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Hinter den Kulissen der Macht

Ein eindrucksvolles Porträt über die Arbeit von Parlamentsstenografen findet sich in der Sendung „Die Story – Hinter den Kulissen der Macht“ über die Marathonsitzung des Bayerischen Landtags vom 8. auf den 9. Dezember 2016, abrufbar in der BR-Mediathek.

In dem Artikel „Im Landtag werden die Stenotypisten knapp“ („Rheinische Post“ vom 20.06.2016) muss einiges zurechtgerückt werden.

„Stenotypisten“ ist ein Fehlgriff; gemeint ist die völlig andersgeartete Berufskategorie „Parlamentsstenografen“ (nachstehend „Stenografen“ genannt).

Die Behauptung, auf dem Arbeitsmarkt stünden zu wenig Stenografen zur Verfügung, mit deren Hilfe die erreichten Kapazitätsgrenzen überwunden werden könnten, trifft so nicht zu. Wahr ist, dass manche Landtage zu wenig Stenografenstellen ausweisen, sodass geeignete Bewerber abgewiesen werden, oder das Potenzial an freiberuflichen Stenografen nicht bedarfsgerecht ausschöpfen oder in der frühzeitigen vorsorgenden Rekrutierung von auszubildenden Nachwuchskräften zu zögerlich sind.

Hellhörig macht die Bemerkung, die Landtagsverwaltung erwäge, für die Erstellung der Protokolle „externe Schreibbüros … sowie neuere technische Verfahren einzusetzen“. Solche Gedanken sind laienhaft. Sie beruhen auf der irrigen Annahme, ein Wortprotokoll könne durch das Abschreiben einer Tonaufnahme hergestellt werden. Dabei wird verkannt, dass Reden und Diskussionsbeiträge nur hoch selten den Regeln der Grammatik, Syntax, Semantik, Sprachlogik, Idiomatik, Phraseologie, Stilistik usw. auch nur einigermaßen gerecht werden und deshalb einer sehr feinfühligen sprachlichen Überarbeitung (Redigierung) bedürfen, bevor sie gedruckt werden können. Zuhörer bemerken die sprachlichen Mängel der Reden in der Regel nicht, da sie immer nur kleine „Fenster“ von scheinbar stimmigen Wortfolgen – etwa fünf Wörter – im Kurzzeitgedächtnis haben und sich im Übrigen von der persönlichen Gesamtwirkung des Redners – Intonation, extragrammatische Rhetorik, Körpersprache, Ausstrahlung – und von der Ahnung dessen, was er sagen will, leiten lassen. Dank dieser Gesamtwirkung „verzeihen“ die Zuhörer dem Sprecher unbewusst alle sprachlichen Mängel. Da im Protokoll die Gesamtwirkung aber unter den Tisch fällt, würde eine sprachlich unbearbeitete schriftliche Wiedergabe den Redner unverzeihlich bloßstellen. Im Protokoll wird der Wegfall der Gesamtwirkung mit den Mitteln der Redigierung kompensiert.

Um es konkreter zu sagen: In vielen gesprochenen Sätzen passt das Ende nicht zum Anfang. Bandwurmsätze entpuppen sich sehr oft als unlogische Aneinanderreihungen verkorkster Satzfragmente. Es gibt Redner, die keinen Satz zu ‚Ende sprechen, sozusagen nur Satzanfänge produzieren und den mitdenkenden Zuhörer dennoch erkennen lassen, was sie damit sagen wollen.

Die sprachliche Bearbeitung, die „Arbeit am Wortlaut“, hat bei der Protokollabfassung eine zentrale Bedeutung. Sie ist unverzichtbar, kann aber weder von einer Schreibkraft noch von einem Schreibbüro, noch von irgendeinem „neueren technischen Verfahren“ geleistet werden.

Diese geistig anspruchsvolle Aufgabe bewältigt nur ein Mensch, der die verhandelte Materie und die zugehörige Terminologie kennt und dank einer überdurchschnittlichen Sprachkompetenz spontan und simultan Zugriff zu den sprachlichen Mitteln des Redigierens nehmen kann. Seit fast zwei Jahrhunderten leisten dies traditionell die Parlamentsstenografen. Denn sie bringen außer einer herausgehobenen Sprachkompetenz ein abgeschlossenes Hochschulstudium mit und haben eine mehrjährige berufspraktische Ausbildung hinter sich.

Laien sagen gern: Wozu Stenografen?; zunächst könne doch eine Schreibkraft die Tonaufzeichnung mit allen sprachlichen Unzulänglichkeiten abschreiben, und dann könne eine dazu qualifizierte, sachverständige Person die Abschrift sprachlich überarbeiten. –  Solch ein Verfahren ist schon mehrfach ausprobiert worden. Da die Scheibkraft vieles akustisch nicht oder falsch versteht, muss ihre Abschrift zunächst durch eine sachverständige Kraft auf Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Wortlauts überprüft und entsprechend korrigiert werden. Die sich anschließende Redigierung muss in relativ komplizierter Weise technisch umgesetzt werden. Dabei können sich leicht Fehler aller Art einschleichen, die in zusätzlichen Arbeitsgängen entdeckt und ausgemerzt werden müssen. Unentdeckt bleibende Fehler können sich mit der Zahl der Arbeitsgänge zudem potenzieren. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das gedruckte Protokoll latente sinnentstellende Fehler enthält, die später von Lesern moniert werden.

Das stenografische Verfahren verläuft dagegen optimal zeitökonomisch und optimal fehlerfrei. Der Stenograf diktiert auf der Grundlage des in seinem Stenogramm festgehaltenen Originalwortlauts die aus dem Stegreif neu formulierte, redigierte Fassung des von ihm protokollierten Sitzungsabschnitts. Dabei kommt ihm der unübertreffliche Simultanüberblick zuhilfe, den ihm jedes Stenogrammblatt über mehrere Minuten Verhandlungszeit gewährt. Eine Tonaufzeichnung bietet hingegen nichts, was diesem Simultanüberblick entspräche.

In einem einzigen Arbeitsgang verwandelt also der Stenograf die mündliche Originalfassung in die druckreif redigierte schriftliche Fassung. Beim nichtstenografischen Verfahren geschieht dies jedoch in mehreren Arbeitsgängen, die mehr Zeit- und mehr Personalaufwand erfordern und eine höhere Fehlerquote und damit eine geringere Protokollqualität wahrscheinlich machen.

Ergebnis in betriebswirtschaftlicher Sicht: Der deutlich höhere Zeit- und Personalaufwand des nichtstenografischen Verfahrens verschlingt auffallend mehr Steuergelder als die Unterhaltung von „Stenografischen Diensten“ durch die Parlamente, selbst wenn man die Gehälter berücksichtigt, die Stenografen als Beamte des höheren Dienstes beziehen.

Parlamentsverwaltungen, die den Irrtum begehen, Stenografen durch Technik und Schreibkräfte zu ersetzen, erweisen sowohl den_Abgeordneten und sonstigen Lesern der Protokolle als auch den Steuerzahlern einen Bärendienst. Die Qualität der.stenografischen Protokolle hat diese Dokumente zur Visitenkarte der Parlamente und des Parlamentarismus gemacht. Es wäre töricht, davon Abstriche zu machen – und das auch noch auf Kosten der Steuerzahler.

Dem Mangel an Stenografen kann übrigens effizient entgegengewirkt werden, wenn die deutschen Parlamente eine attraktive gemeinsame Schulungsinstitution gründen, in der Parlamentsstenografenanwärter und gleichermaßen -aspiranten gezielt qualifiert werden. Welches Parlament ergreift die Initiative?

Hans Treschwig, wissenschaftlicher Beirat des Deutschen
Verbandes der Lehrer für Informationsverarbeitung E. V. (DVLI)

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen. Zur Erinnerung an ihn, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt, mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.