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aus: NStPr 57/1 (2009)
Modifizierte Fassung des auf der Fachtagung des Verbandes
am 8. November 2008 in Würzburg gehaltenen Referats.

Ganz wichtig ist das Fragezeichen im Titel „Sitzungsredaktion ‑ ein Eingriff in die Souveränität des Redners?". Der Berufsstand der Stenografen ist sich darin einig, dass das ein aktuelles Thema ist. Mehr als früher gerät die Redaktionstätigkeit der Stenografischen Dienste in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Im Bayerischen Landtag gibt es – wie in vielen anderen Parlamenten sicher auch – seit einiger Zeit das Web‑TV, mit dessen Hilfe man jede Plenarsitzung am Bildschirm mitverfolgen kann. Es gibt ein Videoarchiv, das Aufzeichnungen der Plenarsitzungen enthält. Gleichzeitig gibt es „Plenum‑Online", das den Sitzungsablauf für jede Plenarsitzung und das zugehörige Plenarprotokoll anzeigt, das wenige Stunden nach Ende einer jeden Plenarsitzung in das Intranet eingestellt wird. Mühelos kann also jeder Interessierte nach einer Plenarsitzung das Sitzungsprotokoll mit dem reinen Wortlaut vergleichen. Jeder Besucher von Plenarsitzungen und auch jeder Abgeordnete könnte dank der modernen digitalen kleinen Diktier- und Aufnahmegeräte eine Plenarsitzung oder Teile davon aufnehmen und die Aufnahme hinterher mit der Protokollversion vergleichen. Daher machen sich die Landtagsverwaltungen darüber Gedanken, was geschieht, wenn ein Abgeordneter oder die Presse den Wortlaut mit dem endgültigen Plenarprotokoll vergleichen.

Ein Anlass, bei dem sich die Medien mit der Redaktionstätigkeit der Stenografen beschäftigten, war die 12. Bundesversammlung am 23. Mai 2004, in der Dr. Horst Köhler zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse fungierte als Sitzungsleiter der Bundesversammlung und hatte sich dabei einige Male versprochen. Gleich zu Beginn der Versammlung hatte er die Kandidatin Dr. Gesine Schwan als „Herrn Professor Dr. Gesine Schwan" vorgestellt. Das ging wohl darauf zurück, dass der Text davor lautete „Herr Professor Dr. Horst Köhler". Später sprach Bundestagspräsident Wolfgang Thierse von „Wahlschlägen" anstatt von „Wahlvorschlägen". Am Ende der Versammlung hätte der Versammlungsleiter beinahe übersehen, dass vor dem Singen der Nationalhymne der künftige Bundespräsident Dr. Köhler sprechen sollte. Diese Versprecher erscheinen, wie sich das für einen ordentlichen Stenografischen Dienst gehört, nicht im Wortprotokoll der Bundesversammlung. Dort steht: „Meine Damen und Herren, bevor wir die Nationalhymne singen, will ich dem neu gewählten Bundespräsidenten die Gelegenheit geben, das Wort zu ergreifen."

Das wurde von der Presse aufgegriffen. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschien am 04.06.2004 ein Artikel mit der Überschrift „Im Protokoll steht nur die halbe Wahrheit" – rückblickend betrachtet, ist das anders gemeint, aber diese Überschrift suggeriert das zunächst einmal –, in dem die Frage gestellt wird: „Ist also das Protokoll die Verfälschung einer Geschichte oder gar eines Teils der deutschen Historie, weil es die Wirklichkeit nicht vollständig wiedergibt?" Mitglieder der Stenografischen Dienste wissen: Das ist eine starke Übertreibung. Übertrieben war in der Tat die Darstellung in der Presse. So schreibt die „Süddeutsche Zeitung" am 24.05.2004 davon, dass Wolfgang Thierse das Hohe Haus mit zahlreichen Versprechern erfreut habe, konnte dann aber, wie auch die anderen Zeitungsberichte, nur drei Versprecher nachweisen. Außerdem schreibt sie, dass ein Hauch „präseniler Comedy" die Bundesversammlung wegen Thierses Versprecher durchweht habe. Jeder Stenograf kennt derartige Versprecher von Versammlungs- bzw. von Sitzungsleitern, ihre große Belastung und die psychischen Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. Der Berufsstand weiß: Die Qualität von Politikern lässt sich nicht unbedingt aus der Art ihrer Versammlungsleitung ablesen.

Ein weiteres Beispiel der Diskussion über Glaubwürdigkeit und Präzision stenografischer Protokolle stammt aus dem Bayerischen Landtag. Am 12. Februar des vergangenen Jahres berichtete der damalige Staatsminister Erwin Huber im Haushaltsausschuss zur Situation bei der Bayerischen Landesbank und erklärte in dieser Sitzung, dass die in den Raum gestellten Zahlen für einen Wertberichtigungsbedarf nicht bestätigt werden könnten; festgestellte, belastbare Zahlen lägen noch nicht vor. Die Sitzung begann um 15.00 Uhr. Um etwa 15.50 Uhr, kurz vor Sitzungsende, lieferte die Landesbank per Fax aktuelle, belastbare Zahlen, die den im Ausschuss sitzenden Finanzminister aber nicht mehr erreichten. Die Opposition warf dem Finanzminister daraufhin vor, er habe die Zahlen sehr wohl gekannt und das Parlament belogen. Zur Begründung dieses Vorwurfs reichte der Opposition das von der Stenografin erstellte analytische Protokoll nicht aus, und sie verlangte ein Wortprotokoll. Der Haushaltsausschuss lehnte die nachträgliche Erstellung eines Wortprotokolls – das analytische Protokoll war bereits fertig – ab. Daraufhin verlangten Abgeordnete der Opposition, die Stenografin solle ihnen ihre Tonaufnahme zum Abhören zur Verfügung stellen. Die Kollegin hat das mit der Begründung abgelehnt, die Tonaufnahme sei ihr persönliches Hilfsmittel und kein Dokument des Landtags, und wurde in dieser Haltung zunächst vom Amt unterstützt. Anschließend wurde ein juristisches Gutachten vom Landtagsamt dazu erstellt. Dann wurde im Präsidium beschlossen, dass die Tonaufnahmen des Stenografischen Dienstes doch Dokumente seien und dass diese eine Aufnahme von der Opposition abgehört werden dürfe. Außerdem wurde beschlossen, dass generell von jeder Sitzung nicht nur ein Stenogramm, sondern auch eine Tonaufnahme gefertigt werden müsse; es wurden Fristen festgelegt, wie lange die Aufnahmen aufzubewahren seien. Dieses Beispiel ist jetzt nicht direkt einschlägig für dieses Thema, weil die Ausschussprotokolle im Bayerischen Landtag analytisch sind und völlig klar ist, dass die Rednertexte in diesem Fall bearbeitet werden. Es zeigt aber, welcher Wert auf den reinen Wortlaut gelegt wird und dass ein latentes Misstrauen gegenüber den Produkten der Stenografischen Dienste besteht.

Noch ein weiteres Beispiel aus dem Bayerischen Landtag: In der vergangenen Legislaturperiode gab ein Vizepräsident dem Stenografischen Dienst öfter Anlass, über Ausmaß und auch Sinn redaktioneller Eingriffe nachzudenken. Schon nach kurzer Zeit hat sich dieser Vizepräsident jeden redaktionellen Eingriff durch den Stenografischen Dienst verbeten, und der Stenografische Dienst wurde angewiesen, die sitzungsleitenden Bemerkungen des Vizepräsidenten strikt wörtlich wiederzugeben. Der Vizepräsident gab klar zu erkennen, dass er nachdrücklich jeden Eingriff des Stenografischen Dienstes in Redneräußerungen ablehnt, und begründete das unter anderem mit dem möglichen Vergleich der von den Stenografen redigierten Texte mit den Webcam‑Ausstrahlungen. Nach seiner Meinung dürfen Stenografen allenfalls ganz grobe Fehler in den Redetexten korrigieren (wenn zum Beispiel ein Münchner Redner sagen würde: Südlich von uns liegt Ingolstadt), das allerdings nur als Anmerkung im Text. Der Vizepräsident befürwortet aber verstärkte Korrekturen der von den Stenografen rein wörtlich erstellten Plenarbeiträge durch die Redner selbst, während jetzt noch in • 183 der Geschäftsordnung des Bayerischen Landtags festgelegt ist, dass sich die Berichtigung der Redner auf sprachliche Fehler und Unebenheiten beschränken muss und den Sinn der Ausführungen nicht ändern darf.

Das ist also der Hintergrund, der erhellt, warum dieses Thema sehr aktuell ist: Ist Sitzungsredaktion ein Eingriff in die Rednerrechte oder nicht? Meine These lautet: Unsere Redaktionstätigkeit ist kein Eingriff in die Souveränität des Redners, sondern lediglich eine behutsame Überführung gesprochener Sprache in geschriebene Sprache, wobei der persönliche Stil des Redners und auch regionale Eigenheiten soweit wie möglich erhalten bleiben sollen. Das möchte ich mit den folgenden Ausführungen belegen, und dazu ist es notwendig, auf den Unterschied von gesprochener und geschriebener Sprache einzugehen.

In einer Sprache kann man sich mündlich oder schriftlich verständigen. Sprache ist einerseits gesprochene Sprache, und diese ist die ursprüngliche und grundlegende Form menschlicher Sprache. Als Lautsprache ist sie ein akustisches Phänomen und nur so lange vorhanden, wie die Schallwelle Dauer hat. Andererseits ist die Sprache geschriebene Sprache und damit ein visuelles Phänomen. Mithilfe der Schrift ist es möglich, der Sprache Dauer zu verleihen und sie räumlich zu verbreiten. Zwischen beiden Materialisierungen von Sprache bestehen bedeutsame Unterschiede. Im Folgenden wird hauptsächlich auf die gesprochene Sprache eingegangen.

Der normale Gebrauch der gesprochenen Sprache besteht in situationsbezogenem, üblicherweise spontanem, frei formuliertem Sprechen in nicht gestellten, unbeobachteten Kommunikationssituationen und wird in Gesprächen zwischen zwei oder mehreren Beteiligten produziert, was naturgemäß den Vortrag schriftlich vorformulierter Texte ausschließt. Dass sich Sprecher und Hörer in der gleichen Sprechsituation befinden, hat Folgen für den Sprachgebrauch. So können sie sich unmittelbar vergewissern, ob die Verständigung klappt; sie können sich ohne viele Worte auf die Gegenstände beziehen, über die sie sprechen; sie können sprachliche Äußerungen durch Gesten ergänzen und ersetzen, und sie können viel durch Betonung und Stimmführung ausdrücken. Miteinander sprechen heißt auch Beziehungen herstellen, bestätigen, entwickeln oder sogar abbrechen. Man spricht mit jemandem, um ihm etwas zu sagen, um ihn zu etwas zu bewegen, um sich selbst darzustellen, oder einfach, um mit ihm zu reden. Das alles zeigt, dass gesprochene Sprache nicht in Isolierung, sondern nur als Bestandteil von Sprechsituationen verstanden werden kann.

Zu den besonderen Produktionsbedingungen der gesprochenen Sprache gehören also die Situationsgebundenheit, die Interaktivität und eine geringere Vorausplanungskapazität durch den Sprecher; damit geht einher, dass die gesprochene Sprache weniger normiert ist als die geschriebene Sprache, wenn auch in der Mehrzahl der Fälle eine gewisse Einhaltung von Regeln der Grammatik und der Syntax verzeichnet wird. So werden bestimmte standardisierte Wortfolgen wie Subjekt, Prädikat und Objekt auch in der gesprochenen Sprache eingehalten.

Eines der typischen Merkmale des gesprochenen Deutsch ist die Ellipse. Bei Ellipsen handelt es sich im Sinn der traditionellen Grammatik um unvollständige Sätze. In den einschlägigen germanistischen Werken zum Thema „gesprochene und geschriebene Sprache" werden Ellipsen mit Sprachökonomie begründet, also mit dem Erfordernis der Vermeidung von Redundanzen. Ein Sprecher kann ganze Teile eines Satzes weglassen, weil Sprecher und Hörer sich häufig in der gleichen Situation befinden, sozusagen ein gemeinsames Wissen von der Welt haben. Ein klassisches Beispiel dafür wäre eine Konversation, die aus Ellipse und Antwort‑Ellipse besteht:

Dieses Jahr fahre ich mal wieder in den Urlaub. – Wohin? – In die Provence. – Alleine? – Mit meiner Frau. – Wann? – Im Juni.

Dieses Beispiel trifft auf Reden im Parlament eher weniger zu, wo die Sprecher durchaus mit dem Anspruch auftreten, vollständige Sätze abzuliefern. Dennoch treffen die Stenografen bei ihrer Bearbeitung häufig auf unvollständige Sätze. Ellipsen dienen bei Parlamentsreden nicht zur Vermeidung überflüssiger Informationen; vielmehr hat der Redner am Ende des Satzes häufig schlicht und einfach nicht mehr den Überblick über seine Satzkonstruktion. Es fällt weg, was am Ende kommt, und das ist nun einmal häufig das Prädikat.

Großen Einfluss auf die syntaktische Struktur gesprochener Reden hat die geringe Vorausplanungskapazität eines Redners. Hirnforscher geben den zeitlichen Rahmen dafür mit etwa drei Sekunden an. Zu Beginn einer mündlichen Äußerung ist die endgültige syntaktische Struktur dem Redner im Allgemeinen noch nicht bekannt. Einfacher ausgedrückt: Er weiß zwar so ungefähr, worauf er hinauswill, weiß aber noch nicht, wie er seinen Gedanken formulieren wird. Deswegen wird bereits eingeleitetes Sprechen abgebrochen. Gedanken werden neu strukturiert, sodass der Redner mit einem neuen Satz beginnt, oder bestehende Konstruktionen werden in andere Konstruktionen überführt; das ist der berühmte Anakoluth.

Heinrich von Kleist hat sich mit diesem Phänomen in seinem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" befasst (Internetausgabe; 2002; Kleist-Archiv Sembdner; Heilbronn; S. 2):

Der Franzose sagt, l'appétit vient en mangeant, und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert und sagt, l'idée vient en parlant ...

Aber weil ich doch eine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee, auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen ... Ich glaube, daß mancher großer Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück, hin zu setzen.

Als illustrierendes Beispiel schildert Kleist dazu, wie Mirabeau mit dem Zeremonienmeister umging, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23. Juni die Stände aus ihrem Sitzungssaal komplimentieren wollte.

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen der gesprochenen Sprache sind Füllwörter wie „äh", „öh", „also", „ja" und „nicht wahr", mit der die Redner zum einen Zeit für eine weitere Formulierung gewinnen und mit denen sie sich zum anderen der Beziehung zu ihren Hörern vergewissern. Die Sprachwissenschaft betrachtet diese Füllwörter auch als Gliederungssignale, die in der mündlichen Kommunikation dafür sorgen, dass Äußerungen in kleinere Einheiten aufgeteilt werden.

Ein weiteres wichtiges Merkmal sind Einleitungsfloskeln wie „ich meine", „ich denke", „ich bin der Meinung", „ich wollte hierzu nur noch anmerken" usw. Die moderne Sprachwissenschaft spricht dabei von einer Operator‑Skopus-Struktur. Meistens handelt es sich dabei nicht um eine inhaltlich bezogene Verwendung dieser Floskeln, sondern um redundante Äußerungen. Der redundante Teil der Äußerung wird dabei an den Anfang gestellt, womit der Redner Zeit hat, darüber nachzudenken, wie er seine Meinung denn äußern will. Kurt Tucholsky merkt dazu in seinen „Ratschlägen für einen schlechten Redner" an (Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke; Bd. III; Hamburg; 1960; S. 600):

Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch." Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, dass mir die Steuern bei weitem ...

Auf die Frage, ob eine Parlamentsdebatte als gesprochene Sprache gewertet werden darf, ist an dieser Stelle nicht mehr einzugehen, weil Karl Stettner bereits 1977 in seinem Beitrag „Zwischenrufe im Parlament" (Neue Stenographische Praxis Nr. 3/1977; S. 42) diese Frage behandelt und damals ausgeführt hat:

... eine Parlamentsdebatte ist – sollte es jedenfalls nicht sein – keine Aneinanderreihung von Monologen verschiedener Redner, sondern eine dialektische Auseinandersetzung, und zwar eben nicht nur durch die Abfolge von Rede und Gegenrede, sondern auch und vor allem durch Interventionen während der Rede, durch unmittelbare Reaktion auf sie.

Dazu ein schönes Beispiel aus der 49. Plenarsitzung der 15. Legislaturperiode des Bayerischen Landtags:

Georg Stahl (CSU): Die Wochenzeitung „Die Zeit" –Altbundeskanzler Schmidt ist Mitherausgeber – veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 14. Juli 2005 treffend und lobend: „Wer hierzulande in Deutschland Vorbilder für die Bildungspolitik und Schulentwicklung sucht, kann Kosten sparen und die nächste Pilgerreise nach Bayern buchen."

(Johanna Werner-Muggendorfer (SPD): Nein!)

– Das hat er gesagt.

(Zuruf von der SPD: Wer?)

– Der Kommentator. Das bayerische Bildungssystem wird hier in den höchsten Tönen gelobt.

(Hans-Ulrich Pfaffmann (SPD): Wer hat das gesagt?)

– „Die Zeit" hat das geschrieben. Lesen Sie „Die Zeit" nach.

(Karin Radermacher (SPD): Wer? Wir wollen den Namen wissen!)

– Ich kann Ihnen den Namen anschließend sagen. Zum Stichtag 1. Oktober – –

(Karin Radermacher (SPD): Sie haben so getan, als ob das der Herr Schmidt wäre!)

– Nein, Herr Schmidt ist Mitherausgeber, der Altbundeskanzler.

(Karin Radermacher (SPD): Ich glaube nicht, dass er der Kommentator ist! – Allgemeine Heiterkeit)

– Ja, aber es steht in der „Zeit". Zum Stichtag 1. Oktober 2002 – –

(Joachim Wahnschaffe (SPD): In welcher Zeit? –Anhaltende allgemeine Heiterkeit)

– In der Tageszeitung.

(Joachim Wahnschaffe (SPD): Das ist eine Wochenzeitung! – Anhaltende allgemeine Heiterkeit –Unruhe – Glocke des Präsidenten)

Präsident Alois Glück: Herr Kollege Stahl ist doch leicht abzulenken. Sie haben das Wort, Herr Kollege Stahl, bitte.

Nur noch kurz und wesentlich weniger ausführlich einige Anmerkungen zur geschriebenen Sprache. Auch mit ihr wird kommuniziert, mit ihr tritt der Schreiber mit seinen Lesern oder Adressaten in Beziehung. Diese Beziehung ist aber indirekt. Häufig weiß man gar nicht, wer einen Text geschrieben hat oder wer ihn liest. Der Leser ist typischerweise gerade in der Schreibsituation nicht anwesend. Für das Geschriebene ist die Schreibsituation meist völlig unerheblich. Der geschriebene Text selbst muss so beschaffen sein, dass er in jeder anderen Situation ebenfalls verständlich bleibt. Schon deshalb bedient man sich beim Schreiben gewöhnlich einer Standardsprache und nicht eines Dialekts. Der geschriebene Text ist so ausführlich, dass Nachfragen des Lesers aus ihm selbst beantwortet werden müssen. Der Schreiber hat in der Regel Zeit, den Text zu planen und seine Formulierungen auszuarbeiten. Der Leser kann mit beliebiger Geschwindigkeit lesen, er kann Teile des Textes überspringen, oder er kann sie wiederholt lesen. Das geschriebene Wort ist nicht flüchtig. Die Grundfunktion des Schreibens ist also nicht die Verständigung in einer Situation, sondern die Übermittlung von Informationen über Raum und Zeit hinweg.

Diese kurze Charakterisierung macht auch klar, dass die Adressaten des Redners in einer Parlamentssitzung andere sind als die Adressaten der Parlamentsprotokolle. Zwar spricht der Redner wegen der Übertragung durch die Medien sozusagen zur gesamten bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, was die Sprecher bei der Planung ihrer Rede durchaus berücksichtigen; wenn sie aber wirklich frei sprechen, dann sprechen sie ganz automatisch in dem Bewusstsein, zu und evtl. auch mit einer Gruppe von Menschen zu sprechen, die den gleichen Kenntnisstand zum Thema haben und die sich in der gleichen zeitlich aktuellen Situation befinden. Die Plenarprotokolle dienen aber auch zur Übermittlung von Informationen an Leser, die diesen Text erst nach Jahren rezipieren – zum Beispiel für historische Zwecke – und von den damaligen aktuellen Umständen, ob nun von den vorausgegangenen Ausschussberatungen oder von Bezügen, etwa zu damaligen Medienberichten, womöglich überhaupt nichts wissen. Der mündliche Vortrag des Debattenredners und die schriftliche Wiedergabe im Protokoll richten sich an völlig verschiedene Rezipientenkreise. Das ist bei der Bearbeitung der Protokolle sehr wohl zu berücksichtigen.

Wie vollzieht der Stenografische Dienst die Übersetzung von gesprochener in geschriebene Sprache bei der Sitzungsredaktion?

1) Bearbeitung von Syntax

a) Beseitigung von Ausklammerung

Mit dem Begriff „Ausklammerung" ist alles gemeint, was sich außerhalb der Satzklammer befindet. Wenn dem zweiten Klammerteil, der von einem Partizip, Infinitiv oder einem Verbpartikel besetzt sein kann, noch ein Satzglied folgt, liegt eine Ausklammerung vor; häufig handelt es sich dabei um präpositionale Ergänzungen. Beispiele:

Und dieses Ihr sehr zweifelhaftes Demokratieverständnis haben Sie auch mehrfach unter Beweis gestellt bei der Behandlung dieses Gesetzentwurfs hier im Bayerischen Landtag. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 16.07.2008)

Ø  Ihr sehr zweifelhaftes Demokratieverständnis haben Sie mehrfach bei der Behandlung dieses Gesetzentwurfs im Bayerischen Landtag unter Beweis gestellt.

Die Bürger haben damit von ihrem Recht Gebrauch gemacht auf Petitionen. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 16.07.2008)

Ø  Die Bürger haben damit von ihrem Recht auf Petition Gebrauch gemacht.

Gründe: Dem Redner fällt am Ende des Satzes noch etwas ein, was dann in der Form der Ausklammerung nach der eigentlichen Aussage hinzugefügt wird. Außerdem schiebt die Ausklammerung Satzteile, die zu lang sind, um in das Mittelfeld aufgenommen zu werden, an das Ende der Äußerung, in das Nachfeld. Das führt dazu, dass der Hörer den Überblick über die gesprochene Sprache nicht verliert.

Ausnahme für die Redaktion: Die Ausklammerung dient dazu, einen Satzteil hervorzuheben. Beispiel:

Die Staatsregierung hat die Kosten der Beamten für den Staat stark gedrückt – mit äußerst unfairen Mitteln.

b) Operator‑Skopus-Strukturen

Operator‑Skopus-Strukturen sind spezifische zweigliedrige sprachliche Einheiten, deren einer Bestandteil, der Operator, aus einem Wort oder einer kurzen Formel besteht, und deren anderer Bestandteil, der Skopus, eine vollständige Äußerung darstellt. Der Operator gibt, funktional betrachtet, dem Hörer eine Verstehensanleitung oder -anweisung, wie die Äußerung im Skopus aufzunehmen ist. Der Operator soll also andeuten, was in dem Skopus zu erwarten ist. Beispiele:

Ich meine, du musst dich nicht so aufregen. (Verbzweitkonstruktion)

Ich meine, dass du dich nicht so aufregen musst. (Verbletztkonstruktion)

Der Operator („ich meine", „ich bin der Meinung", „ich denke") wird bei der Revision dann gestrichen, wenn er eine kurze, formelhafte Redensart ohne inhaltliche Aussage ist, eine rein redundante Äußerung, die in erster Linie dazu dient, dem Redner Zeit zur Formulierung seines Satzes zu geben. Ausnahme: große Relevanz des Operators für den Skopus, damit ein semantischer Beitrag. Beispiel:

Sicher, der Ton macht immer die Musik.

Mit „sicher" wird die Verstehensanleitung gegeben, dass die folgende Äußerung als Einräumung aufzufassen ist.

Kurz und gut, es handelt sich um eine Investitionskostenpauschale.

Mit „Kurz und gut" kündigt der Sprecher an, dass eine zusammenfassende Aussage zu erwarten ist.

Beispiel aus einer Plenarsitzung des Bayerischen Landtags:

Ich glaube, dass wir mit diesem langfristig angelegten Erinnern einen wichtigen Beitrag zur politischen Kultur und zur Absicherung des demokratischen Grundkonsenses in unserem Land einschlagen. (Ein CSU‑Redner im Plenum zum Thema „Stiftung Bayerische Gedenkstätten")

Ø  Wir leisten mit diesem langfristig angelegten Erinnern einen wichtigen Beitrag zur politischen Kultur und zur Absicherung des demokratischen Grundkonsenses in unserem Land.

Operatoren, die aus Verben des Sagens oder aus Verben des Wissens bestehen – etwa „ich muss sagen", „ich glaube", „ich meine", „Sie können sehen" – werden in Sitzungsredaktionen nach einer Untersuchung von Maaike Clarysse (Geschriebenes und gesprochenes Deutsch ‑ eine empirische Studie von gesprochenen Bundestagsreden und geschriebenen Plenarprotokollen; Leuven; 2008) auffallend oft gestrichen. Es handelt sich dabei um Formeln mit stark reduzierter semantischer Bedeutung, die typisch für gesprochene Sprache sind. Sie sorgen nämlich für ein retardierendes Moment in der Kommunikation, das sowohl dem Sprecher als auch dem Hörer zupasskommt: Der Sprecher leistet sich auf diese Weise ein wenig Überlegungszeit, in der er den Fortgang seiner Rede planen kann, während der Hörer seinerseits die Möglichkeit erhält, die anstrengende Verarbeitung von oft komplexen Äußerungen für kurze Zeit zu unterbrechen.

c) Reduktion

Lange, unübersichtliche Gefüge werden aufgebrochen in überschaubare syntaktische Strukturen. Beispiel:

Und es war auch wichtig – ich sage das an dieser Stelle ausdrücklich –, beide Gedenkorte, Dachau, das natürlich aufgrund seiner, ich sage jetzt mal, in diesem Punkt negativen Symbolkraft, international bekannt ist, und Flossenbürg – ich darf das auch hier ansprechen – dieser Ort, der sich seit Jahrzehnten intensiv in seiner historischen, mit der historischen Vergangenheit dieser Seite seiner Geschichte auseinandersetzt, hier gleichberechtigt nebeneinander vertreten sehen zu wollen, was übrigens auch ein intensives Anliegen der Häftlingsverbände war. (Ein CSU-Redner im Plenum zum Thema „Stiftung Bayerische Gedenkstätten")

Ø  Es war auch wichtig – das sage ich an dieser Stelle ausdrücklich ‑, eine gleichberechtigte Vertretung beider Gedenkorte vorzusehen: von Dachau, das aufgrund seiner – in diesem Punkt negativen – Symbolkraft international bekannt ist, und von Flossenbürg, das sich seit Jahrzehnten intensiv mit dieser Seite seiner Geschichte auseinandersetzt, was übrigens auch ein wichtiges Anliegen der Häftlingsverbände war.

d) Integration

Syntaktische Fügungen werden aufgelöst und in andere Strukturen integriert. Beispiele aus der Arbeit von Maaike Clarysse:

Sagen Sie heute doch, wir werden es heute korrigieren, und die Regelung wird fortgesetzt nach dem 31. Dezember.

Ø  Sagen Sie heute doch, dass Sie das korrigieren werden und die Regelung nach dem 31. Dezember fortgesetzt wird.

Man behauptet, wir erreichen die 50‑Prozent-Quote für die Aufnahme in das Arbeitnehmer‑Entsendegesetz nicht.

Ø  Man behauptet, dass wir die 50‑Prozent-Quote für die Aufnahme in das Arbeitnehmer‑Entsendegesetz nicht erreichen.

Verbzweitkonstruktionen in der gesprochenen Sprache werden in der schriftlichen Fassung zu einer Verbletztkonstruktion.

2) Bearbeitung von Semantik und Stil

a) Beseitigung grammatischer, stilistischer und inhaltlicher Fehler

Die kommunalen Spitzenverbände haben bei der Diskussion in der Gemeindefinanzreform‑Kommission, die Herr Eichel einberufen hat, wo ich Mitglied bin, sagen die: Wir würden zufrieden sein, wenn wir wieder ... (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 09.10.2002)

Ø  Die kommunalen Spitzenverbände haben bei der Diskussion in der Gemeindefinanzreform‑Kommission, die Herr Eichel einberufen hat und in der ich Mitglied bin, erklärt, sie wären zufrieden, wenn sie wieder ...

Wir werden die kommunalen Finanzen dauerhaft sanieren und auf eine beharrliche Grundlage stellen. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 09.10.2002)

Ø  Wir werden die kommunalen Finanzen dauerhaft sanieren und auf eine tragfähige Grundlage stellen.

Ich glaube, das war eine gute und informatorische Sitzung. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 13.10.08)

Ø  Ich glaube, das war eine gute und informative Sitzung.

Wenn wir die Waschanlagen sonntags nicht öffnen lassen, werden sich noch mehr Autos als bisher am Wochenende links vom Inn befinden. (Beispiel aus der Erinnerung)

Ø  Wenn wir die Waschanlagen sonntags nicht öffnen lassen, werden sich noch mehr Autos als bisher am Wochenende rechts vom Inn befinden.

Der Wahlgang ist eröffnet. (Bei namentlichen Abstimmungen)

Ø  Die namentliche Abstimmung ist eröffnet.

Ausnahmen: Ein Eingriff in Grammatik oder Stil würde dem Stil der Rede und der Wesensart des Redners zuwiderlaufen. Falsch wäre also: „... werden sich noch mehr Autos als bisher am Wochenende östlich vom Inn befinden." Als nicht richtig würde im bayerischen Sprachraum die – grammatisch korrekte – Streichung des Artikels vor einem Eigennamen empfunden. Es müsste also heißen: „Wie der Herr Innenminister mir aber versichert hat ..."

b) Ergänzungen und Umformulierungen zur Klarstellung

Beispiele:

Aber ich bin auch durchaus in der Lage, in einiger Politik einmal da zu reden. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 09.10.2002)

Ø  Ich bin aber durchaus in der Lage, dieses Thema politisch zu behandeln.

Noch immer gibt es Gemeinschaftsunterkünfte in Containern. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 16.07.2008)

Ø  Noch immer gibt es Gemeinschaftsunterkünfte, die aus Containern bestehen.

Anhörungen und Forderungen von Wohlfahrtsverbänden, schutzbedürftige Menschen auszunehmen und ihnen eine Unterbringung in dezentralen Wohnungen zu ermöglichen, wurden nicht gehört und fanden keinen Eingang in das Gesetz. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 16.07.2008)

Ø  Die Forderungen von Wohlfahrtsverbänden, die bei Anhörungen geäußert wurden, schutzbedürftige Menschen von dieser Regelung auszunehmen und ihnen eine dezentrale Unterbringung in Wohnungen zu ermöglichen, fanden keinen Eingang in das Gesetz.

c) Säuberung von Füllwörtern und Modalpartikeln

Ausnahmen: Die Redaktion würde damit eine Aussage eines Redners verstärken oder abschwächen. Ein Beispiel, bei dem die Streichung des Füllwortes „eigentlich" nicht zu empfehlen wäre:

Neben der ständig steigenden Ökosteuer sind es vor allem das Zuwanderungsgesetz, mit dem Sie den Kommunen die Kosten für die Integrationskurse aufladen, und die Erlöse aus der Veräußerung der UMTS‑Lizenzen, die der Bund alleine kassiert und damit den Ländern 14 Milliarden wegnimmt. All das übersehen Sie und wollen damit eigentlich nichts zu tun haben. (CSU-Redner, Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 09.10.2002)

d) Bereinigung falscher Bilder

Sie haben einen Antrag von uns ... vom Tisch gebügelt. (Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 16.07.2008)

Ø  Sie haben einen Antrag von uns vom Tisch gefegt. Oder: Sie haben einen Antrag von uns niedergebügelt.

Die doppelte Ministererlaubnis hat sich schon als zahnloses Schwert erwiesen; was Sie jetzt wieder in das LEP hineinformulieren, wird sich gleichfalls als zahnloses Schwert erweisen. (Redner der Grünen, Plenarsitzung des Bayerischen Landtags, 07.03.2006)

Ausnahme (wie auch bei allen anderen Berichtigungen): Das falsche Bild wird von späteren Rednern aufgegriffen. Im Falle des „zahnlosen Schwertes" (ersatzweise: „des stumpfen Tigers") wäre zu überlegen, ob dieses wirklich schöne, sprachlich falsche Bild besser doch im Original belassen werden sollte.

Fazit:

Die dargestellten Eingriffe in die Syntax (Ausklammerung, Beseitigung redundanter Einleitungsfloskeln) sind eine Anpassung an grammatische Normen und dienen der Lesbarkeit der geschriebenen Protokolle.

Integration und Reduktion sorgen für überschaubare syntaktische Strukturen und dienen der Verständlichkeit des geschriebenen Textes.

Die Beseitigung grammatischer und stilistischer Fehler ist eine Anpassung der gesprochenen Rede an die schriftsprachlichen Normen und erleichtert die Kommunikation zwischen Leser und schriftlichem Text.

Die Beseitigung inhaltlicher Fehler, vor allem von Versprechern, ist eine Berücksichtigung der psychischen Bedingungen gesprochener Rede.

Ergänzungen und Umformulierungen, die Beseitigung von Füllwörtern und die Richtigstellung falscher Bilder sind Anpassungen an schriftsprachliche Normen.

Ausnahme in allen Fällen: Die Redaktion handelt gegen die Absichten des Redners oder lässt Anknüpfungen späterer Redebeiträge an den wörtlichen Text außer Acht.

Kurt Tucholsky zur wörtlichen Rede (Gesammelte Werke; Bd. III; Hamburg; 1960; S. 143 f.):

Man sollte mal heimlich mitstenografieren, was die Leute so reden ... man sollte wortwörtlich mitstenografieren – einhundertundachtzig Silben in der Minute – was Menschen so schwabbeln. Ich denke, dass sich dabei Folgendes ergäbe: Die Alltagsrede ist ein Urwald – überwuchert vom Schlinggewächs der Füllsel und Füllwörter. Von dem ausklingenden „Nicht wahr?" ... wollen wir gar nicht reden. Auch nicht davon, daß „Bitte die Streichhölzer!" eine bare Unmöglichkeit ist, ein Chimborasso an Unhöflichkeit. Es heißt natürlich: Ach bitte, seien Sie doch mal so gut, mir eben mal die Streichhölzer, wenn Sie so freundlich sein wollen? Danke sehr. Bitte sehr. Danke sehr! – so heißt das ...

Zweites Gesetz: Die Alltagssprache hat ihre eigene Grammatik. Der Berliner zum Beispiel kennt ein erzählendes Futurum ...

Ungeschriebene Sprache des Alltags! Schriebe sie doch einmal einer! Genau so, wie gesprochen wird: ohne Verkürzung, ohne Beschönigung, ohne Schminke und Puder, nicht zurechtgemacht! Man sollte mitstenografieren. Und das so Erraffte dann am besten in ein Grammophon sprechen, es aufziehen und denen, die gesprochen haben, vorlaufen lassen. Sie wendeten sich mit Grausen ..."

Vielleicht ist Tucholskys Darstellung ein Vorurteil. Die Alltagssprache „überwuchert"? Geradlinigkeit der Formulierung, inhaltliche Kohärenz, Eindeutigkeit des sprachlichen Ausdrucks, Kürze und Logik – das sind Beurteilungsmaßstäbe, die in der Zeit der Aufklärung für schriftliche Texte formuliert wurden und die auch wir, die Stenografen und Sitzungsredakteure, immer noch anwenden, und das werden wir wohl auch tun, solange diese Maßstäbe generell gelten.

Zitierte und weiterführende Literatur

Clarysse, Maaike: Geschriebenes und gesprochenes Deutsch. Eine empirische Studie von gesprochenen Bundestagsreden und geschriebenen Plenarprotokollen. Leuven. 2008.

Duden: Die Grammatik. Mannheim. 2005.

Fiehler, Reinhard / Barden, Birgit / Elstermann, Mechthild / Kraft, Barbara: Eigenschaften gesprochener Sprache. Tübingen. 2004.

Kleist, Heinrich von: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Internetausgabe. 2002. Kleist-Archiv Sembdner. Heilbronn.

Plenarprotokolle des Bayerischen Landtags. 14.,15. und 16. Legislaturperiode.

Schwitalla, Johannes: Gesprochenes Deutsch. Eine Einführung. Berlin. 2003.

Stettner, Karl: Zwischenrufe im Parlament. In: Neue Stenographische Praxis Nr. 3/1977. S. 41 - 47.

Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. Bd. III. Hamburg. 1960.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen. Zur Erinnerung an ihn, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 150. Mal jährt, mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.