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aus: Magazin für Stenographie 4 (1883), Heft 1, S. 6-9

Leopold A. F. Arends, der Erfinder des nach ihm benannten Stenographiesystems, ist am 22. Dezember v. J. nach mehrmonatlichem qualvollem Leiden, nachdem er sogar in den letzten Wochen auf künstlichem Wege hatte ernährt werden müssen, aus dem Zeitlichen abberufen und am 27. desselben Monats auf dem Friedhofe der französischen Gemeinde zur ewigen Ruhe bestattet worden, in nächster Nähe Stolzes, der auf dem anstoßenden Domkirchhofe von den Sorgen und Mühen seines Lebens ausruht. Eine stattliche Schaar von Jüngern, wohl ihrer 200 und mehr, darunter auch viele Vertreter auswärtiger arendsscher Vereine, hatten sich auf dem Kirchhofe eingefunden, um ihrem heimgegangenen Meister die letzte Ehre zu erweisen; auch der Bruder des Verewigten, der als russischer Staatsrat in Riga lebt, war auf die Trauerkunde hin nach Berlin geeilt. Von Anhängern anderer Systeme waren leider nur einige Mitglieder des Stolzeschen Stenographenvereins anwesend; die Vertreter der sonstigen zahlreichen Stenographenvereine Berlins hatten sich anscheinend nicht zu der Höhe der Anschauung emporschwingen können, dass, wenn auch die Wege verschieden sind, auf denen die Anhänger der einzelnen Systemrichtungen ihrem Ziele zustreben, doch das Ziel selbst allen gemeinsam ist.[Wie wir erfahren, hat der Vorsitzende des Verbandes Stolzescher Stenographenvereine Herr Dr. Dreinhöfer, der infolge einer irrtümlichen Zeitungsangabe erst nach Beendigung der Feier am Grabe erschien, namens des Verbandsvorstandes einen Kranz auf demselben niedergelegt.]

Der reich mit Kränzen und Blumen geschmückte Sarg war in der Leichenhalle aufgebahrt, für deren würdige Dekoration der Vorstand des Verbandes arendsscher Stenographen Sorge getragen. Der Berliner Handwerkerverein, in welchem Arends lange Zeit als Lehrer fungirt, hatte seinen Sängerchor entsendet, der die Feier mit dem Choral »Was Gott tut, das ist wohlgetan« in erhebender Weise einleitete. Hierauf hielt Prediger Tournier eine tiefergreifende Trauerrede, die von mehreren Vertretern der geflügelten Feder stehend aufgezeichnet wurde, und dann trug man den Sarg hinaus und senkte ihn ein in die stille Gruft, an welcher die Sänger noch einmal einen weihevollen Choral anstimmten. Prediger Hübner sandte dem Entschlafenen den letzten Scheidegruß in Gestalt der üblichen drei handvoll Erde nach, erläuterte in sinniger Form die Bedeutung dieser Gewohnheit, und verstand es dabei in ungezwungener Weise das stenographische Wirken des Verewigten mit hineinzuflechten, zu dessen Anhängern auch er sich zählt. So hat denn auch die jüngste der drei Hauptschulen der deutschen Stenographie ihren Meister verloren, der mit »Altmeister Gabelsberger« und »Vater Stolze« das Schicksal teilte, dass auch ihm während seiner ganzen Lebensdauer nur selten das Glück gelächelt hat.

[Das Folgende basiert auf der biographischen Skizze von H. Grosse, Leopold A. F, Arends, der Begründer der rationellen Kurzschrift, der Wiederhersteller der alt-hebräischen Vokalmusik, Berlin 1878:]
Am 1. Dezember 1817 zu Rakishi im russischen Gouvernement Wilna geboren, verlor er schon im vierten Jahre seinen Vater, den aus Braunschweig stammenden und zur Verwaltung der gräflich Platenschen Gärten nach Rakishi berufenen Kunstgärtner Philipp Arends. Seine Mutter Katharina, geh. Dönginck, eine Livländerin, vermählte sich bald aufs neue mit dem Kunstgärtner Gradcke und siedelte mit diesem nach der dem Fürsten Suboff gehörenden Besitzung Ruhenthal in Kurland und einige Jahre später nach Riga über. Hier besuchte der junge Arends die Domschule und das Gymnasium, betrieb dann unter Leitung tüchtiger Lehrer die Naturwissenschaften, besonders Chemie, und bezog im Alter von 21 Jahren die Hochschule zu Dorpat, um sich dem Studium dieser Wissenschaften zu widmen. Daneben beschäftigte er sich eifrig mit historischen und kunstgeschichtlichen Studien, kantscher Philosophie, Sprachwissenschaft, Litteratur und Musik. Eine Stellung am Gymnasium zu Charkow, die ihm nach abgelegtem Examen angeboten wurde, schlug er aus, um sich in einem amtlich ungebundenen Leben ganz seinen Lieblingsstudien hingeben zu können. Nachdem er zwei Jahre lang in einer adeligen Familie Livlands die Stelle eines Erziehers bekleidet, siedelte er im Jahre 1843 nach Berlin über, um sich hier mit einem kleinen ersparten Kapital eine feste Lebensstellung zu gründen und seine Kenntnisse zu vertiefen. 1844 veröffentlichte er im Selbstverläge ein bereits während seiner Hauslehrerzeit entstandenes Drama »Libussas Wahl oder der würdigste Mann«, welches die böhmische Sage von der Entstehung des Herrscherhauses der Przemysliden behandelte. Im Jahre 1848 erschien im Verlage der Hirschfeldschen Buchhandlung zu Berlin seine zweite dramatische Schöpfung »Demosthenes oder Hellas Untergang«, die u. a. von dem bedeutenden Kenner des griechischen Altertums August Böckh ungemein hochgeschätzt wurde. Indes der Umstand, dass die Bühne, wohl infolge der Ungunst der damaligen Zeitverhältnisse, beide Werke gänzlich ignorirte, verstimmte Arends in dem Maße, dass er beschloss, der dramatisch-dichterischen Laufbahn gänzlich den Rücken zu kehren.

Mitten heraus aus seinen philosophischen Studien, denen er sich als eifriger Kollegienbesucher an der Berliner Universität hingab, und aus seiner schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit rief ihn die Erhebung des schleswig-holsteinschen Volkes gegen die Willkürherrschaft der Dänen, und wesentlich seiner Begeisterung und Energie war das Zustandekommen des fast ausschließlich aus Studenten bestehenden Berliner Freikorps zu verdanken.

Nach seiner Heimkehr aus dem Felde begann für den jungen Gelehrten eine Zeit neuer angestrengter wissenschaftlicher Tätigkeit, zugleich aber auch des sorgenvollen Kampfes um die Existenz. In seinen freien, durch Existenzsorgen nicht verkümmerten Stunden zogen ihn jetzt ganz besonders paläographische Studien an. Dabei beschäftigte ihn fortdauernd die Frage, wieweit der Gedanke eines Ideals der Schrift sich verwirklichen lasse, d. h. einer Schrift, die alle Eigenheiten der Sprache durch die der Lautschrift zu geböte stehenden Mittel möglichst genau wiederzugeben imstande sei und daher das dem Auge wäre, was die Sprache dem Ohre ist. Eine solche Schrift musste natürlich notwendig den Charakter einer Stenographie annehmen, und so trat denn Arends gegen Ende der vierziger Jahre zum ersten male mit einem neuen stenographischen System lehrend vor das Publikum. Im Jahre 1850 erschienen im Hempelschen Verlage unter dem Titel »Stenographie in sechs Lektionen« 6 Folioblätter, welche im wesentlichen das arendssche System in seiner heutigen Gestalt darstellen, aber so unkorrekt ausgeführt waren, dass Arends sie bereits bei ihrem Erscheinen für völlig unbrauchbar erklären musste. Zwei Jahre später autographirte Arends selbst stenographische Vorlegeblätter (die »Hannoverschen Tafeln«) und erteilte danach in verschiedenen Städten, namentlich in Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Unterricht, doch konnte die neue Erfindung, da ihr ein zweckmäßiges Lehrbuch fehlte, keinen rechten Anhang gewinnen, bis endlich im Jahre 1860 im Verlage von Fr. Schulze in Berlin »Arends’ Leitfaden einer rationellen Kurzschrift oder Stenographie, für Schulen und zum Selbstunterricht« erschien. Von nun ab gewann das System durch die von Arends im Berliner Handwerker- verein, gewissermaßen der Wiege der arendsschen Schule, in Zürich, Stuttgart und Leipzig erteilten Kurse und durch die Propaganda seiner Schüler mehr und mehr Anhang, sodass es heute, nachdem neben andern Lehrmitteln der Leitfaden in 12. Auflage erschienen ist, mehr als 50 Vereine mit gegen 1000 Mitgliedern aufweist und auch Uebertragungen auf die spanische, ungarische, französische, schwedische und englische Sprache erfahren hat, von denen jedoch nur die kürzlich entstandene schwedische Bearbeitung Verbreitung erlangte.
Neben seiner stenographischen Wirksamkeit blieb Arends fortdauernd wissenschaftlich und litterarisch tätig. In den fünfziger Jahren gab er ein dreibändiges, reich illustrirtes Werk »Das Wunderreich der Natur« heraus, versuchte sich aus Anlass des Krimkrieges und seines buntscheckigen Völkerzusammenflutens anonym auf dem Felde des zeitgeschichtlichen Romans und veröffentlichte 1878 bei Erich Wallroth in Berlin eine Sammlung seiner kleineren, von der Tiefe seines Gemüts Zeugnis ablegenden Dichtungen unter- dem Titel »Eine Festgabe für Gemüth und Verstand«. Das Hauptgewicht aber legte er neben seiner Stenographie auf die im Jahre 1867 bei Fr. Schulze in Berlin erschienene umfangreiche Abhandlung über den Sprachgesang der Vorzeit und die Herstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik, in welcher er den Nachweis zu führen suchte, dass wir die Noten der hebräischen Vokalmusik in den Konsonanten der hebräischen Quadratschrift (natürlich nur in den poetischen Stücken der Bibel) vor uns haben. Eine Ergänzung der in diesem Werke niedergelegten Forschungen gab er in den Artikeln »Arabische Musik« und »Germanische Musik« des Mendelschen musikalischen Konversationlexikons.

1856 hatte er sich mit der Witwe seines verstorbenen Freundes, des Musikalienhändlers und Schriftstellers Karl Gaillard in Berlin, vermählt, die ihm bis an sein Lebensende eine treue Begleiterin gewesen ist. Das Glück eigener Kinder blieb ihm versagt, dafür war er seinen beiden Stiefsöhnen, von denen einer, Herr Hofkunsthändler Edmund Gaillard, für das arendssche System tatkräftig gewirkt hat und noch wirkt, ein liebender, fürsorgender Vater.

Sein unverwüstlicher Idealismus und die aufopfernde Liebe seiner Gattin ließen ihn alle Sorgen und Entbehrungen leicht ertragen, und den meisten Trost fand er in der Hingabe und Verehrung seiner Anhänger, die sich namentlich noch in der letzten Zeit seines Lebens auf das schönste betätigte. Bei seiner silbernen Hochzeit am 26. Oktober 1881 ward ihm eine Ehrengabe dargebracht, um ihm die Publikation seiner Blindenstenographie zu ermöglichen; der arendssche Verein Hansa zu Hamburg begründete eine Arendsstiftung, aus welcher Arends vierteljährlich eine Unterstützung (noch kurz vor seinem Tode 155 M.) erhielt, der Verband arendsscher Stenographen, auf dessen Zusammenkunft am 9. Oktober v. J. zu Berlin er trotz seiner schweren Krankheit nicht fehlen wollte, ernannte ihm zu seinem alleinigen Ehrenpräsidenten, und in demselben Monat übersandte ihm der Verein zu Düsseldorf ein prachtvoll ausgestattetes Diplom als Ehrenmitglied.

Es sollte ihm nicht vergönnt sein, sich lange der ihm zu teil gewordenen Ehren zu erfreuen. Mitten aus seiner arbeitsvollen unermüdlichen Tätigkeit ward er abberufen, ohne die Uebertragung seines Systems auf die russische Sprache, mit der er in letzter Zeit beschäftigt war, vollenden, ohne seinen Lieblingswunsch, die Herausgabe seiner Blindenstenographie, verwirklichen zu können.

Die ernste Lage, in welche seine Schule durch sein Hinscheiden versetzt wird, sollte ihr eine Mahnung sein, die kleinlichen Streitigkeiten, durch welche gerade sie sich vornehmlich auszeichnete (hat doch neuerdings die unwesentliche Frage, welches Erkennungszeichen man wählen solle, zu den bittersten Fehden geführt), fallen zu lassen und in friedlicher Eintracht neben den anderen Systemen an der Verbreitung der Stenographie zu arbeiten. Hat sie doch vor den beiden älteren Rivalen den erfreulichen Umstand voraus, dass keine Systemfragen sie bewegen. Zwar ist einer ihrer tätigsten früheren Anhänger, Roller, von ihr abgefallen und hat, obwohl er der arendsschen Stenographie seine Lebensstellung verdankte und sie früher fast in den Himmel erhob, später durch bittere Schmähungen auf Arends und sein Werk dem Verstorbenen manche trübe Stunde bereitet, aber innerhalb der Schule selbst sind noch keine Systemfragen aufgetaucht, und wir wünschen ihr in ihrem eigenem Interesse, dass sie von dem Schicksal der Spaltung, welches die stolzesche Schule bald nach dem Tode ihres Meisters betroffen, verschont bleiben möge. Max Bäckler.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen, wie auch ein Brief Bismarcks an ihn zeigt. Zur Erinnerung an seinen Todestag mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.