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aus: NStPr 58/1 (2010)

Die niedersächsische Landeshauptstadt empfing die circa 60 Teilnehmer des Verbandstages – zuletzt hatte eine solche Veran­staltung in Hannover vor 25 Jahren stattgefun­den; insgesamt war es erst der zweite in dieser Stadt – am Freitagabend mit spätsommer­lichen Temperaturen. Man traf sich, ei­ner schönen Tradition folgend, zum gemütlichen Beisammensein im Urbock‑Keller des Broyhan‑Hauses, gleich neben dem Hotel Con­corde, in dem der überwiegende Teil der Teilnehmer wohnte. Das Broyhan‑Haus zählt zu den ältesten Bürgerhäusern Hannovers und wurde Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut. 1537 erwarb es sein Namens­geber, Brau­meister Cord Broyhan. 1985 wurde der Fachwerk­bau originalgetreu rekonstruiert.

 

Eröffnet wurde der Verbandstag am Samstagvormittag im Leibniz‑Saal im Hauptgebäude des seit 1962 im Leineschloss unterge­brach­ten Landtages mit einer Begrüßung durch den Vorsitzen­den Dr. Wolfgang Behm sowie durch Udo Winkelmann als Vertreter der Landtagsverwaltung; ihre Reden sind gleich im An­schluss an diesen Beitrag abgedruckt.

In die anschließende Fachtagung zum Thema „Stenografische Protokollie­rung im Lichte der Öffentlichkeit" führte Dr. Bärbel Heising, die die Moderation dieses Veranstaltungsteils übernommen hatte, mit dem Hinweis ein, dass sich Medienvertreter oft an die Stenografi­schen Dienste wenden. Für die Stenografischen Dienste sei es wich­tig, sich sowohl nach innen, also verwaltungsintern, als auch nach außen angemessen zu präsentieren. Öffentlichkeitsarbeit lasse sich auf folgenden Wegen betreiben: Vorträge, Interviews, Mitwirkung in Informationsfilmen, Inter- und Intranetauftritte, Kontakte mit Besucher­gruppen, hauseigene Publikationen, Ausstellungen, Projektwochen sowie Tage der offenen Tür, zu deren Vorbereitung die Beantwortung der Frage gehöre, welche Zielgruppen angesprochen, welche Botschaf­ten ver­mittelt und welche Ideen umgesetzt werden sollten.

Thomas Wagner, Kiel, informierte in der Folge unter Zuhilfenahme ei­ner PowerPoint‑Präsentation mit dem Titel „Was Sie schon immer über Stenografie wissen woll­ten" über den Tag der offenen Tür im Schleswig‑Holsteinischen Landtag. Zur Vorbereitung habe er FAQs, Frequently Asked Questions, zurate gezogen, um herauszufinden, was die Besucher am meisten interessieren könnte. Im Plenarsaal des Landtags – dort war dem Stenographischen Dienst ein Platz zugewie­sen worden – habe man über einen Laptop Tonbeispiele präsen­tiert; außerdem hätten zwei Stellwände zur Veranschauli­chung der Plenar- und der Ausschussarbeit gedient. Handouts, Namens­schilder in Kurzschrift, ein Stenoquiz, bei dem die Besucher grafi­schen Darstellungen die entsprechenden stenografischen Wort­bilder hätten zuordnen müssen, sowie Kopien der •• 2, 3 und 5 der Wiener Urkun­de hätten darüber hinaus Eindrücke von der Arbeit des Steno­graphischen Dienstes vermittelt. Auf die Darstellung von Stilblüten oder „verunglückten" Sätzen sei jedoch verzichtet worden. Fazit: We­nig Anklang habe bei den Besuchern die Erläuterung der Ausschuss­arbeit gefunden. Dafür sei das Wortquiz auf deutlich mehr Begeiste­rung gesto­ßen, ebenso das Schauschreiben über einen Beamer – und nicht zu­letzt die bereitgestellten Müsliriegel.

Simona Roeßgen, Düsseldorf, verdeutlichte – ebenfalls mithilfe einer PowerPoint‑Präsentation – ihre Erfahrungen beim Tag der offenen Tür des Landtags Nordrhein-Westfalen. Schwerpunkte der Präsenta­tion des Stenografischen Dienstes seien Stenografie, Tech­nik/Ausrüstung und Ausbildung gewesen. Zunächst schlüpfte sie jedoch in ei­ner klei­nen schauspieleri­schen Einlage in drei Besucherrollen und stellte drei vorher instruier­ten Anwesenden einige der bereits oben erwähnten FAQs, zum Bei­spiel, wie viele Silben ein Stenograf schrei­ben müsse, worin seine Aufgabe bestehe, ob jedes Wort wiedergege­ben werde, wo man die Kurzschrift erlernen könne und ob sie im Zeitalter moder­ner Aufnahme­technik überhaupt noch notwendig sei. Sie forderte anschlie­ßend dazu auf, weitere Fragen dieser Art dem Verbands­vorstand zukommen zu lassen, damit dieser zur Vorberei­tung entsprechen­der Veranstaltungen eine allen Verbandsmitgliedern zugängli­che Handreichung ausarbeiten könne.

Anke Dummin, Saarbrücken, und Ulla Bohnes, ebenfalls Saar­brücken, widmeten sich in ihrer Präsentation dem Tag der offe­nen Tür des Landtages des Saarlandes im Jahre 2007, zu dem der Stenografische Dienst Vorga­ben von der Landtagsspitze – stündliche Führungen, 15‑minütige Vorträge und die anschließende Vorstellung der Abteilung – erhalten habe. Unter Mitwirkung von fünf Kolleginnen und Kollegen seien viele Ideen entstan­den, beispielsweise die Präsentation der eige­nen Arbeit über einen Film, eine PowerPoint‑Präsentation sowie die Auslage der „Blätter zur Berufskunde". In einem eigens zur Präsenta­tion des Stenografischen Dienstes vorgesehe­nen Raum seien Vitrinen zur Ausstellung von Dokumenten und Schreib­maschinen sowie Stellwände mit einer „Stenotapete", auf denen Ko­pien aus „Winklers Wörterbuch" sowie Stilblüten dargestellt worden seien, genutzt worden. Da dies bei den Besuchern auf große Resonanz gesto­ßen sei, habe man einen Grafiker mit der professionellen Um­setzung die­ses „Erstlingswerkes" beauftragt, um es weiteren Besucher­gruppen im Landtag zeigen zu können. Anke Dummin stellte fest, alles in allem hätten sich die PowerPoint‑Präsentation und die Ausstellung sehr gut ergänzt. Anschauungsmaterial dazu habe man im Tagungsraum besichtigen können.

Alfred Vogel, München, berichtete anschließend vom Tag der offenen Tür des Bayerischen Land­tages im Jahre 2007. Er führte aus, dass sich in einer ständigen Ausstellung in der vierten Etage des Bayeri­schen Landtages in Vitrinen Stenogramme berühmter Persönlichkei­ten befänden, unter anderem von Theo Waigel, Bertolt Brecht und Erich Kästner, sowie die Kopie eines Stenogramms des Papstes. Ne­ben dieser Ausstel­lung dienten zur Veranschaulichung all dessen, was zum Stenografen­beruf gehöre, die Darstellung tironischer Noten und der Bayerischen Verfassun­gen von 1818 und 1946 – letztere als Entwurf vom damali­gen Minister­präsidenten stenografisch niederge­legt. Die Hauptattrak­tion des Tages der offenen Tür sei ein Schau­schreiben des Landtags­stenografen Volker Spring­wald gewesen, der sich danach für die Beantwor­tung von Fragen, auch bezüglich des Stenogramms, zur Verfügung gestellt habe. Den Weg vom Steno­gramm zum fertigen Protokoll habe Monika Stier‑Balhuber mittels Fo­lien grafisch darge­stellt. Weitere öffentlichkeits­wirksame Maßnahmen seien ein Bericht über die Steno­grafie in der Fernsehserie „Zwischen Spessart und Karwen­del" sowie Flyer zum Ablauf der Plenar­sitzungen gewesen. Ein sehr anschau­li­cher dreiminütiger Tonfilm von 2007 verdeutlichte anschlie­ßend die Arbeit des Stenografi­schen Dienstes des Bayerischen Land­tages bei der Erstellung eines Plenar­protokolls.

Nach einer etwa halbstündigen Unterbrechung wurde über die Vor­träge lebhaft disku­tiert. Nebenbei sei erwähnt, dass das Partner­programm für den Vormittag eine Füh­rung durch die Herrenhäuser Gärten vorsah.

An das Mittagsbuffet auf Einladung des Landtagspräsidenten im Re­staurant „Leineschloss" schloss sich eine Führung durch das Landtags­gebäude an. Informiert durch sehr anschauliche und sach­kundi­ge Erklärungen, durften die Teil­nehmer unter anderem ein Mo­dell des Landtages im Foyer besichti­gen, die Bibliothek, den Besprechungs­raum der CDU‑Fraktion – in welchem den Abgeordne­ten allgegenwärtig auf einem Display die aktuelle Höhe der Verschul­dung des Landes angezeigt wird –, das lichtdurch­flutete, 140 Quadratmeter große Zimmer des Landtagspräsidenten, den Plenar­saal – der noch unter dem Aspekt der „Politik hinter verschloss­enen Türen" gebaut worden war – sowie die Wandelhalle mit Gobelins und Gemälden.

Ab 15.15 Uhr wurde die Tagesordnung der Mitgliederversammlung abgearbeitet. Die Ergebnisse dieses Teils des Verbandstages sind in dieser Ausgabe der „Neuen Stenografischen Praxis" veröffent­licht.

Um 18.30 Uhr stand eine Führung durch die Altstadt von Hannover auf dem Programm – immer dem „Roten Faden" folgend, einer 4,5 Kilometer langen roten Linie, die zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt führt. Für die „Daheimgebliebenen" zum Nachvollziehen hier der Link: www.roterfaden-hannover.de.

Die Führung begann auf dem Domplatz mit der Besichtigung des Luther‑Denkmals neben der Marktkirche mit ihrem 98 Meter hohen Turm, in der General Johann Michael von Obentraut, der das Urbild des deutschen Michels verkörper­te, 1625 seine letzte Ruhestätte fand. Der Rundgang führte als Nächstes zum 1439 erbauten und 1998 aufwendig restaurierten Alten Rathaus – dem Symbol der 1619 von Hannover erworbenen „hohen Gerichtsbarkeit" –, in dessen Gericht­s­laube neben dem Gebäude früher unter freiem Himmel Recht ge­sprochen wurde. Der an der Mauer befindliche „Neidkopf" sollte einst böse Geister abwehren.

Am nächsten Haltepunkt war zu erfahren, dass mit der Expo 2000 zum Thema „Mensch – Natur – Technik" zum ersten Mal eine Welt­ausstellung in Deutschland stattfand. Dafür habe sich die ehemalige niedersächsische Ministerin und spätere Treuhand­chefin Birgit Breuel sehr eingesetzt. Danach erreichte die Gruppe den Kröpcke, einen zentralen Platz in der Innenstadt Hanno­vers, unter ande­rem mit einer eleganten Einkaufspassage und einer oft als Treffpunkt dienenden Uhr von 1885. Der ungewöhnliche Name dieses Platzes geht auf den Oberkellner Kröpcke zurück, an den ein aus der Schweiz zugewanderter Zuckerbäcker seine Gaststätte um 1900 verkauft hat. Der Rundgang führte im Weiteren an der Hannoveraner Oper vorbei, vor der das Ernst‑August-Denkmal steht. König Ernst August hatte 1837 das hannoversche Staatsgrundgesetz au­ßer Kraft gesetzt. Man streifte dann das Varieté in der Georg­straße, benannt nach Kö­nig Georg III. von Großbritannien, Irland und Hannover. Unter sei­ner Führung war Hannover, das damals zehn ehemalige Fürsten­tümer und Grafschaften sowie sieben Provinzial­landtage und damit etwa vier Fünftel der Fläche des heutigen Landes Niedersachsen umfass­te, Königreich geworden.

Weiter ging es zum Denkmal des in Wien geborenen Hannoveraner Ehrenbürgers Karl Karmarsch. Falls jemand noch nichts von ihm ge­hört haben sollte: Er war der Gründer und spätere Direktor der Höhe­ren Gewerbeschule, des späteren Poly­technikums bzw. der heutigen Leibniz‑Universität. Von hier aus war es nicht weit zum Denkmal ei­nes der letzten Universal­gelehrten, des Philosophen Gottfried Wil­helm Leibniz, des Erfinders des binären Zahlensystems und Namens­gebers des 1891 von Hermann Bahlsen auf den Markt gebrachten Leibniz‑Kekses. Der Weg führte danach am Gebäude der Deutschen Bundesbank vorbei, in welchem die in Berlin, München und Leipzig hergestellten Euronoten und Euromünzen bis zu ihrer Auslieferung im Jahre 2002 lagerten. Nach der Besichtigung der mittelalterlichen Stadtmauer erreichte die Führung die St.‑Aegidien-Kirche, die 1347 im gotischen Stil als Hallenkirche er­baut und im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Heute stellt sie mit ih­rer Friedensglocke, einem Ge­schenk der Partnerstadt Hiroshima aus dem Jahre 1985, ein Mahn­mal gegen Gewalt dar. Been­det wurde die Stadtführung vor dem Restaurant „Stadt­brauerei‑HBX" im Herzen Hannovers, in dem man in der für geschlosse­ne Veranstaltungen vorgesehenen zweiten Etage den Tag ausklingen ließ.

Am Sonntagvormittag fand schließlich die Besprechung der Leiterin­nen und Leiter der Stenografischen Dienste statt, bei der diese über die derzeitige Lage in ihren Häusern berichteten. Zusammen­fassend lässt sich sagen: Die Personaldecke ist überwiegend gerade ausreichend. Teilweise ist man aber auf Gaststenografen angewie­sen. Die Nachwuchsgewinnung gestaltet sich, vor allem aufgrund der Unkenntnis über unseren Berufsstand und die Stenografie, schwierig. In einigen Landtagen ist für Stenografen mit weiten Arbeitswegen Telearbeit beantragt bzw., wie im Niedersächsischen Landtag, zum Teil bereits genehmigt worden. Etwas problematisch stellt sich wegen des hohen Arbeitsaufwandes die Protokollierung der vertraulichen Teile von Untersuchungsausschusssitzungen dar.

An dieser Stelle sei den Stenografen des Niedersächsischen Landta­ges, allen voran Gerd Miethe, sowie dem Verbandsvorstand für die gute Organisation des Verbandstages gedankt, an den sich die Teil­nehmer sicher gern erinnern werden.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen, wie auch ein Brief Bismarcks an ihn zeigt. Zur Erinnerung an seinen Todestag mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.