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aus NStP 56/4 (2007) 97-115

Einführung

In ihrem Magazin „Wissen", Ausgabe 6/2006, berichtete „Die Zeit" über Gedächtnis-Hochleistungen und Gedächtnistraining. Nicht erwähnt wurden, wie so oft in den Medien, ganz besondere Gedächtniskünstler: Parlaments- und Verhandlungsstenografen. Auch sind sie der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt.

Stenografie, die verkannte Schönheit des geistigen Leistungssports, führt ein Mauerblümchen-Dasein, seitdem sie durch moderne Technik aus den Büros verdrängt wurde. Weder ihre Effektivität und Effizienz noch ihre ästhetische Ausdrucks- und Gestaltungskraft werden gebührend gewürdigt.

Stenografie oder – ihrem Ursprung aus dem Griechischen folgend – Stenographie („Engschrift") ist seit dem Altertum bekannt: Schon damals gab es Brachygraphie („Kurzschrift") und Tachygraphie („Schnellschrift"). Das älteste Beispiel einer antiken Kurzschrift soll die Niederschrift der „Erinnerungen an Sokrates" des Athener Historikers Xenophon (* um 426 v. Chr., † nach 355 v. Chr.) sein. Als berühmtester Stenograf der Antike gilt aber Marcus Tullius Tiro (* um 103 v. Chr., † 4 v. Chr.), ein Mitarbeiter Ciceros. Die Wachstafeln, auf denen mit Griffeln geschrieben wurde, galten zugleich als Metapher für das Gedächtnis gemeinhin. Tiros Schrift (tironische Noten) und seine Schreibtechnik erlaubten es dem römischen Senat erstmals im Jahr 63 v. Chr., Reden festhalten zu lassen, wobei die Schreibenden einander in einem modern anmutenden Turnus-System abwechselten. Schon immer wollten Menschen den flüchtigen Gedanken und das gesprochene Wort fixieren – ein Unterfangen, das bereits damals mit der Alltagsschrift unmöglich auszuführen war.

Die Stenografie, wie wir sie heute kennen und nutzen, hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Sie war von Anfang an eng mit dem verstärkt aufkommenden demokratischen Bewusstsein verbunden. Allein die Stenografie ermöglicht es, all die Reden und Aussagen unserer Volksvertretung zeitnah und vollständig zu protokollieren. Hier sind die Parlamentsstenografinnen und -stenografen zu Hause.

Anforderungen an das Gedächtnis von Berufsstenografen

Vom Beherrschen der Stenografie einmal abgesehen, wird dem Gedächtnis eines Berufsstenografen außerordentlich viel abverlangt. Eine Aufgabe von Berufsstenografen ist es, die freie Rede in eine sprachlich und sachlich korrekte, druckfähige Form zu bringen, ohne den Stil der Redner zu verfälschen oder den Sinn des Gesagten zu verändern. Hier werden Fertigkeiten angesprochen, die ohne überdurchschnittliche Gedächtnisleistung unmöglich wären.

Unsere Muttersprache lernen wir alle im Kindesalter durch die Kommunikation mit Menschen, die die gleiche Sprache sprechen. Das Ganze geschieht implizit, das heißt ohne bewusstes Zutun. Wir können uns locker unterhalten, ohne beim Sprechen einen Gedanken an die Struktur der Sprache zu verschwenden. Wenn uns aber jemand nach den grammatikalischen Regeln befragte, müssten wir erst nachdenken oder wüssten gar nicht Bescheid. Dass wir unsere Sprache „können", ist für uns selbstverständlich. „Wissen" wir auch um ihre Struktur, ihre Gesetzmäßigkeiten? Da werden viele passen müssen.

Genau hier setzt das Mehr der Berufsstenografen an: Bei ihnen ist Sprache nicht nur als implizites Kommunizieren, sondern auch als komplexes, explizites (bewusstes) Wissen vorhanden. Sie sind befähigt, falsche, ungenaue Sprachstrukturen zu erkennen und zu korrigieren. Zudem bedarf es einer großen Bandbreite an Faktenwissen, um freie Rede in eine sachlich korrekte Form zu bringen. Es geht um ein Wissen, das zudem jederzeit, auch unter enormem Zeitdruck, abrufbereit zur Verfügung stehen muss. Auch hier wird das Gedächtnis in hohem Maße beansprucht. Ebenso setzt das Know how, wo Informationen in externen Merkspeichern (Lexika, Datenbanken etc.) zu finden sind, ein gut sortiertes Gedächtnis voraus.

Spätestens hier wird auch dem Laien klar, warum Parlamentsstenografen zusätzlich zu ihren überdurchschnittlichen Sprach- und Kurzschriftkenntnissen häufig ein Hochschulstudium vorweisen müssen und warum ständige Weiterbildung ihr täglich Brot ist. Um zu verstehen, welche Rolle das Gedächtnis bei dem Erlernen, Praktizieren und Vervollkommnen der Stenografie spielt, müssen wir diesen Kosmos in unserem Kopf näher kennen lernen.

Aufbau des Gedächtnisses

Mehrere Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit unser Gedächtnis funktioniert.

Um lernen, behalten und erinnern zu können, müssen wir Informationen aufnehmen, speichern und abrufen. Signale der Außenwelt fluten unentwegt auf unsere Sinnesorgane ein: Farben, Formen, Gerüche, Geräusche, Berührungen usw. Auch aus der Innenwelt des Körpers werden Reize, zum Beispiel durch unsere Muskeln, ausgelöst. Sie werden dann weitergeleitet an die dafür bestimmten Regionen unseres Gehirns und dort verschlüsselt, das heißt enkodiert (Quelle: Lehrl, Siegfried/Fischer, Bernd/Lehrl, Maria: Ge Jo-Leitfaden. 1995. S. 33). Um später auf die Inhalte unseres Gedächtnisses zurückgreifen zu können, müssen all diese Wahrnehmungen, Bewegungsabläufe und Gefühle gespeichert werden. Erst wenn das Gespeicherte bei Bedarf abrufbar ist, sprechen wir von einem guten Gedächtnis. Äußern wir nicht alle manchmal den Wunsch „Ach, könnte ich mir doch alles merken"? Sich alles zu merken, würde jedoch Chaos im Kopf bedeuten.

In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde in Russland der Journalist Salomon Schereschewski als Gedächtniskünstler berühmt. Jede auch noch so kleine Begebenheit behielt er unauslöschlich in seinem Gedächtnis. Der Neurowissenschaftler Alexander Luria beschrieb die katastrophalen Folgen eines solch ungefilterten Erinnerns für den Alltag seines Patienten. Uns schützen verschiedene Ausformungen des Gedächtnisses vor diesem Defekt. Angenehmerweise können wir Alltägliches, das uns unwichtig erscheint, einfach vergessen: „Abgehakt und weg damit." (Quelle: Schacter, Daniel L.: Aussetzer. Lübbe. 2005. S. 302.)

Dagegen bewahren zwei getrennte Systeme im Kopf bewusst unsere Merkinhalte: das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Bis eine Information langfristig in unserem Gedächtnis gespeichert wird, muss sie verschiedene Stufen durchlaufen.

Im extrem kurzlebigen sensorischen Gedächtnis, das Teil des Kurzzeitgedächtnisses ist, wird ein Sinneseindruck aufgenommen und dann – abhängig davon, ob unser Gehirn ihn als neu oder wichtig einstuft – entweder gleich gelöscht oder in das Arbeitsgedächtnis – das ist wiederum ein Teil unseres Kurzzeitgedächtnisses – übernommen. Hier wird die Information gewertet, mit schon vorhandenem Wissen verglichen und verknüpft (Quelle: Knab, Barbara: Warum wir immer das Falsche vergessen. Herder. 2006. S. 22 ff.). Das Arbeitsgedächtnis bewältigt unser Informationsmanagement. Es ermöglicht, etwas kurzfristig im Gedächtnis zu behalten, damit zu arbeiten und sich daran zu erinnern, ohne es langfristig behalten zu müssen.

Stenografen kommen bisweilen in die Situation, einen Satz, der vom Redner schon beendet wurde, in erhöhter Geschwindigkeit aus dem Gedächtnis nachzuschreiben, um wieder Anschluss an die laufende Rede zu finden. Hier kommt ihnen eine weitere Ausformung des Kurzzeitgedächtnisses, die phonetische Schleife, zu Hilfe. Wir alle bedienen uns dieser phonetischen Schleife, wenn wir jemandem zuhören, der mit uns spricht. Um einen Satz zu verstehen, müssen wir den Anfang des Satzes im Gedächtnis behalten; sonst würde selbst unsere Muttersprache für uns völlig unstrukturiert klingen, etwa wie eine unbekannte Fremdsprache. Erst unser Gedächtnis lässt aus Wörtern einen Satz werden, aus Tönen eine Melodie, aus Teilen ein Bild. Nicht ohne Grund hatten die Griechen in der Antike mit Mnemosyne eine Schutzgöttin des Gedächtnisses, die gleichzeitig Mutter der anderen Musen war.

Das mittelbare Behalten wird auch durch das visuelle Arbeitsgedächtnis – im Buch „Unser Gedächtnis" von Bernard Croisile (Hrsg.) wird das Ganze sehr anschaulich als „visuell-räumlicher Skizzenblock" beschrieben – unterstützt. Wer einmal „Memory" gespielt hat, weiß, was gemeint ist: Wer sich am besten merkt, wo die Karten, die er vor kurzem in der Hand hatte, liegen und sicher darauf zugreifen kann, gewinnt. Es ist nicht nötig, diese Information über das Spiel hinaus zu behalten.

Darüber hinaus kennt das Kurzzeitgedächtnis zwei informationspsychologische Grundgrößen, die in nahezu allen komplexen geistigen Leistungen mitmischen:

1. Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit (IVG)

Die IVG beschreibt die Schnelligkeit, mit der ein neues Zeichen erkannt und darauf reagiert wird. Sehr gut lässt sich die IVG durch das Lesen sinnloser Buchstaben- oder Zahlenreihen messen. Je höher die IVG, desto mehr Informationen können in kurzer Zeit aufgenommen und anschließend enkodiert und gespeichert werden. Studien belegen, dass die Leistung eines Durchschnittsgedächtnisses nach sieben Zeichen am Ende ist. Durch gezieltes Training lässt sich die Behaltens-Kapazität jedoch durchaus erweitern. Wer professionelle Stenografen einmal bei der Arbeit erlebt hat – sie reagieren unmittelbar auf Zwischenrufe und ordnen diese blitzschnell dem richtigen Redner zu – kann sich gut vorstellen, dass ihre IVG im oberen Bereich liegt.

2. Gegenwartsdauer (auch „unmittelbares Behalten" genannt)

Bei der Gegenwartsdauer geht es darum, wie viele getrennt gehörte Laute oder getrennt gelesene Zeichen (Items) man sich in einer bestimmten Zeitspanne merken kann, bevor das Gehirn abschaltet. Ein Beispiel: Wir hören oder lesen eine Telefonnummer. Je nach Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses können wir sofort wählen oder müssen wiederholt nachfragen oder nachlesen. Auch hier dürften Berufsstenografen mit ihrem ständigen Training, möglichst viel Gehörtes zu behalten und dann in Schrift umzusetzen, an der Spitze liegen.

Ein wissenschaftlich begleiteter freiwilliger KAI-Test (= Kurztest für allgemeine Basisgrößen der Informationsverarbeitung; er misst die Kurzspeicherkapazität einer Person, aber auch die Kapazitäten der Komponenten IVG und Gegenwartsdauer) mit Spitzenstenografen würde hier Klarheit bringen (Quelle: Lehrl, Siegfried/Fischer, Bernd/ Lehrl, Maria: Ge Jo-Leitfaden. 1995. S. 33 ff.).

Wissenschaftler gehen davon aus, „dass die Kurzspeicherkapazität zu etwa 70 % die Leistungen bestimmt, die jemand in allgemeinen Intelligenztests erbringt" (Quelle: Lehrl, Siegfried/Fischer, Bernd/ Lehrl, Maria: Ge Jo-Leitfaden. 1995. S. 35 ff.). Eines ist klar: Wer sich der Stenografie beruflich „verschrieben" hat, wird sein Allgemeinwissen und die Fähigkeit, sich rasch in fremde Wissensgebiete und ihre Terminologie einzuarbeiten, systematisch verbessern.

Nach Raymond B. Cattell unterscheiden Wissenschaftler zwischen fluider Intelligenz und kristallisierter Intelligenz (Quelle: Cattell, Raymond B.: Theory of ludi and crystallized intelligence. A critical experiment. In: J. Educat. Psychol. 54. 1963. S. 1 - 22). Während fluide Intelligenz die aktuelle Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses widerspiegelt, ist kristallisierte Intelligenz erfahrungsabhängig. Bei letzterer Form der Intelligenz kristallisieren sich erlernte Fähigkeiten und Fertigkeiten, Erfahrungswissen, Sprachverständnis und Strategien zur Lösung von Problemen heraus. Die kristallisierte Intelligenz einer Person hängt auch von ihrer fluiden Intelligenz ab, also von der Intelligenz, die ihr unmittelbar zur Verfügung steht. Sie macht die Entstehung von kristallisierter Intelligenz (Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten ...) überhaupt erst möglich. Kristallisierte Intelligenz ist zudem relativ konstant; schließlich wurde sie über Jahre gesammelt und fest gespeichert. Die Metapher des Sammelns führt uns zurück bis zur Vorstellung des Kirchenvaters Augustinus (* 354, † 430), der das Gedächtnis des Menschen als Lagerraum oder auch als Schatztruhe ansah, in dem alles Erinnernswerte abgelegt und bei Bedarf wieder hervorgeholt werden könne. Kristallisierte Intelligenz wäre also – um bei dieser Vorstellung zu bleiben – der begehbare Schrank mit Fächern und Schubladen, und fluide Intelligenz wären die Geschwindigkeit und die Geschicklichkeit, mit der wir einsortieren, suchen und herausnehmen.

Durch die Möglichkeiten, die uns bildgebende Verfahren mit ihrem Blick ins arbeitende Gehirn schenken, wissen wir, dass das Erinnern selbst kein statisches Moment, sondern ein unaufhörliches Kommunizieren der Neuronen miteinander ist. Wir wissen auch, dass Verschaltungen unserer Nervenzellen viel schneller und nachhaltiger ablaufen, wenn an schon Bekanntes angedockt wird. Neuere Forschungen weisen nach, dass diese Fähigkeit bis ins Alter erhalten bleibt.

Auf die praktische Arbeit professioneller Stenografen bezogen, heißt das: Wer schon viel weiß, wird sich umso leichter und schneller neues Wissen aneignen. Ob ständig neue Inhalte, ob politische Sachverhalte bei Plenarsitzungen, ob geänderte Personalstrukturen nach Parlamentswahlen, ob neue deutsche Rechtschreibung oder die Wiedergabe von Begriffen aus mehr oder weniger exotischen Sprachen usw.: Durch ihr breit gefächertes Allgemein- und Spezialwissen gelingt Berufsstenografen das strukturierte Speichern und Abrufen effizienter und effektiver. Lebenslanges Lernen und Gedächtnistraining, die die Plastizität des Gehirns, das heißt seine Anpassungsfähigkeit, garantieren und sogar erhöhen, sind hier Berufsalltag.

Übrigens: Eine besondere Herausforderung – auch für Stenografenvereine – ist, durch lebendige, ansprechende und informative Übungseinheiten bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Interesse und Ansporn für höhere Steno-Leistungen zu wecken. Gleichzeitig bietet sich hier die Chance, endlich das Image der Stenografie als Büroschrift abzulegen und zu einer Neubewertung der Stenografie als eines aktiven Mediums unserer modernen Informations- und Wissensgesellschaft zu gelangen. Nicht: Stenografie versus Laptop, sondern: Stenografie und Laptop.

Bedarf fluide Intelligenz des Kurzzeitgedächtnisses, so ist kristallisiertes Wissen im Langzeitgedächtnis beheimatet. Fakten und Ereignisse, die wir für wichtig halten, wechseln ins Langzeitgedächtnis. Früher existierte die Vorstellung, dass der Name einer Person als Ganzes an einem bestimmten Ort im Langzeitgedächtnis gespeichert ist. Das stimmt so nicht. Die Fernsehwerbung prangert den vergessenen Namen als abschreckendes Beispiel für Altersvergesslichkeit an. Aber: Kennen wir nicht alle diese Situation? Viel Persönliches fällt uns zu dem Bekannten ein, den wir zufällig auf der Straße treffen, bloß nicht der Name. Erst wenn wir uns damit abgefunden haben und nicht mehr willentlich daran denken, ist er ganz plötzlich wieder präsent. Auch Parlamentsstenografen dürfte das am Anfang einer Legislaturperiode nicht fremd sein: Man begegnet im Flur einem Abgeordneten, von dem man genau weiß, welcher Partei er angehört, in welchen Ausschuss er gewählt wurde. Aber der Name? Nicht um alles in der Welt ist er parat.

Wenn wir in der Fachliteratur über Gehirn und Gedächtnis diesem Phänomen auf die Spur zu kommen versuchen, erfahren wir einige spannende Fakten über das Langzeitgedächtnis. Verschiedene Systeme helfen dabei, uns an das Richtige im richtigen Zusammenhang und im richtigen Augenblick zu erinnern. Ereignisse, die uns ganz besonders berühren, die wir untrennbar zu unserer Biografie zählen (Überreichen der ersten Leistungsurkunde im Stenografenverein, besondere Schulabschlüsse, Heirat, Geburt eines Kindes usw.), werden im episodischen Gedächtnis gespeichert. Diese Erinnerungen können wir bewusst abrufen, manchmal fallen sie uns auch – durch äußere Reize ausgelöst – spontan ein. Wenn ich ein Schulgebäude betrete und den ganz speziellen Geruch von Kreide auf einer Tafel rieche, kommt mir zum Beispiel noch heute meine erste Lehramtsprüfung in den Sinn.

Faktenwissen und Ordnungssysteme werden im semantischen Gedächtnis gespeichert. Wir wissen automatisch, wenn wir es einmal gelernt haben: Hunde, Kühe und Katzen gehören zur Obergruppe der Haustiere; Tiger, Löwen, Leoparden sind dagegen wildlebende Tiere. Solches Faktenwissen ist etwa bei Fernseh- Quizsendungen gefragt. Stenografen, deren berufliche Tätigkeit zum Großteil im Umgang mit Sprache besteht, müssen umfassendes Faktenwissen jederzeit abrufen können, um mit den engen Zeitvorgaben, die ihr Beruf mit sich bringt, fertig zu werden. Protokolle sollen häufig so früh wie möglich nach Sitzungsschluss vorliegen. Beide, episodisches und semantisches Gedächtnis, sind deklarativ und explizit, das heißt, ihre Inhalte können bewusst abgerufen werden.

Um auf unseren nicht erinnerlichen Namen zurückzukommen: Teile der Personeninformationen sind im episodischen Gedächtnis abgelegt, während der Name der Person im semantischen Gedächtnis verankert ist. Das Problem ist, dass wir beides im entsprechenden Moment einfach nicht zusammenbringen können. Strategien, die uns weiterhelfen, bietet die Mnemotechnik.

Gedächtnis und Stenografie

Wie aber verhält es sich bei dem Erlernen und Anwenden der Stenografie? Jeder, der einmal Stenografie mit ihren Zeichen, Kürzungen, Kürzeln und Regeln gelernt hat, weiß, dass es anfangs eine ganz schöne Plackerei ist. Da heißt es „üben, üben, üben", bis die neue Schrift wie automatisch aus der Hand fließt, wenn man den angesagten Text hört. Müssten wir uns jedes Mal neu überlegen, wie wir zu schreiben haben, wäre es vorbei mit der Schnelligkeit.

Professor Manfred Spitzer unterscheidet in seinem Buch „Lernen" (S. 62 ff.) zwischen Wissen und Können. Wir müssen beim Autofahren blitzschnell bremsen können; aber wenn uns jemand fragt, ob wir wissen, mit welchem Fuß wir das Bremspedal bedienen, brauchen wir ganz schön lange, um zu antworten. Wir wären auf jeden Fall längst auf den Vordermann aufgefahren, müssten wir beim Bremsen auch erst so lange überlegen.

Dieses Können ist im prozeduralen Gedächtnis gespeichert. Das System, das diese Meisterleistungen ermöglicht, ist immer dann aktiv, wenn wir Bewegungen ausführen, ohne bewusst daran denken zu müssen.

Mit jedem Üben einer bestimmten Zeichenverbindung stärken Stenografen die entsprechenden Synapsen, die für die Speicherung im prozeduralen Gedächtnis sorgen. Vergleicht man die Berufsgruppen Musiker und Stenografen, so stellt man fest, dass sie eines gemeinsam haben: Ihr regelmäßiges Üben automatisiert alle Bewegungsabläufe und lässt so Raum für zusätzliche, gleichzeitige Aktivitäten. Der Musiker spielt und kann zeitgleich den Anweisungen des Dirigenten folgen. Der Stenograf schreibt die laufende Rede mit und kann dabei Zwischenrufe und Stimmungen im Saal bemerken und erfassen. Beide sehr unterschiedlichen Berufe haben noch etwas gemeinsam: Ohne ständiges Üben, Weiterlernen, ohne Spaß bei der Sache wäre eine erfolgreiche Laufbahn undenkbar.

Spaß am Lernen und Motivation sind die eigentlichen Triebfedern für den Erfolg. Unser Gehirn lässt sich am liebsten mit dem neuen Stoff, den wir gerne beherrschten, füttern. Auf die Stenografie bezogen: Im immer schnelleren Erfassen des gesprochenen Wortes liegt eine Faszination, der sich, wer einmal vom „Geschwindigkeitsrausch" erfasst ist, nur schwer entziehen kann.

Wenn wir schon von „Geschwindigkeitsrausch" sprechen: Während ein Fahranfänger neidlos die Leistungen eines Michael Schumacher anerkennt und sich vorstellt, auch er könne einmal ohne weiteres diesen Fahrstil erreichen, sieht es bei den Stenografen leider anders aus. Ohne Lust am Schreiben, ohne Liebe zur Sprache, ohne die Motivation, eine längere Durststrecke durchzuhalten, ist schnell der Frust da, der auf das Medium Stenografie selbst übertragen wird. Schnelligkeit ist keine Hexerei, kann aber Merkmal eines hoch bezahlten Spitzensports sein: Idole wie Michael Schumacher gehören zu den Großverdienern. Meisterstenografen hingegen, die über ähnliche Fähigkeiten verfügen, gehören einer ganz anderen Preisklasse an. Mit Stenografen ebenfalls vergleichbar sind, was die mentalen Reflexe betrifft, die Meister des virtuellen Spiels, die sich zu eigenen Meisterschaften treffen. Von dem Preisgeld für den Gewinn eines Spiels wie „Counterstrike" – es liegt inzwischen bei ca. 165 000 € können selbst Spitzenstenografen nur träumen.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Professor Lehrl in „Geistig fit", Ausgabe 6/2006, S. 3 ff., in dem er Spiele mit unethischen, insbesondere gewaltverherrlichenden Inhalten selbst als Übungsstoff ausschließt und feststellt: „Geistige Größen wie mentale Verarbeitungsschnelligkeit lassen sich immer auch mit ethisch unbedenklichen Inhalten üben." Der Hinweis auf Spiele, die Stenografie als Medium der Verarbeitungsschnelligkeit und Potenzierung der kristallisierten Intelligenz zum Inhalt haben, sei hier als Anregung für kreative Köpfe erlaubt.

Ein weiteres interessantes Phänomen ist das der Interferenz. Ein Beispiel: Sie machen an einem schönen ruhigen Tag einen Ausflug an einen See, werfen zum Zeitvertreib flache Steine über die Wasseroberfläche und sehen, wie die Kiesel beim Versinken Kreise ziehen. Werfen Sie die Steine zu nah beieinander in den See, überschneiden sich die Kreise; die Spuren werden gestört. Ein ähnliches Hemmnis kennt unser Gedächtnis. Stenografen begegnen der Interferenz bei sich ähnelnden Kürzungen und müssen hier besonders auf Merkmale der Unterscheidung achten, um bei der Übertragung in Langschrift nicht ins Stolpern zu kommen. Lernende, die Verkehrsschrift so intensiv üben würden, dass sie schon damit eine hohe Geschwindigkeit erreichten, hätten enorme Schwierigkeiten, sich die neuen Schriftbilder der Eilschrift einzuprägen. Neues Wissen bedarf neuen Könnens; wieder müssen Synapsen verstärkt und muss altes Wissen teilweise unterdrückt werden. Derselbe Vorgang wiederholt sich intensiv bei dem Erlernen der Redeschrift. Jedes Mal muss Neues gespurt und Altes gelöscht werden.

Jedes neue Können bedeutet erst einmal eine Verlangsamung des Schreibens. Ständiges Üben, Weiterfeilen und der Erwerb neuer Kürzungen, die wiederum eingeübt werden müssen, um sie dann bei hoher Geschwindigkeit sofort anwenden zu können, bedeuten ständiges Verstärken von Synapsen. Es bestimmt die Auslastung gewisser Hirnareale, die sich wesentlich von denen ungeübter Stenografen unterscheiden. Bei Schachspielern ist dieser Unterschied im aktiven Gehirn mit bildgebenden Verfahren schon wissenschaftlich erfasst. Wäre Stenografie als Gedächtnis-Hochleistung auf diese Weise nicht auch wissenschaftlich nachweisbar?

Das Gedächtnis des Berufsstenografen wird sogar zusätzlich gefordert. Neben stenografischen Spitzengeschwindigkeiten von über 400 Silben pro Minute ist seine Kernkompetenz, den Inhalt von Plenarsitzungen in vollem Wortlaut wiederzugeben und dabei, wie bereits oben erwähnt, die freie Rede in eine sprachlich und sachlich korrekte, druckfähige Form zu bringen, ohne den Stil des Redners zu verfälschen und den Sinn des Gesagten zu verändern. Das ist an geistiger Komplexität kaum zu überbieten. Ein nahtloses Zusammenspiel der einzelnen Gedächtnissysteme unter hohem Zeitdruck bei stringenter Konzentration ermöglicht eine konkrete Arbeitsleistung, die ihresgleichen sucht.

Mnemotechniken

Doch damit nicht genug. Das Parlament ist auch ein Ort der Begegnung. 613 (in Worten: sechshundertdreizehn) Abgeordnete zählt etwa der Deutsche Bundestag in seiner 16. Wahlperiode. Wie für jeden anderen Menschen ist für Abgeordnete der Name ein wichtiges Attribut ihrer Persönlichkeit. Hinzu kommen häufig noch akademische Grade, die ebenfalls nicht vergessen werden dürfen. Die Namen der Abgeordneten sollen Parlamentsstenografen in kürzester Zeit abrufen können. Haben wir als Normalsterbliche nicht schon Schwierigkeiten, uns die Namen der Mitglieder des Bundeskabinetts einzuprägen? Hier helfen Mnemotechniken weiter:

1. Vorstellungskraft

Hilfreich ist, sich das zu Merkende bildlich und möglichst ausgefallen vorzustellen. Bei den Menschen in der Frühgeschichte war das bildhafte Denken besonders ausgeprägt. Dadurch, dass sich unsere frühen Vorfahren an optischen Merkmalen ihrer Umgebung orientierten, konnten sie sich leichter zurechtfinden. Erst später hat sich Sprache entwickelt. Auch zu Beginn der Entwicklung des einzelnen Menschen, in seiner Ontogenese, kommt dem Bild eine besondere Bedeutung zu. Sprache entwickelt sich erst nach dem Umgang mit Bildern. Je jünger ein Mensch ist, desto mehr denkt er in Bildern und damit mit der rechten Hirnhälfte. Ab dem mittleren Lebensalter „versprachlicht" das Leben immer mehr. Erwachsene werden zunehmend „linkshirnig". Dennoch bevorzugt unser Gehirn immer noch Bilder, um sich unabhängige Inhalte zu merken. Gedächtnisstrategien machen sich diese Vorliebe zunutze. (Quelle: GfG Trainerkolleg: Lernen und Gedächtnis. S. 57 ff.)

Aus der Praxis: Zehn Abgeordnete mit gleichem Namen sind in einem Parlament vertreten. Wie unterscheiden Parlamentsstenografen sie? Wie erkennen sie sie wieder? Da helfen der unterschiedliche Vorname und ganz persönliche Merkmale, Merkmale, die jeden Menschen einzigartig machen, etwa sein Aussehen, seine Körpersprache, sein Outfit, seine biografischen Daten, seine Stimme: tief, hoch, abgehackt, melodisch, melodramatisch, dialektgefärbt, herablassend, herrisch, nichtssagend, nuschelnd, hochdeutsch sprechend, freundlich. Wenn es gelingt, sich ein einzigartiges Bild eines Menschen, kombiniert mit seinem Namen, vorzustellen, prägt sich der Name leicht im Gedächtnis ein und wird lange nicht vergessen.

2. Assoziation

Assoziation ist die Fähigkeit, das zu Merkende in Beziehung zu bereits Bekanntem zu setzen. Hier gilt wieder: Je mehr wir kennen und wissen, desto leichter fällt uns die Verknüpfung mit schon Vorhandenem. Beispiel (der Name ist fiktiv gewählt): Stephan Seeberger. Stephan: Assoziation mit Stephansdom in Wien. Wir erinnern uns an den Begriff „kristallisierte Intelligenz": Man weiß, dass Wien diesen Dom hat. See plus Berger: Der Namensinhaber sitzt auf der Spitze des Stephansdoms und schaut sich einen See und Berge an.

Merkhilfe: Ist in einem Nachnamen ein -er angefügt, sollte die Assoziation immer mit Steigerungen verbunden sein, also höher, tiefer, Mehrzahl usw., statt ein Berg: Berge. Sagt uns jemand seinen Namen und haben wir einen Bekannten mit gleichem Namen, können wir ganz leicht eine Verknüpfung, eine Assoziation, herstellen.

Eine weitere Hilfe ist die mündliche Wiederholung des Namens bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Wir wissen inzwischen, dass die Wiederholung eines Merkvorgangs die Synapsen stärkt und damit die Verbleibdauer im Langzeitgedächtnis streckt.

3. Loci-Methode

Die Loci-Methode (lat. locus = Platz) zielt darauf ab, das zu Merkende an der richtigen Stelle zu verankern und dann sicher abzurufen.

Als erster namentlich Genannter, der diese Methode anwandte, tritt Simonides von Keos (* 557/556 v. Chr., † 468/467 v. Chr.) aus dem Schatten der Geschichte. Er nahm an einem Gastmahl teil, hielt eine Rede und verließ darauf den Raum. Unmittelbar danach stürzte die Decke ein und begrub alle Teilnehmer des Gastmahls unter sich. Allein durch seine Fähigkeit, genau zu behalten, wo die Einzelnen gesessen hatten, konnte er den Familienangehörigen helfen, ihre Verwandten unter den Toten zu finden.

Heute kennen wir alle die Loci Methode aus der Schule. Erstes Hilfsmittel eines geplagten Lehrers bei mehreren neuen Klassen am Schuljahresbeginn ist der Sitzplan. Indem sich der Pädagoge Namen und Sitzplatz gleichzeitig einprägt, lernt er ganz schnell, seine Schüler mit Namen anzusprechen. Je häufiger er das tut, desto schneller wird er sich die Namen aneignen.

Ein uns allen bekannter Worst Case: Die Schüler einer Schulklasse versetzen sich heimlich! Es gibt auch Parlamente, die eine solche Sitzordnung kennen. Für die dort tätigen Parlamentsstenografen ist es von Vorteil, wenn sich Abgeordnete nicht wie Schüler heimlich und ungefragt umsetzen. Schon 1908 hat Dr. F. Burmeister den Sitzplan als probates Mittel zur Namensfeststellung empfohlen: „... eine gewisse Findigkeit, verbunden mit rascher Auffassung der jeweiligen Situation und der Personen, ... beides Eigenschaften, die zur Ausübung des stenographischen Berufs unerläßlich sind" („Stenographische Praxis". Nr. 11/1908. S. 156). Parlamentsstenografen können alternativ mit der Loci Methode – das Bild des Plenarsaals mit den Abgeordneten im Kopf – Zwischenrufe leichter orten.

Abhängig davon, welchem unserer fünf Sinne wir von Fall zu Fall den Vorzug geben, werden wir auf unterschiedliche Mnemotechniken zurückgreifen, um uns Wichtiges besser einzuprägen. Zusätzlich zu den Anforderungen an das Namensgedächtnis ist ein besonders schnelles mentales Speichern von Fremdwörtern, geografischen Begriffen und statistischen Werten, das heißt Zahlen usw., erforderlich.

Resümee

Müssen Berufsstenografen, die in ihrer täglichen Arbeit äußerst korrekt sind, plötzlich eine überbordende Phantasie zur Unterstützung ihrer Merkfähigkeit entwickeln? Natürlich nicht ... Allerdings: Ein spezielles Gedächtnistraining in die Ausbildung angehender Berufsstenografen aufzunehmen, wäre zweifellos hilfreich. Assoziationsvermögen, bildhaftes und kreatives Denken, die für Mnemotechniken unabdingbar sind, könnten so unterstützt und gefördert werden. Längst hätte es die Stenografie als mentaler Spitzenleistungssport gleichfalls verdient, Inhalt neurowissenschaftlicher Untersuchungen zu werden.

Weiterführende Literatur

Croisile, Bernard (Hrsg.): Unser Gedächtnis. Erinnern und Vergessen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 2006.
Draaisma, Douwe: Die Metaphernmaschine. Eine Geschichte des Gedächtnisses. Primus. 1999.
Karsten, Dr. Gunther/Kunz, Martin: Erfolgsgedächtnis. Wie Sie sich Zahlen, Namen, Fakten, Vokabeln einfach besser merken. Mosaik bei Goldmann. 2002.
Knab, Barbara: Warum wir immer das Falsche vergessen. Gebrauchsanweisung für das Gedächtnis. Herder. 2006.
Kürsteiner, Peter: Gedächtnistraining. Mehr merken mit Mnemotechnik. Ueberreuter. 1999.
Lehrl, Siegfried/Weickmann, Elisabeth: Übung macht den Gedächtnismeister. Vless. 1997.
Lehrl, Siegfried/Fischer, Bernd/Lehrl, Maria: GeJo-Leitfaden: Ein Überblick über Gehirn Jogging. Grundlagen und Anwendungen. Vless. 1995.
Miltner, Frank/Kolb, Klaus: Gedächtnis-Training für den Job. Namen, Zahlen, Fakten und Gesichter nie mehr vergessen. GU. 2005.
Schacter, Daniel L.: Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit. Rowohlt. 2001.
Schacter, Daniel L.: Aussetzer. Wie wir vergessen und uns erinnern. Lübbe. 2005.
Spitzer, Manfred/Bertram, Wulf (Hrsg.): Braintertainment. Expeditionen in die Welt von Geist & Gehirn. Schattauer. 2007.
Spitzer, Manfred: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Spektrum Akademischer Verlag. 2002.
Tadié, Jean-Yves/Tadié, Marc: Im Gedächtnispalast. Eine Kulturgeschichte des Denkens. Klett-Cotta. 2003.

Empfohlene Internetadressen

http://www.gehirnsport.de
http://www.gfg-online.de
http://www.denksport.de

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen. Zur Erinnerung an ihn, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt, mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.