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aus NStPr 4 (1956), Heft 4, S. 125-131

Zu den Großen im Reiche der Kurzschrift dürfen wir neben den bekannten Systemschöpfern und den stenographischen Wissenschaftlern auch die erfolgreichen Propagandisten, die Vorkämpfer für die Verbreitung der Kurzschrift, sowie die großen Meister in der praktischen Ausübung unserer Kunst zählen. Ein Mann, der den beiden letzten Kategorien zuzurechnen ist, war Max Bäckler, dessen Geburtstag sich am 5. Dezember dieses Jahres zum hundertsten Male jährte.

Bäckler war das Haupt der Neustolzeschen und später der Stolze- Schreyschen Schule, aber er war darüber hinaus eine in der ganzen stenographischen Welt bekannte Persönlichkeit. Sein Name ist aufs engste verknüpft mit den langwierigen Kämpfen der großen Systemgemeinschaften um die Vorherrschaft und den sich daraus ergebenden Einheitsbestrebungen, deren Abschluß er selbst freilich nicht mehr erlebte; er starb am 15. Juli 1924.

Der von Max Bäckler durchlebte Zeitraum war von früher Jugend bis zum Tode ausgefüllt durch sein Wirken für die Kurzschrift, sowohl hauptberuflich wie nebenberuflich, sowohl in Gestalt einer Lieblingsbeschäftigung wie in ehrenamtlicher Betätigung. In seiner ostdeutschen Heimat — er wurde in Elbing geboren — hatte er auf dem Königsberger Realgymnasium das Altstolzesche System erlernt und sich dann als Schüler in Gabelsbergers Redezeichenkunst vertieft. Mit 20 Jahren ging er nach Berlin, um sich hier durch seine stenographische Fertigkeit die Mittel für das weitere Universitätsstudium zu erwerben. Er geriet bald in die damals noch schwach entwickelte stenographische Bewegung. Bereits mit 21 Jahren gründete er den Stolzeschen Stenographenverein zu Berlin, später kurz Bäcklerscher Verein genannt, der schnell zum größten Kurzschriftverein jener Zeit mit über 1500 Mitgliedern anwuchs. Er schuf sich dazu eine eigene Zeitschrift, das „Magazin für Stenographie“, das eines der bedeutendsten Organe der kurzschriftlichen Literatur Deutschlands gewesen ist.

Im Jahre 1891 wurde Bäckler zum Organisator des 50jährigen Jubiläums der Stolzeschen Kurzschrift und zugleich des damit verbundenen internationalen Stenographentages in Berlin berufen. Beide Aufgaben löste er in glänzender Weise. Ein Jahr darauf sehen wir ihn als Vorsitzenden des Verbandes Stolzescher Stenographenvereine an der Spitze der Neustolzeschen Schule. In dieser Eigenschaft führte er 1897 das Werk der Einigung mit der Schreyschen Schule durch, und als Haupt der Schule Stolze‐Schrey hat er diese Gemeinschaft dann mit größtem Erfolge bis an sein Lebensende geführt.

Diese kurzen Daten umschließen ein Stück deutscher Kurzschriftgeschichte, der Max Bäckler wie kaum ein anderer seinen Stempel aufgedrückt hat. Gewiß ist seit den Anfängen der deutschen Kurzschrift das kennzeichnende Merkmal fast aller Träger der stenographischen Bewegung eine oft bis ans Fanatische grenzende Begeisterung für die Kurzschrift und insonderheit für das von ihnen vertretene System gewesen. Aber Bäckler hat doch, wie dies auch von seinen Gegnern zugegeben wurde und wie es die stenographische Geschichtsschreibung beglaubigt, alle anderen Apostel und Missionare auf diesem Gebiet überragt. Dazu verhalfen ihm die großen Geistesgaben, die ihn in seltener Weise auszeichneten und die er alle in den Dienst seiner Lebensaufgabe gestellt hat.

Durch sein feuriges Temperament und seine zündende Beredsamkeit gelang es ihm, überall das Interesse für die Kurzschrift zu wecken und zu steigern und auch hochgestellte Persönlichkeiten und Behörden für seine Bestrebungen zu gewinnen. Das stenographische Vereinsleben hat er in ungeahnter Weise belebt. Sein Beruf führte ihn ständig in alle größeren Städte Deutschlands. Stets benutzte er die Gelegenheit, dort Versammlungen abzuhalten und Vorträge zu halten, neue Anhänger zu gewinnen und die alten zu erhöhter Tätigkeit anzuspornen. Durch sein organisatorisches Geschick hat er den von ihm geleiteten Verband mit allen Sondereinrichtungen einschließlich einer großen Geschäftsstelle und einer gewinnbringenden Verbandsbuchhandlung zu einem festgefügten Instrument für die Verbreitung der Kurzschrift Stolze-Schrey gemacht. Die großen Bundes- und Verbandstagungen erhielten durch sein Erscheinen und sein mitreißendes Auftreten immer einen zugkräftigen Charakter.

Bäckler war nicht nur ein Meister der Rede, sondern auch ein Meister der Feder. Seine schriftstellerischen Leistungen im Dienste der Kurzschrift sind fast unübersehbar. Die Geschichte der Kurzschrift von Schneider- Blauert rühmt von Bäckler, er stehe auf diesem Gebiet, was die Menge der Veröffentlichungen und auch ihre Gediegenheit anlange, wohl an der Spitze aller Kurzschreiber. Erwähnt wurde schon das „Magazin für Stenographie“, das Bäckler von 1880 bis 1900 herausgegeben hat. An dessen Stelle trat 1901 das Stolze-Schreysche Verbandsblatt „Der Deutsche Stenograph“. Auch diese Zeitschrift hat Bäckler wiederum fast ein Vierteljahrhundert, wenn auch nicht durchweg verantwortlich — weil Arbeitsüberhäufung ihn daran hinderte —‚ geleitet und ständig mit seinen geistigen Erzeugnissen gefüllt. Und schließlich hat er auch von 1892 bis 1900 das „Archiv für Stenographie“ herausgegeben, anfangs noch als Organ des Verbandes Stolzescher Stenographenvereine, dann aber als „Monatsschrift zur wissenschaftlichen Pflege der Kurzschrift“, als welche das Archiv in der Folgezeit den Ruhm deutscher stenographisch-wissenschaftlicher Forschung in die ganze Welt hinausgetragen hat. Für uns Berufsstenographen enthalten gerade diese von Bäckler redigierten Jahrgänge des Archivs eine Reihe von Aufsätzen aus der Feder des Reichstagsstenographen Dr. Hellwig, des späteren Direktors des Reichstagsstenographenbüros, die heute noch ihren bleibenden Wert haben und es verdienten, einmal wieder aus der Vergessenheit ans Licht gezogen zu werden 1).

Bäckler selbst war weder stenographischer Geschichtsforscher noch Systemtheoriker, so umfassend sein Wissen vom Werden der Stenographie, so fein seine Kenntnis von den bedeutenderen Kurzschriften der Welt und so sicher sein Urteil in Fragen des Systembaues auch war; seine literarische Tätigkeit war ihm in der Hauptsache das Mittel für die Durchsetzung seiner systempolitischen Ziele. Hierbei gesellte sich zu der Propaganda für das eigene System naturnotwendig der Kampf gegen die anderen Systeme, vornehmlich gegen das Gabelsbergersche, dem er den historisch bedingten Vorrang streitig zu machen suchte. Dieser Kampf wurde zeitweilig — und zwar von beiden Seiten — mit einer unglaublichen Erbitterung geführt, und wenn heute noch manchmal von dem „unseligen Systemstreit“ früherer Zeiten die Rede ist, dann ist meist jene Periode gemeint, in der auf der einen Seite Männer wie Clemens, Gaster, Pfaff, auf der anderen Seite Bäckler die Wortführer in den heftigen Auseinandersetzungen waren. Selbst als die Einigungsverhandlungen längst im Gange waren, glimmte diese Fehde immer wieder auf.

An diesen Verhandlungen zur Schaffung eines Einheitssystems hat Bäckler in ihren einzelnen Phasen während der letzten 16 Jahre seines Lebens mit großem Eifer mitgewirkt und durch das Gewicht seiner Persönlichkeit auch hier das Auf und Ab der Bemühungen aufs stärkste beeinflußt. Mitten in dem dramatischen letzten Akt, als der gordische Knoten weniger durch eine fachmännische als durch eine ministerielle Gewaltlösung durchhauen wurde, hat der Tod ihn abberufen.

Die vielseitigen Leistungen Max Bäcklers, die hier kurz skizziert sind, stellen wie bei allen großen Männern der Kurzschrift nur den ehrenamtlichen Teil seiner Betätigung im Dienste der Kurzschrift dar. Was er - man muß bei der Fülle des Geleisteten fast sagen: daneben — beruflich auf stenographischem Gebiet geleistet hat, stellt das bisher Aufgezählte noch weit in den Schatten.

Bäckler war Parlamentsstenograph und Journalist, war also ein engerer Berufskollege von uns, was dem Gedenken an ihn zu seinem 100. Geburtstage in diesem Fachblatt eine besondere Aktualität verleiht. Parlamentsstenograph war in jener Zeit etwas anderes als heute. Unter dieser Bezeichnung verstand man die Berichterstatter der Presse auf der Parlamentstribüne, vornehmlich des Reichstags und des Preußischen Landtags in Berlin, die mit Hilfe der Stenographie die Parlamentsberichte für die Zeitungen in mehr oder weniger großer Ausführlichkeit, teilweise sogar wörtlich, anfertigten. Die Zeitungen räumten damals den Reichstags- und Landtagsverhandlungen noch viel Platz ein. Spaltenlange, ja seitenlange Berichte waren die Regel. Es gab allerdings noch keinen Sportteil und erst recht noch keine Rundfunkübertragungen. Parlamentsstenographen in dem hier bezeichneten Sinne gibt es heute, wie das auf diesen Blättern schon mehrfach betont worden ist, kaum noch.

Als Max Bäckler mit 20 Jahren seine Laufbahn als Parlamentsberichterstatter begann, trat er zunächst in das Büro der „Magdeburgischen Zeitung“ ein. Bald darauf wurde er in das parlamentarische Büro der „Kölnischen Zeitung“ berufen, die seinerzeit von allen deutschen Blättern die größte Sorgfalt auf einen ausführlichen und zuverlässigen Bericht über die Verhandlungen des Reichstags und des Preußischen Landtags verwandt hat. Bismarck hat nicht selten auf die Wiedergabe von Reden in der „Kölnischen Zeitung“ Bezug genommen. Nach 20jähriger Dienstzeit in dieser angesehenen Stellung — er war zuletzt Leiter des Büros — gründete Bäckler im Jahre 1897 ein eigenes parlamentarisches Büro, das er fast ein Vierteljahrhundert lang geleitet und erst in vorgerücktem Alter an die Telegraphen-Union abgegeben hat.

Das Bäcklersche Büro, wie es allgemein kurz genannt wurde, gehörte neben Wolffs Telegraphenbüro (mit der Oldenbergschen Parlamentskorrespondenz) zu den größten Zeitungskorrespondenzen der Vorkriegszeit. 60 bis 70 (!) große und mittlere Zeitungen verschiedener Parteirichtung, in der Hauptsache liberalen Charakters (u. a. Berliner Tageblatt, Tägliche Rundschau, Magdeburgische Zeitung, Münchner Neueste Nachrichten, Hannoverscher Courier, Leipziger Neueste Nachrichten, Königsberger Allgemeine Zeitung, Schwäbischer Merkur usw.) bezogen ihre Reichstags- und Landtagsberichte aus dem Bäcklerschen Büro. Zur Herstellung dieser Berichte beschäftigte Bäckler einen Stab von Mitarbeitern, zu denen hervorragende Journalisten und Stenographen der verschiedensten Systeme zählten. Für viele junge Praktiker war es die Vorschule für den Übergang in den amtlichen Stenographendienst.

Die berufliche Tätigkeit Bäcklers beschränkte sich nun durchaus nicht auf die parlamentarische Berichterstattung. Er war daneben von Anfang an freier Praktiker und hat hier eine Tätigkeit von einem Umfang ausgeübt, daß es nicht übertrieben ist, wenn man sagt, er sei der größte stenographische Praktiker aller Zeiten gewesen.

Es ist schier unmöglich, alle die Körperschaften aufzuzählen, die er jahraus, jahrein auf ihren Kongressen und Verbandstagen bediente. Waren es heute Tagungen großer wirtschaftlicher Verbände, so morgen die wissenschaftlicher Vereinigungen, übermorgen die politischer Parteien und so fort. In bunter Folge seien einige der regelmäßigen Kunden Bäcklers aufgeführt: Medizinische Gesellschaft (fast in jeder Woche eine Sitzung), Chirurgenkongreß, Kongreß für innere Medizin, Balneologentag, Ärztekammer, Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege, Deutscher Apotheker-Verein, Deutsche Bunsen-Gesellschaft, Wissenschaftliche Gesellschaft für Luftfahrt, Verein Deutscher Ingenieure, Verein der Gas- und Wasserfachmänner, Automobilclub von Deutschland, Zentralverband deutscher Industrieller, Reichsverband der deutschen Industrie, Vereinigung der Arbeitgeberverbände, Verein deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, Verein deutscher Maschinenbau-Anstalten, Verein der deutschen Zuckerindustrie, Verein deutscher Druckpapierfabrikanten, Zentralverband der Dampfkessel-Überwachungsvereine, Verein deutscher Portlandcement-Fabrikanten, Deutscher Beton-Verein, Verein deutscher Kalkwerke, Verband der Zement- und Tonindustrie, Nationalliberale Partei und anschließend Deutsche Volkspartei, Teltower Kreistag, Schleswig-Holsteinischer Städtetag, Rheinischer Provinziallandtag.

Sie alle und noch mancherlei andere Vereinigungen und Körperschaften waren Dauerkunden von Bäckler. Bei vielen hat er sein 25jähriges, sein 30jähriges, sogar 40jähriges Jubiläum feiern können. Sie kannten ihn alle auf diesen Tagungen, den Herrn am kleinen Tisch mit dem blonden, später weißen Bart und dem etwas schütteren Haupthaar, den man schon mit 40 Jahren für einen Sechzigjährigen hielt, der aber in merkwürdiger Frische die schwierigsten Aufgaben spielend bewältigte, der im Gespräch nur so sprühte von Geist und Humor.

Zu diesen Daueraufträgen kamen noch mancherlei Sonderaufträge größeren Ausmaßes wie große Prozesse, z. B. der Helfferich-Erzberger-Prozeß oder der Kapp-Putsch-Prozeß, und sogar Regierungsaufträge wie die Börsenenquete 2). Von diesem Riesenauftrag, der ihm seinerzeit, 1892/93, die hübsche Summe von 9000 Mark eingebracht habe, hat Bäckler uns Jüngeren gern erzählt.

Eine besondere Erwähnung verdient auch der Rheinische Provinziallandtag in Düsseldorf, dessen amtlicher Stenograph Bäckler 30 Jahre lang gewesen ist. Er war gehalten, zur Aufnahme der Verhandlungen noch zwei weitere Stenographen mitzubringen, damit der Bericht wie in einem großen Parlament am nächsten Morgen fertig übertragen vorliegen konnte. Bäckler wählte dabei mit Vorliebe die jungen, vielversprechenden Talente aus dem .Stolze-Schreyschen Lager, die hier Gelegenheit hatten, die Feuerprobe der Praxis zu bestehen. Hierzu gehörten u. a. die späteren badischen Kammerstenographen D. Frey, Th. Mager und Dr. Dröse und die Reichstagsstenographen Dr. Liedloff, Dr. Eggeling, Vossen und Dr. Janicke. Die Arbeit in Düsseldorf war bei so kleiner Besetzung nicht leicht. Als Leiter des Büros schrieb Bäckler die ganze Sitzung hindurch und verglich nachher Wort für Wort die Übertragung der beiden anderen, die sich halbstündlich ablösten. Er selbst pflegte zu der Zeit, als es noch keine Schreibmaschinen gab, gleichzeitig zwei Kanzlisten, einem rechts und einem links von sich, aus getrennten Teilen seines Stenogramms zu diktieren. Als das Klappern der Maschine dazukam, hat er freilich diese Überspitzung einer konzentrierten Geistesarbeit aufgeben müssen.

Auch die zahlreichen Aufträge der laufenden Praxis von so ungeheurem Ausmaß konnte natürlich Bäckler trotz seiner enormen Arbeitskraft nicht immer selbst und allein ausführen, schon deshalb nicht, weil oft mehrere Tagungen zusammenfielen. Er mußte sich vielfach durch Kollegen vertreten lassen. Zur Aufnahme der schwierigen medizlnischen Verhandlungen zog er mit Vorliebe Rudolf Drews und Dr. Liedloff heran. Für die eigene Übertragungsarbeit hatte er sich eine wohlorganisierte Methode zugelegt. Er diktierte alle seine Stenogramme jüngeren Sekretären in einem Tempo von durchschnittlich 200 Silben in die Feder; zwei Stunden lang dem einen, dann zwei Stunden lang dem andern und so fort bis spät in die Nacht hinein Die einzige Pause, die er sich gönnte, war das Wiederinbrandsetzen der Zigarre, die er bei solcher Arbeit unaufhörlich mehr zerkaute als rauchte. Auf diese Weise schaffte er mitunter an einem Diktatabend einen ganzen Kongreßtag. Niemals aber hat er eine Übertragung abgeliefert, bevor er sie nicht sorgfältig noch einmal durchgelesen hatte. Diesen Rat hat er auch allen jüngeren Kollegen immer wieder erteilt. Und noch einen anderen Rat gab er jedem Anfänger: nach Möglichkeit stets alle Endungen deutlich mitzuschreiben. Scherzhaft pflegte er zu sagen: Sie können beim Kürzen eines Wortes alles weglassen, nur nicht die Endung! Bäckler selbst hat in der Praxis immer nach Stolze — Neustolzesche Schriftform von 1872 mit dem Simmerleinschen Kürzungsverfahren — stenographiert. Seine Schrift war nicht das. was man eine schöne, gestochene Handschrift nennt, aber sie verriet die Mühelosigkeit, mit der die äußerst flüchtigen Schriftzüge hingeworfen waren.

Eine schöne und treffende Charakterisierung Bäcklers als Praktiker aus einem der vielen Nekrologe — sie stammt von dem Frankfurter Berufskollegen Richard Bähr — mag hier Platz finden:

Max Bäckler war einer der größten Geschwindschreiber, die gelebt haben. Seine Hand war unendlich flink, aber sie war es doch nur deshalb, weil sein scharfer Verstand, sein behender Geist sie führte, weil er Wissen und Fähigkeiten besaß, um die ihn mancher Redner, der in ihm nur den Schnellschreiber sah, hätte beneiden können. Wenn je das Wort zutrifft, das der frühere ungarische Staatsminister Dr. Günther einstmals seinen früheren Kammerstenographen-Kol- legen widmete, „er wisse, daß aus jedem einzelnen von ihnen wohl ein tüchtiger Abgeordneter hätte werden können, von den Abgeordneten aber nur wenige tüchtige Stenographen“, so war es auf Max Bäckler anzuwenden. Er gestaltete aus dem Material, das die Redner ihm hinwarfen, vielfach erst das Werk. Darin war er nicht etwa nur der taktvolle Retoucheur, darin war er ganz großer Meister und nachschaffender, ja oft schaffender Künstler. Die Reden kamen aus seiner Hand so, wie sie der Redner zum Vortrag bringen wollte. So stand er mit seinem Können über den meisten, denen er bescheiden als Stenograph dienen mußte.

Ein bleibendes Verdienst hat sich dieser hervorragende Vertreter seines Faches auch um den Zusammenschluß der deutschen stenographischen Praktiker und die Sicherung ihrer wirtschaftlichen Lage erworben_ Er gab während der Inflationszeit nach dem ersten Weltkrieg den Anstoß zur Gründung der Berufsvereinigung stenographischer Praktiker Deutschlands und hat als ihr erster Vorsitzender mit großem Geschick und Erfolg seine reichen Erfahrungen dieser Fachgemeinschaft nutzbar gemacht. Von der hohen Wertschätzung und Beliebtheit, deren sich Bäckler auch bei der Presse erfreute, zeugt die Tatsache, daß er Vorsitzender des Berliner Schriftstellerklubs und Vorstandsmitglied des Reichsverbandes der deutschen Presse war.

Auch bei den Stenographen des Auslandes war Bäckler durch seine Teilnahme an internationalen Veranstaltungen wohlbekannt und geschätzt. Wir sehen ihn auf dem I. Internationalen Stenographenkongreß in London im Jahre 1887, als zugleich das 50jährige Bestehen der Erfindung Pitmans gefeiert wurde; wir sehen ihn zweimal auf Kongressen in Paris in den Jahren der Weltausstellungen 1889 und 1900; wir sehen ihn, wie schon erwähnt, 1891 auf dem mit der Stolzefeier verbundenen internationalen Kongreß in Berlin; wir sehen ihn auf dem mit einer Jubelfeier des Gabelsbergerschen Bundes vereinten Weltkongreß 1908 in Darmstadt, wo in der gleichen Zeit der Verein Deutscher Kammerstenographen gegründet wurde; und wir sehen ihn dann noch einmal 1922 auf dem Dresdener Kongreß. Immer standen auf diesen internationalen Zusammenkünften Fragen der stenographischen Aufnahme von Parlaments- und Gerichtsverhandlungen im Vordergrund, und immer überwogen unter den von den verschiedenen Ländern entsandten Vertretern die Praktiker, die Parlamentstenographen. Die dabei erörterten Themen fanden das größte Interesse in der Öffentlichkeit. Erst das Abgleiten solcher internationalen Tagungen zu Schreibmaschinenwettkämpfen wie in unserer Zeit hat ihren Glanz und Ruhm verblassen lassen.

Ein Leben voller Arbeit und voller Kampf war es, das hier vor uns ausgebreitet liegt. Dabei verschmähte dieser Heros eines unermüdlichen Wirkens durchaus nicht die Fröhlichkeit und die Geselligkeit; er war den Freuden und Genüssen des Lebens in keiner Weise abhold. Nach harter Arbeit oder nach langer Verbandsvorstandssitzung zeigte sich im Freundeskreise sein geselliges Talent, dann bezauberte er durch sein liebenswürdiges Wesen und seine Unterhaltungsgabe. Er war in froher Tafelrunde unerschöpflich in geistvollen Scherzen und witzigen Anekdoten. Und dank seiner unverwüstlichen Gesundheit war er dann nach wenigen Stunden Schlaf am nächsten Morgen wieder frisch und munter.

Bei so viel Licht gab es natürlich auch Schatten; ein so eigenwilliger Feuerkopf hatte auch seine Kanten und Schärfen. Seine leidenschaftliche Art konnte auch zuweilen verletzen, seine Kampfesweise war nicht immer frei von Überspitzungen, sein übersprudelndes Temperament gefiel nicht jedem Philister. Doch wir dürfen hier mit Goethe sagen:

Was Mitwelt sonst an ihm beklagt, getadelt,
Es hat’s der Tod, es hat’s die Zeit geadelt.

Ohne Zweifel war Max Bäckler eine Persönlichkeit von ganz besonderem Format, die auf dem Felde, das sie sich zur Beackerung erwählt, Ungewöhnliches vollbracht hat. Über 30 Jahre nach seinem Tode ist er im Reiche der Kurzschrift immer noch eine vielgenannte Gestalt. Sein 100. Geburtstag läßt das Gedächtnis an ihn noch einmal hell aufflammen. Er war, um noch ein bekanntes Dichterwort auf ihn anzuwenden: ein Mann, nehmt alles nur in allem, wir werden nimmer seinesgleichen seh’n!

1) Psychologisches von der stenographischen Praxis (mit Studien über das Erfassen und Niederschreiben von Zahlen), Archiv 1892 S. 27, 39, 62, 70; Die deutsche Sprache und die stenographische Praxis, A. 1892 S. 185; Lautphysiologie und stenographische Praxis, A. 1893 S. 66, 88, A. 1894 S. 5, 29, 37, 50.

2) Vgl. Stenographische Praxis 1924 Nr. 3 S. 36.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen. Zur Erinnerung an ihn, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt, mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.