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aus: NStPr 58/3 (2010)

Hans Treschwig, von 1954 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1997 Mitglied des Stenografischen Dienstes des Deutschen Bundestages,[1] hat sich im Ruhestand den Wunsch verwirklicht, die Deutsche Einheits­kurz­schrift sprachlich intensiv zu erforschen. Er hat sich als ausgewiesener Kenner dieses Systems und als langjähriges Mitglied des Systemausschusses des Deutschen Stenografenbundes sowie durch einschlägige Veröffentlichungen vielfach profiliert.

Im Ruhestand hat er an der Universität Bonn die Fächer Allgemeine Sprachwissenschaft, Anglistik und Erziehungswissenschaft studiert und sich dabei das wissenschaftliche Rüstzeug dieser Fächer erwor­ben. Das Studium hat er 2006 mit einer Magisterarbeit „Ambiguität in der Stenografie: Versuch einer linguistischen Analyse" abge­schlossen. Mit ihr hat er, seit den 50er‑Jahren Diplomvolkswirt, sein Zweitstudium mit dem akademischen Grad eines Magister Artium (M. A.) abgeschlossen.

 

Für viele Leser gehört das Wort Ambiguität sicher nicht zum täg­li­chen Wortschatz. Der Blick in das Duden‑Fremdwörterbuch lehrt, dass es sich einmal um die „Mehr-, Doppeldeutigkeit von Wörtern, Werten, Symbolen, Sachverhalten", zum anderen in der Sprachwissen­schaft um „lexikalische oder syntaktische Mehrdeutig­keit" handelt. Dazu gibt es das Adjektiv ambig im Sinne von „mehr­deutig, doppelsinnig". Um Eindeutigkeit herzustellen, muss man di­sambiguieren, es kommt zur Disambiguierung.

Wer diese Magisterarbeit mit Gewinn lesen will und – selbst als Sprachwissenschaftler – nicht auf dem neuesten Stand ist, legt sich am besten einmal aus der Sammlung Kröner das „Lexikon der Sprachwissenschaft" von Frau Hadumod Bußmann dazu, vom Autor immer wieder zitiert; zum anderen auch das „Große Fremdwörter­buch" aus dem Hause Duden. Es liefert dem Leser mitunter schnell eindeutigere Auskunft als das genannte Lexikon.

Zielgruppe der Magisterarbeit waren die beiden gutachtenden Bon­ner Professoren Hannes Kniffka für die Allgemeine Sprachwissen­schaft und Jürgen Esser für die Anglistik. Beide waren wahrschein­lich nicht mit der Stenografie vertraut, erst recht nicht mit kurzschriftwissenschaft­lichen Überlegungen. So kam es für Hans Treschwig darauf an, seinen Prüfern stenografische Grundbegriffe zu vermitteln. Er musste aber auch zeigen, dass er die aktuelle sprachwissenschaft­liche Fachsprache beherrscht und auf steno­grafi­sche Sachverhalte anwenden kann. Die fachsprachlichen Aus­füh­rungen auf 86 Seiten werden durch 96 stenografische Beispiele, durch 12 Abbildungen und 6 Tabellen untermauert. Der Text selbst ist durch einen äußerst hohen Grad an Fachsprachlichkeit geprägt. Selbst der sprachwissenschaftlich vorgebildete Leser muss sich mit­unter durch dichten terminologischen Nebel voranarbeiten. Hans Treschwig kann, wie wir aus seinen anderen Veröffentlichungen wis­sen, Sachverhalte auch wesentlich einfacher ausdrücken, aber das hätte ihm in der Zunft der Hochschullinguistik geschadet.

Nach allen möglichen Ambiguitäten in der Sprache zu suchen, ist eine neue sprachwissenschaftliche Forschungsrichtung. In dem umfang­reichen „Sprachwissenschaftlichen Wörterbuch", 1963 heraus­gegeben von dem Bonner Professor für vergleichende Sprachwissenschaft Johann Knobloch,[2] das alle seinerzeit bekann­ten sprachwissenschaftlichen Termini erfasste, taucht das Stichwort „Ambiguität" überhaupt noch nicht auf. Dort finden sich nur lat. ambiguitas und engl. ambiguity. Diese neue Forschungsrichtung der Sprachwissenschaft ist also erst in den folgenden Jahrzehnten entstanden.

So ist auch verständlich, dass die Kurzschriftwissenschaft bisher keine Kenntnis von ihr genommen hat, wenn es auch in einschlägi­gen Veröffentlichungen schon lange vielfache Ausführungen zu Eindeutig­keit und Mehrdeutigkeit und Verwechslungsgefahren gibt. Die bisher erarbeitete Systematik zur Ambiguität konnte sich nicht in ihnen niederschlagen, sodass Hans Treschwig hier auch kein direkt auf seine Magisterarbeit bezogenes Material finden konnte.

Auf S. 11 gibt er in Abbildung 1 einen Überblick über die Arten von Ambiguität. Am ehesten davon bekannt sind die beiden Fälle der Homographie und Homophonie.

Bei der Homographie werden Wörter bei gleicher Schreibung unterschied­lich ausgesprochen. Bei der Schreibung Montage kommt einmal das Fremdwort, zum anderen der Plural von Montag in Be­tracht. Bei der Schreibung Tenor liegt je nach Betonung auf der ers­ten oder zweiten Silbe eine unterschiedliche Bedeutung vor. Wäh­rend im Deutschen solche Fälle selten sind, kommen sie im Engli­schen öfter vor. Hier einige Beispiele: minute ['mɪnɪt] = Minute im Unterschied zu [maɪ'nju:t] = winzig. Häufiger sind Fälle, wo durch die Betonung zwischen Wortarten und auch Bedeutungen unterschie­den wird: the conduct mit Betonung auf der ersten Silbe (= das Benehmen), to conduct mit Betonung auf der zweiten Silbe (= dirigie­ren usw.).

Bei der Homophonie handelt es sich um Wörter mit unterschied­licher Schreibung, aber gleicher Aussprache: dt. der Mohr : das Moor; engl. fair : fare.

Wer die deutschen Fälle der Homophonie nachschlagen möchte, sei auf das Duden‑Taschenbuch 3 „Die Regeln der deutschen Recht­schrei­bung" von Wolfgang Mentrup verwiesen. Es enthält unter ande­rem in 24 Abschnitten umfangreiche Listen schwieriger Fälle der Rechtschreibung. Am Ende eines jeden Abschnitts gibt es eine Übersicht „Gleichklingende Wörter", z. B. sich aalen (zu Aal), Aalen (Stadt in Württemberg), die Ahlen (zu Ahle), Ahlen (Stadt in Nord­rhein‑Westfalen).

Für das Englische hilft eine Übersicht in „Webster's Universal Unabridged Dictionary", nämlich „The Bad Speller's Dictionary", eine Übersicht über im Englischen häufig falsch geschriebene Wörter. Nach jedem Buchstaben des Alphabets folgt eine Zusammenstellung „Look‑Alikes or Sound‑Alikes", deren Auswertung sich auch für stenografi­sche Zwecke lohnt, z. B. altar (church) : alter (change).

Über die schon in der Langschrift vorhandenen Homophone hinaus ergeben sich in der Kurzschrift aufgrund der Regeln zur Verein­fachung gegenüber der Langschrift zusätzliche stenografische Homo­graphe, deren Zahl in der Mittelstufe und erst recht in der Oberstufe, der Hochleistungsstenografie, aufgrund der Regeln zur Verkürzung und Kürzung sowie von Kürzeln stark zunimmt. Zur Unter­scheidung von den Fällen langschriftlicher Homographe hat Treschwig für diese stenografischen Fälle das Fachwort Homo­gramm neu geprägt.

In Kapitel 3 „Stenografische Ambiguität" zeigt er Fälle von Homo­grammen im Deutschen und Englischen und begründet sie. Dabei unterscheidet er (S. 32) zwischen schwach auffallender Ambiguität bei der Weglassung entbehrlicher Flexionssuffixe und stark auffallen­der Ambiguität. In diesem Falle treffen wir Schriftbilder für sprach­li­che Ausdrücke an, die morphologisch und lexemisch unterschiedlich zuzuordnen sind, z. B. dt. iss = wissen, schließen, anr = an der, aner­kennen.

Einen weiteren neuen Terminus prägt Treschwig für eine der in • 20.1 a der Wiener Urkunde verzeichneten Kürzungsmöglichkeiten, nämlich für das Weglassen von Wörtern wie bei der Wortfolge zum (Ausdruck) kommen. Die Kürzungstechnik beim Weglassen des Wortes Ausdruck unter Verbindung der verbleibenden Wörter bezeich­net er als Sequenzkürzung (S. 33 – 35). Eine Sequenz ist hier die „Abfolge von Wörtern".

Für die Arbeit des Stenografen ist wichtig, wie mehrdeutige, ambige Formen in die Eindeutigkeit, die Disambiguierung überführt werden können. Treschwig stellt heraus, dass die „Disambiguierung auf einer psycholinguistischen Leistung" beruht, „die der Mensch als Rezipient dank seiner Sprachkompetenz und seines Weltwissens in dem Bedingungs­feld des Kontextes vollbringt." Wir Stenografen können also stolz sein auf unsere Leistung bei der Übertragung – beim Decodie­ren – stenografischer Texte.

Er hält es (S. 44) für „ziemlich gesichert", „dass die verschiedenen Lesarten ambiger Schriftbilder während des Decodiervorganges im unterschwelligen mentalen Bereich aktiviert werden, aber nur die zum Kontext passende ins Bewusstsein gelangt." „Das Unter­bewusstsein leistet die Ermittlungsarbeit, während sich das Wachbewusst­sein nur mit dem beschäftigt, was gilt."

Treschwig behandelt dann in Kapitel 4.3.2 einen Test zur Ermittlung des gültigen Ambiguitätspartners und unterstreicht (S. 49), „dass Disambiguie­rung ein Mindestmaß an geistiger Mitarbeit des Rezipien­ten voraussetzt."

Weiter bedeutend für die Arbeit des Stenografen ist Kapitel 4.3.3 über „Determinierende Informationen des Syntagmas". Als Syntagma wird eine Wortfolge bezeichnet, die nicht Satz ist, wo aber sprach­liche Elemente in der linearen Redekette verbunden sind. Treschwig unterscheidet fünf Arten syntagmatischer Beziehungen und zieht für seine Beweis­führung auch einen Aufsatz von Manfred Kehrer aus dem Jahre 1987 heran.[3] Hier fehlt der Platz, die von Treschwig gefunde­nen Ergeb­nisse anzuführen. Es wäre wünschenswert, wenn er Gelegenheit erhiel­te, zumindest diesen Abschnitt seiner Arbeit (S. 53 – 67) in ei­ner auf allgemeine Verständlichkeit heruntertransponier­ten Fassung zu veröffentlichen. Dasselbe gilt für Kapitel 4.3.5 (S. 68 – 73), die exemplari­sche Analyse eines kom­plexen Ambiguitätsfalles.

Aus der Zusammenfassung der Ergebnisse ist Punkt 11 (S. 76 f.) herauszustellen. Treschwig betont, jede Ambiguität fordere die Sprachkompetenz zu einer Leistung heraus, die der Rezipient zusätz­lich zu der sonstigen Sprachverarbeitung zu erbringen habe. Da Ambiguitäten in der Stenografie signifikant häufiger vorkommen, ist die Sprachkompetenz entsprechend stark gefordert. Deshalb ist Stenografie auch ein Mittel der sprachlichen Bildung (S. 77). Das Mindestalter für das Erlernen der Kurzschrift liegt bei 12 bis 14 Jah­ren. Der Einstieg in höhere Systemstufen liegt noch später, da der Sprachkompetenz mehr abverlangt wird.

Eine Bewertung zu kurzschriftwissenschaftlichen Aussagen und zum Handwerklichen erübrigt sich hier, da dies schon Boris Neubauer und Monika Disser in einer ausführlichen Besprechung getan haben.[4] Ih­rer Bewertung kann ich mich weitgehend anschließen (S. 31): „Die Arbeit hat ohne Zweifel Substanz, auch im Hinblick auf die steno­grafi­sche Wissenschaft. Das Thema der Mehrdeutigkeiten ist gründ­lich aufgearbeitet worden. ... Eine Umarbeitung für die stenografi­schen Fachkreise würde die guten Ergebnisse der geleisteten Arbeit deutlich besser zu Tage treten lassen." Damit seien an dieser Stelle der Wunsch und die Hoffnung verbunden, dass Hans Treschwig zum Ausbau der Arbeit in sprachwissenschaftlicher Hinsicht, aber auch zur Darstellung für die breitere stenografische Öffentlichkeit die nö­tige Kraft und Energie aufbringen kann.

[1] Vgl. Reinhard Berger: Hans Treschwig trat in den Ruhestand. In: NStPr 47 (1998), S. 93 – 96.

[2] Johann Knobloch [Hrsg.]: Sprachwissenschaftliches Wörterbuch. Lieferung 2. Heidelberg: Winter 1963, S. 105 f.

[3] Vgl. den auch heute noch lesenswerten Aufsatz von Manfred Kehrer: Tips für Wettschreiber (7). In: Theorie und Praxis. 31 (1987) S. 89/90.

[4] Vgl. bn/ds: Hans Treschwig: Ambiguität in der Stenografie: Versuch einer linguisti­schen Analyse. Magisterarbeit, Bonn 2006. In: Archiv für Stenografie, Textverarbeitung, Informationstechnologie. 51 (2009), S. 25 – 31.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen, wie auch ein Brief Bismarcks an ihn zeigt. Zur Erinnerung an seinen Todestag mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.