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aus: NStPr 55/4 (2007)

Machen wir uns nichts vor: Viele Verantwortliche träumen von einem Leben ohne Stenografischen Dienst. Man brauchte lediglich eine Technik, die das parlamentarische Geschwalle aufzeichnet und unmittelbar in Schriftform konvertiert, vielleicht noch zwei bis drei Schreibkräfte für Korrekturen und das Layout, und das Thema wäre gegessen.

Dieser Traum gehört natürlich in den Science‑Fiction-Bereich. Selbst wenn es gelänge, Ausschuss- oder Plenardebatten in ein diszipliniertes Geschehen zu verwandeln und mit Hilfe eines hochwertigen Spracherkennungsprogrammes sozusagen live zu verschriften, hätte man immer noch das Problem, dass eine wachsende Zahl von Abgeordneten der deutschen Sprache nicht mehr mächtig ist – möglicherweise die Spätfolge zahlreicher fehlgeschlagener Bildungsreformen – und dass aufgrund dessen eine umfassende redaktionelle Bearbeitung der Texte erforderlich wäre.

Unabhängig davon sind Computerspezialisten schon seit vielen Jah­ren eifrig bemüht, eine leistungsfähige Spracherkennungssoftware zu entwickeln – mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen. Meine erste Begegnung mit Dragon Naturally Speaking liegt bereits geraume Zeit zurück, aber ich weiß noch, dass ich verblüfft war über das, was der Drache nach nur 20 Minuten „Einarbeitungszeit" alles ausspuckte. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Der Drache ist nämlich ein äußerst sensibles und in Teilen unberechenbares Tier, das einen pfleglichen Umgang verlangt, wenn es eine beständige Leistung bringen soll.

1. Der Drache weiß vieles nicht, versteht vieles nicht richtig und kann nicht denken

Damit ist das Hauptproblem umrissen, mit dem jede Spracherkennungssoftware zu kämpfen hat: die Erkennungsleistung als Voraussetzung für eine korrekte Wiedergabe. So gut der Drache bei der Verarbeitung hoch standardisierter Texte ist, beispielsweise bei immer wiederkehrenden Fachbegriffen – vorausgesetzt, die Software setzt dort einen Schwerpunkt –, so schlecht ist er im Umgang mit ständig wechselnden allgemeinsprachlichen Formulierungen. Sobald er mit unbekannten Begriffen, exotischen Eigennamen oder auch seltsamen Abkürzungen konfrontiert wird, ist er mit seinem Latein am Ende – solche Sachen hat er schlichtweg „nicht drauf".

Als mein Drache in seiner Anlernphase aus der Saarstahl AG eine Saustall AG machte – was ein Kollege übrigens als „künstliche Intelligenz" bezeichnete – oder aus dem Trierischen Volksfreund eine irische Volksfront, konnte ich darüber noch lachen (weitere Dragon‑Blüten im Anhang), zumal solche Entgleisungen nicht alltäglich sind und sofort auffallen. Das Lachen verging mir jedoch, als ich feststellen musste, dass das System eine Vielzahl von kleinen und kleinsten Fehlern produziert, die mitnichten sofort auffallen und infolgedessen bei Korrekturen leicht übersehen werden. Phonetisch fast gleichlautende kurze Wörter wie hier/ihr/wir, den/dem/denen, ihn/ihm/in, vier/für, ja/Jahr, während/wären und viele andere mehr können bei flüssiger Diktierweise – die das Programm verlangt! – gar nicht so präzise ausgesprochen werden, als dass Verwechslungen ausgeschlossen wären. Das ist besonders fatal bei Begriffen, deren Sinn sich durch wenige Buchstaben grundlegend verändern kann: richtig/wichtig/nichtig, verbessern/verwässern.

Der Drache überhört auch gerne Pluralendungen – oder fügt welche hinzu. Da er wie jedes andere Computer‑Programm nicht denken kann, fällt ihm das nicht auf. Auch dass ein Auszubildender keine Leere macht, sondern eine Lehre, wird er nie begreifen. Besonders lästig ist in diesem Zusammenhang, dass kein Textverarbeitungs­programm solche Fehler anzeigt. Tippfehler werden auf dem Bild­schirm angezeigt, weil falsch geschriebene Wörter dem Programm unbekannt sind. Aber Dragon benutzt richtig geschriebene Wörter, die nur falsch gebraucht werden. Warum sollte der Computer sie anzei­gen?

Die Hersteller verweisen gerne auf die Möglichkeit, Begriffe, die Dragon anhaltend falsch reproduziert, weil er sie phonetisch einfach nicht erkennt oder annehmen will, anders zu belegen. Auf gut Deutsch: Wenn der Drache sich hartnäckig weigert, die Abkürzung EVS zu schreiben und stattdessen immer wieder Ehefrau es anbietet, kann man dem EVS zu Diktatzwecken einen anderen, besser verständlichen Namen geben – zum Beispiel „Eiertanz". Man muss dem Programm nur vorher beibringen, dass der Eiertanz eigentlich der EVS ist, damit hinterher das Richtige im Text steht.

Ich habe diese Überlistungstaktik einmal anhand einiger Begriffe ausprobiert, die mein Drache partout nicht mag. Zum Beispiel ist er nicht bereit, das Wörtchen „Punkt" auszuspucken, weil es bereits durch einen Satzzeichen‑Befehl belegt ist. Anders ausgedrückt, er macht nur Punkte und schreibt sie nicht: Wir kommen zu. 10 der Tagesordnung ... Den nächsten. Halte ich für besonders wichtig ... Ich fand dies überaus lästig, weil „Punkt" im Politiker‑Jargon eine nicht gerade ungewöhnliche Vokabel ist. Aber nie werde ich den Gesichtsausdruck eines Kollegen vergessen, der mein Büro betrat, als ich gerade inbrünstig diktierte: Wir kommen zu Pups 5 der Tagesordnung ... Seither ersetze ich die unerwünschten Punkte stillschweigend über die Tastatur.

2. Der Drache lernt viel – und „vergisst" es wieder

Eine allgemein hoch gepriesene Eigenschaft von Dragon ist seine Lernfähigkeit. Man kann ihm schier endlos unbekannte Vokabeln einspeisen und er fügt sie dem bereits vorhandenen Wortschatz hinzu. Dies ist in der Tat ein großer Vorteil, der sich allerdings nur so lange bewährt, solange man regelmäßig mit dem neuen Vokabular arbeitet. Dragon operiert nämlich auf der Basis von Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten, greift also auf besonders geläufige Wörter und Formulierungen zu. Werden Begriffe längere Zeit nicht benutzt, sinken sie im Speicher so weit nach unten, dass der Drache sie nicht mehr findet, wenn er sie plötzlich wieder braucht. Wer also im Grubenausschuss nur alle Schaltjahre mit dem Begriff Kniehebelbackenbrecher konfrontiert wird, kann darauf verzichten, diesen Begriff dem Stammvokabular hinzuzufügen. Er wird im einen wie im anderen Fall beim nächsten Mal wieder eine kryptische Formulierung ernten – Knie leben baten Rächer vielleicht. Um den Kniehebelbackenbrecher tatsächlich wiederzufinden, müsste er ihn durch mehrfache Eingabe aktivieren und an die Oberfläche holen.

Komposita mag der Drache ohnehin nicht besonders. Über mehrere Sitzungen hinweg fütterte ich ihm liebevoll das Wort Behinderten­beauftragter – ohne Erfolg. Der Behindertenbeauftragte war und blieb ein behinderter Beauftragter. Schließlich gab ich es auf.

Zwar bringt die Lernfähigkeit des Systems es mit sich, dass bei häu­fig wiederkehrenden Texten der Drache fast unschlagbar ist. Er wird unglaublich schnell bei hoher Erkennungsgenauigkeit. Leider geben Ausschuss- und Plenarprotokolle nicht viel Raum für „Bausteine" – allenfalls bei Abstimmungen oder bei Rechtsbelehrungen in Unter­suchungsausschüssen.

3. Der Drache ist launisch

Diese Eigenschaft wird von den Software‑Produzenten zwar bestritten, aber im Kollegenkreis hält sich hartnäckig die Auffassung, dass Dragon aus unerfindlichen Gründen keine gleichbleibende Qualität produziert. Die Hersteller behaupten, dass dies ausschließlich mit Defiziten in der Diktierweise zusammenhängt. Ermüdung der Stimme bei langen Diktaten, schlechtere Aussprache, Heiserkeit – der Drache rächt sich bei der Wiedergabe sofort. Die Anwender wiederum haben den Eindruck, dass das Programm unabhängig vom Diktiermodus zeitweise „schlecht drauf ist". Die Fehlerquote ist dann überdurchschnittlich hoch. An manchen Tagen ist dagegen kein Kraut gewachsen. Man sollte den Drachen dann einfach in Ruhe lassen. Vielleicht kann man seine Unpässlichkeit mit Korrekturlesen überbrücken ...

4. Der Drache hat Unarten

Jede Software hat ihre Schwachstellen. Bei Dragon besteht eine große Schwachstelle darin, dass er für viele Vokabeln unterschiedliche Schreibweisen anbietet – etwa für Zahlen –, auf die er anscheinend wahllos zugreift. Dies kann seltsame Blüten treiben: 1. haben Sie kein Geld, zweitens fehlen ihnen die Ideen und III. waren sie sowieso längstens an der Regierung. Das Beispiel zeigt übrigens, dass Dragon auch bei dem Thema Groß- und Kleinschreibung schwächelt.

Vokabeln werden bei gleicher Diktierweise teilweise ausgeschrieben, teilweise abgekürzt angeboten – vor allem bei Gesetzestexten –, auch hier nach keinem erkennbaren Schema: Wir kommen zu Paragraf 2 Abs. 3 des Gesetzentwurfes. Über diesen • haben wir im Rahmen der Anhörung lange diskutiert ... Die daraus resultierenden Korrekturen kosten Zeit und Nerven. Manche Schreibweisen kann man dem Programm austreiben, indem man sie aus dem Vokabelbestand löscht. Andere wiederum lassen sich nicht löschen. Diverse Fehlgriffe lassen sich durch einen ausführlicheren Befehl beim Diktieren verhindern, aber auch das kostet Zeit.

Fazit

Dragon ist ein eigenwilliger und bisweilen nervtötender Geselle. Nicht umsonst ist er vor allem bei denjenigen Kolleginnen und Kollegen beliebt, die sich mit der traditionellen Eingabe von Texten über die Tastatur überhaupt nicht anfreunden können und gleichzeitig ein sonniges Gemüt haben. Die Zeit, die man durch Dragon und seine Schnelligkeit gewinnen kann, verliert man in der Regel beim akribischen Korrekturlesen, an dem man nicht vorbeikommt. Einige von uns haben ihren Frieden mit dem Drachen gemacht, andere nicht. Ich selbst benutze ihn nur gelegentlich, sozusagen zur Abwechslung. Wenn wir beide einen guten Tag haben, locke ich ihn aus seiner Höhle und spiele ein bisschen mit ihm. Hinterher bin ich meistens so erschöpft, dass ich eine Auszeit brauche. Aber missen möchte ich ihn trotzdem nicht.

Anhang: Dragon zum Schmunzeln

Diakonisches Werk – Diabolisches Werk

gelebte Ökumene – Geliebte Khomeini

die Frau ist ein Abbild des Mannes – die Frau ist ein Update des Mannes

schwarzer Markt – schwarze Magd

Effizienzreserven – effizientere Serben

Intern – Hintern

religiöse und sittliche Grundsätze – religiöse unsittliche Grundsätze

einen Schlenker machen – einen Schwenker machen

Stammbuch – Sparbuch

Vollzeitarbeitsplätze – Folterarbeitsplätze

heimischer Steinkohlebergbau – heimlicher Steinkohlebergbau

dreigliedriges Schulsystem – drei klebriges Schulsystem

mittlerer Bildungsabschluss – bitterer Bildungsabschluss


... und das Bonmot des Tages (nicht ganz fair gegenüber dem Drachen):

Liberté, Égalité, Fraternité – Jeden Tee, egal Idee, fragt MT

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen, wie auch ein Brief Bismarcks an ihn zeigt. Zur Erinnerung an seinen Todestag mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.