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aus: NStPr 1 (2008)

Nach 1971 und 1991 fand vom 19. bis 21. Oktober 2007 der Verbandstag des Verbandes der Parlaments- und Verhandlungsstenografen zum dritten Mal in Wiesbaden statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren nicht nur vom Wettergott begünstigt (blauer Himmel und Sonne, gleichwohl eisige Temperaturen), sondern fanden in Wiesbaden auch beste Rahmenbedingungen vor. Unser Kollege Dieter Ehrenberger hat mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern keine Mühen gescheut, um eine wirklich gelungene Veranstaltung zu organisieren.

Doch der Reihe nach! Am Freitagabend trafen sich ‑ einer guten Übung folgend ‑ die bereits angereisten Kolleginnen und Kollegen im Restaurant „Zafferano" des Crowne Plaza Hotels zu einem ersten Erfahrungs- und Gedankenaustausch. Für das leibliche Wohl war bestens gesorgt. Egal, ob man sich für das Büfett entschied oder à la carte tafelte, es blieben keine Wünsche offen. Der gute Service und die anregenden Gespräche führten dazu, dass es längst Mitternacht geschlagen hatte, als die Letzten sich in ihre Kemenate zurückzogen.

Zur Fachtagung am Samstagmorgen fanden sich rund 50 Stenografinnen und Stenografen in einem Sitzungssaal des Neubautraktes des Hessischen Landtags ein. Bilder und Ausstattung dieses Raumes ließen keinen Zweifel: Es war der CDU‑Fraktionssaal.

Dieter Ehrenberger, der uns nach Dr. Wolfgang Behm in diesem Raum begrüßte, machte auf die Besonderheit der Mikrofonanlage aufmerksam: Gleichgültig, ob der Sprecher nah herankomme oder sich zurücklehne, die Anlage nehme den Ton gleichermaßen gut auf. Und: Unsere Fachtagung sei die erste Veranstaltung in diesem Raum!

Eigentlich hätte der Plenarsaal schon Ende 2006 vollständig renoviert sein sollen. Doch seien erste Bauplanungen für die Renovierung des Landtags durch sich aufschaukelnde Bürgerproteste zunichtegemacht worden. Hinzugekommen seien Probleme bei der Bauausführung und eine Schadenersatzklage, bei der der Landtag sich ein wenig verschätzt habe. Der Landtag habe nämlich angenommen, durch die Klage schneller eine Baufreigabe zu erreichen, habe dabei aber vergessen, dass er kurz zuvor das Verwaltungsgericht aus diesem Gebäude gedrängt habe. Ergebnis der Querelen sei jedenfalls, dass der Plenarsaal noch eine Baustelle sei und man lediglich Bauzeichnungen und ein Modell zeigen könne. Der Plenarsaal solle aber nach der Landtagswahl am 27. Januar 2008 zur Konstituierung des Landtags am 5. April 2008 fertig sein.

Kollege Ehrenberger teilte außerdem mit, dass Landtagspräsident Norbert Kartmann es sehr bedauere, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus persönlichen Gründen nicht selbst begrüßen zu können; er bringe seine Wertschätzung aber dadurch zum Ausdruck, dass er nicht nur diesen neuen Sitzungssaal zur Verfügung stelle, sondern auch sowohl zum Mittagessen im Restaurant des Landtags als auch zu einer abendlichen „Schlenderweinprobe" im Kloster Eberbach in Eltville und zur anschließenden Winzervesper einlade. Dort werde er von Landtagsdirektor Peter von Unruh vertreten.

Gern hätte Dieter Ehrenberger uns auch die Besichtigung der Staatskanzlei ermöglicht. Doch sei er daran wegen prominenter Gäste leider gehindert. In der vorausgegangenen Woche hätten dort der „Petersburger Dialog" ‑ u. a. mit dem russischen Präsidenten Putin und Bundeskanzlerin Merkel ‑ sowie bis zum Vortag die Konferenz der Ministerpräsidenten stattgefunden.

Anschließend leitete der Vorsitzende des Berufsverbandes, Dr. Wolfgang Behm, unmittelbar zum Thema der Fachtagung, „Parlamentarische Untersuchungsausschüsse: Rechtsgrundlagen und parlamentarische Praxis", über und meinte, Untersuchungsausschüsse gehörten fast zum täglichen Brot der Parlamente und damit auch der Stenografen. Manchmal erschienen die Themen etwas weit hergeholt, doch versprächen sie wohl, den Politikern Gelegenheit zu geben, mit einem Thema dauerhaft in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten. Sicherlich gebe es in den einzelnen Stenografischen Diensten unterschiedliche Ansätze, Untersuchungsausschussprotokolle zu erstellen; daher sei es bestimmt interessant, sich im Rahmen dieser Fachtagung auszutauschen.

Kollegin Dr. Petra Augustin, Berlin, führte in das Thema mit einem Überblick über die unterschiedlichen rechtlichen Regelungen in Bund und Ländern ein und sprach dann über die Auswirkungen auf die Arbeit der Stenografinnen und Stenografen. Kollege Alfred Vogel, München, hatte sich vor allem bei denjenigen Landesparlamenten umgehört, die auf der Fachtagung nicht vertreten waren, und ergänzte die Ausführungen von Frau Dr. Augustin entsprechend. Einer kurzen Kaffeepause folgte eine lebhafte Diskussion. Besonders interessant waren dabei die Ausführungen des Tonbandredakteurs Thomas Böhm‑Christl, der beim Abgeordnetenhaus von Berlin tätig ist. ‑ Modifizierte Fassungen der beiden Vorträge werden in dieser Zeitschrift zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen.

Wegen der spannenden Diskussion verzögerte sich der Beginn des Mittagessens im Landtagsrestaurant um eine Viertelstunde. Zum Mittagessen, das einem Sterne‑Koch zur Ehre gereichte, waren auch die Partnerinnen und Partner eingeladen. Sie hatten vormittags die Möglichkeit, an einem Stadtrundgang teilzunehmen.

Wohl gestärkt folgte ein Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer anschließend u. a. dem Historiker Ulrich Weber auf einem Rundgang durch das Landtagsgebäude, das Stadtschloss Wiesbaden, das von den Her­zögen Wilhelm und Adolph von Nassau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde.

Obwohl Herzog Wilhelm von Nassau‑Weilburg im Schloss Biebrich eine schöne Residenz hatte, begann er in den 30er‑Jahren des 19. Jahrhunderts mit der Planung eines neuen Stadtschlosses. Sein angebliches Motiv, von dem entlegenen Biebrich „näher zu seinem Volke" zu ziehen, ist zwar rührend, aber historisch nicht belegbar. Immerhin beauftragte der Herzog den hessischen Hofbaumeister Georg Moller aus Darmstadt mit der Planung, der seinerseits den Bau durch den bekannten Wiesbadener Baumeister Richard Goerz ausführen ließ. So entstand an der Stelle der alten Wiesbadener Burg in den Jahren von 1837 bis 1842 das neue Stadtschloss. Heute wirkt das Äußere im Zusammenhang mit der umliegenden Bebauung zwar schlicht, aber doch vornehm. Herzog Wilhelm als Bauherr erlebte die Fertigstellung nicht mehr, sein Sohn Herzog Adolph führte den Bau zu Ende und machte ihn zum Mittelpunkt des herzoglichen Hofes, mit dem er 23 Jahre lang in diesem Schloss residierte. Einzelheiten der ohne Zweifel interessanten Geschichte des Wiesbadener Stadtschlosses würden den Rahmen dieses Berichts sprengen. Ulrich Weber hatte bei seiner Führung durch Vestibül, Roten und Gelben Salon, Haupttreppenhaus und Tanzsaal, Rotunde mit Balkon über dem Portikus, Büfettzimmer und Konzertsaal, Kabinettzimmer ‑ das dem Ministerpräsidenten während der Plenarsitzungen für Besprechungen zur Verfügung steht ‑ und ehemaliges Gesellschaftszimmer ‑ heute Besprechungszimmer des Landtagspräsidenten ‑ aufmerksame Zuhörer. Im ganzen Haus befinden sich übrigens verschiedene Gemälde und auch Möbel aus dem Besitz des Herzogs. Sie dienen der Verschönerung der der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Diensträume des Landtags.[1]

Es war nicht ganz einfach, sich von den „hochherrschaftlichen" Eindrücken loszureißen und in die nüchterne Atmosphäre des Sitzungssaals einzutauchen, um mit der Mitgliederversammlung des Verbandes im Programm fortzufahren. Hierzu nur so viel ‑ über Ergebnisse und Teilnehmerinnen und Teilnehmer wird andernorts in dieser Zeitschrift berichtet ‑: Es wurde noch kein Ort für den nächsten Verbandstag festgelegt.

Nach Ende der Mitgliederversammlung mussten etliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer Wiesbaden bereits verlassen. Den anderen blieb gerade so viel Zeit, um zum Hotel zu gehen, sich ein wenig „menschlich" zu gestalten, vielleicht auch sich umzuziehen, und dann ging es schon wieder weiter. Der Bus holte sie am Landtag ab und brachte sie nach Eltville zum Kloster Eberbach.

An dieser Stelle ein paar Worte zum Kloster Eberbach ‑ entnommen der Internetseite des Klosters; denn besser hätte ich es nicht ausdrücken können ‑:

Porta patet, cor magis ‑ Die Tür steht offen, mehr noch das Herz!

So lautet ein überlieferter Wahlspruch der Zisterziensermönche. Und kaum treffender könnte man wohl zum Ausdruck bringen, was unsere Besucher hier in Kloster Eberbach erwartet: eine altehrwürdige Abtei, deren Portale für unsere Gäste und Freunde rund ums Jahr weit geöffnet sind. Eine durch Geist, Geschichte, Kunst und Schönheit geformte Atmosphäre, die allen Besuchern fürwahr das Herz zu öffnen vermag. ...

Über Jahrhunderte hinweg, seit seiner Gründung [im Jahre 1136] durch den heiligen Bernhard, den berühmten Abt des Reformklosters Clairvaux in Burgund, war das Wirken der Zisterziensermönche für den hier herrschenden Geist und die hier errichtete Architektur prägend. Beides ist in Eberbach noch heute, mehr als 200 Jahre nachdem die letzten Mönche unter Napoleon von hier vertrieben wurden, förmlich mit Händen zu greifen.

Im Kloster erwartete uns zunächst eine „Schlenderweinprobe". Wir wurden in zwei Gruppen zu je etwa 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aufgeteilt. Die eine Gruppe wurde von Franz Simon, die andere (zu der auch ich zählte) von Luise Fink‑Weydert durch die Anlage des Zisterzienserklosters geführt.

„Schlenderweinprobe" bedeutet genau das, was der Name besagt: eine Weinprobe, bei der man durch die Klosteranlage schlen­dert. Noch einmal möchte ich von einer Internetseite des Klosters Eberbach ‑ www.klostereberbach.de/html/4_weinfuehrungen/schlenderprobe.html ‑ zitieren:

Das stimmungsvolle Hospital, der historische Cabinetkeller, der elegante hochgotische Kapitelsaal, das ausdrucksstarke kreuzgewölbte Dormitorium, das festliche barocke Refektorium und die monumentale romanische Klosterkirche liegen dabei auf Ihrem Weg. Von dienstbeflissener Hand werden Ihnen unterwegs sechs erlesene Weine ausgeschenkt. Von Klosterraum zu Klosterraum wechseln die passend auf deren Raumeindruck abgestimmten Weine und wächst zugleich Ihre Kenntnis über das monastische Leben früherer Jahrhunderte.

Insgesamt durften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Rheingauer Riesling der Jahrgänge zwischen 1989 und 2006 verkosten, allesamt aus der Produktion der Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach. Man hatte zudem das unverschämte Glück, dass in der Basilika des Klosters gerade ein Bläserensemble die „Hubertusmesse" probte ‑ eine „ohrenfällige" Demonstration der hervorragenden Akustik!

Und noch ein Zitat von einer Internetseite:

Die weitläufige Anlage mit ihren romanischen und früh­gotischen Innenräumen wurde vor einigen Jahren einem welt­weiten Publikum als Schauplatz der Verfilmung von Umberto Ecos „Der Name der Rose" bekannt.

Frau Fink‑Weydert konnte jede ihr in diesem Zusammenhang gestellte Frage nach einzelnen Filmszenen beantworten. Sie wusste, an welcher Stelle und mit welchem Aufwand/welcher Umgestaltung sie gedreht worden waren.

Ich denke, ich kann hier im Namen aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprechen, wenn ich sage: Wir haben es genossen!

Krönender Abschluss des Tages war nach der Weinprobe die „Winzervesper" in der Klosterschänke. Hier begrüßte uns in Vertretung des Präsidenten des Hessischen Landtags Landtagsdirektor Peter von Unruh mit launigen Worten, beispielsweise:

Schon gleich danach aber ist von den Parlamentsstenografinnen und -stenografen die Rede. Die sehe man immer so gut, weil sie vor dem Rednerpult säßen. – Kompliment, mit dieser Platzierung ist Ihnen eine richtig gute Image-Maßnahme gelungen. Das muss ich einfach zugestehen. Mir gegenüber wird Ihr Platz im Plenarsaal immer mit technischen Aspekten begründet; man höre dort besser und so weiter. Tatsächlich sitzen sie wahrscheinlich deshalb direkt vor dem Rednerpult, damit jedermann sieht, dass es Sie gibt und was Sie da tun.

Oder:

Das spricht dafür, dass es einen hervorragenden Vernetzungsgrad unter den Stenografinnen und Stenografen gibt. Man könnte auch von einer „sehr verschworenen Gemeinschaft" sprechen. Ob das so ist, will ich heute Abend hier herausfinden. Davon profitiert nicht nur Ihre Gemeinschaft, sondern auch Ihr Dienstherr, Ihr Arbeitgeber, also wir. Wenn einmal Not am Mann oder an der Frau ist, dann hilft es sehr, dass man Kontakte nutzen kann. Diese Kontakte zu pflegen, ist eine wichtige Funktion Ihres heutigen Treffens. Der Präsident und ich sind deshalb gerne Gastgeber eines solchen Treffens. Wir wissen genau, dass wir davon jedenfalls auf Sicht auch profitieren. Ganz selbstlos sind wir an dieser Stelle nicht. Wenn es gelingt, bei Ihnen ein Stück Gemeinschaftsgefühl und kollegiale Solidarität zu entwickeln, dann rechtfertigt das ein solches Treffen allemal.

Und:

Hier im Rheingau geht nichts ohne Wein; das haben Sie bei der Führung eben schon gemerkt, und das setzt sich jetzt fort. Wein gehört zum Lebensgefühl.

Zu guter Letzt:

Seitdem ich selbst testweise mit einem Spracherkennungssystem arbeite, weiß ich Ihre Arbeit umso mehr zu schätzen!

Muss ich dem noch etwas hinzufügen? ‑ Es war ein gemütlicher und fröhlicher Ausklang des Tages!

Am Sonntagmorgen folgte noch die Besprechung der Leiterinnen und Leiter der Stenografischen Dienste, schwerpunktmäßig mit einem Überblick über die personelle Situation der einzelnen Dienste und einem Ausblick in die Zukunft. Die Perspektive ist teilweise alles andere als rosig; es wird in der heutigen technikgläubigen Zeit immer schwieriger, die Notwendigkeit der stenografischen Protokollierung verständlich zu machen. Gäbe es doch mehr Direktoren wie Peter von Unruh in Wiesbaden!

[1] Die in diesem Absatz enthaltenen Aussagen stammen zum Teil aus der Broschüre „Das Wiesbadener Stadtschloss ‑ Sitz des Hessischen Landtags" von Dietrich Schnellbach und Reinhard J. Groß.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen. Zur Erinnerung an ihn, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt, mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.