der Behandlung wegen ungenügender Bettenzahl in den Krankenhäusern und Heilstätten meistens drei bis vier Monate vergehen, um die Erkrankten wirklich einer Heilstättenbehandlung zuzuführen“. Hier braucht man im Wesentlichen nur das Zusammengehörige zusammenzubringen, und der Satz wird verständlicher: „Noch schlimmer ist es, daß wegen ungenügender Bettenzahl in den Krankenhäusern und Heilstätten nach der Erfassung meistens drei bis vier Monate vergehen, ehe die Erkrankten wirklich einer Heilstättenbehandlung zugeführt werden können.“

Ein sehr häufiger Fehler ist die Verwechslung von Aktiv und Passiv. Zum Beispiel: „Das Problem ist zu ernst, um es flüchtig zu streifen“ statt: „um flüchtig gestreift zu werden“ oder besser: „als daß man es nur flüchtig streifen dürfte“. Hierhin gehört auch die beliebte Redensart: „Zusammenfassend kann gesagt werden“. Vorn Aktiv, hinten Passiv! Nein! Es muss heißen: „Zusammengefasst kann gesagt werden“ oder: „Zusammenfassend kann man sagen“.

Sehr häufig sind auch Pleonasmen: Wir haben nicht die Möglichkeit, das tun zu können“, „Wir stehen vor der Notwendigkeit, das tun zu müssen“ statt in beiden Fällen: „das zu tun“. „Richtlinien, ohne die es offenbar nicht zu gehen scheint“ – entweder: „ohne die es offenbar nicht geht“, oder: „ ... ohne die es nicht zu gehen scheint“.

Diese wenigen Beispiele können natürlich nur die einfachsten Fälle behandeln, müssen aber hier genügen. Immer aber sei man sich bewusst: Ein schlechter Stil fällt stets auf und wird mit Recht dem Stenographen zur Last gelegt; eine gut redigierte Rede dagegen ermöglicht ein fließendes Lesen und bringt dem Redner Anerkennung ob seiner Beredsamkeit; der Stenograph jedoch bleibt im Verborgenen; Anerkennung für gute Arbeit erntet er daher selten oder nie.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen. Zur Erinnerung an ihn, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt, mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.