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aus: NStPr 59/2 (2011) 33–36

In Karlsruhe, der „Residenz des Rechts" – dort sitzen sowohl der Bundesgerichtshof als auch das Bundesverfassungsgericht –, fand vom 19. bis 20. November 2010 die Fachtagung des Berufsverbandes statt.

Die Veranstaltung begann am Freitagabend mit einem Highlight: dem Besuch beim Bundesverfassungsgericht. Im Anschluss an die Ausweis­kontrolle im Eingangsbereich folgte die Durchleuchtung, wobei sich auch ohne den Einsatz von Körperscannern herausstellte, dass immerhin sieben „Bewaff­nete" Einlass begehrten. Nach­dem sie ihre „gefährlichen" Uten­silien wie Nagelscheren und Taschenmesser abgegeben hat­ten, empfing Präsidialrat Dr. Erik Goetze die Gruppe und führte sie in den Plenarsaal. In diesem eher kleinen Raum, in dem die Porträts vieler ehemali­ger Präsidenten und Vizepräsidenten hängen, erläuterte er Organisa­tion und Aufgaben des Bundesverfassungs­gerichts. Weiter ging es in den Presseraum. Dicht aneinandergereihte Kabinen erinnerten dort an Telefon­zellen in Hotellobbys, wie man sie aus alten Filmen kennt. Frü­her dienten sie zur Über­mittlung der neuesten Urteile; mangels Nachfrage werden sie aber im Zuge der demnächst anstehen­den Renovierung ent­fernt. – Das war noch eine echte Rarität. Beim Anblick des Hinweisschildes auf einem Tisch „Achtung, fertig gerichtet" dachten alle Teilnehmer sofort an ein gerade gefälltes Urteil; tatsächlich wurde aber nur darauf hingewiesen, dass man die Tische und Stühle in diesem Raum ordentlich hergerichtet hatte. Wer das nicht sofort erkennt, wird eben schriftlich darüber informiert.

Danach war der Sitzungssaal an der Reihe, der Ort, den jeder aus der „Tagesschau" kennt; dort sprechen die Richter in den roten Roben Recht. Hier erfuhr man, dass die Gerichts­verhandlungen nicht mitstenografiert werden, auch aus Kosten­gründen. „Sie sind ein Luxus", meinte Dr. Goetze. Es werde „ledig­lich" ein Verlaufsprotokoll geführt. Außerdem würden die Sitzungen mitgeschnitten, sodass später eine Abschrift gefertigt werden könne, wenn das Gericht es für nötig erachte. Nachdem einige ausprobiert hatten, wie man sich auf dem Platz eines obersten Richters fühlt, öffnete sich sogar noch die Tür zum Beratungs­zimmer hinter der Richterbank – eine absolute Aus­nahme für Besuchergruppen.

Der Abend klang im Badisch Brauhaus mit regionalen Speziali­tä­ten aus. Im Rahmen eines gemütlichen Beisammen­seins be­stand die Möglichkeit, ein überraschendes Wieder­sehen mit „alten" Vereinsfreundinnen und -freunden zu feiern und neue Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen.

Der fachliche Teil der Tagung folgte am Samstag im Palais Solms, dem Gästehaus der Stadt Karlsruhe. Nach der Begrü­ßung durch den Vorsitzenden Dr. Wolfgang Behm und durch Peter Erhardt, Ratsstenograf in Karlsruhe, referierten die Kolle­gin Anja Geißler aus dem rheinland‑pfälzischen Landtag und der freiberufliche Kollege Gert Sandig über das Thema „Die Blinden­stenografie, ein Hilfsmittel zur Integration Sehbehinder­ter in die Arbeitswelt". Sie führten in die Geschichte der Blinden­stenografie ein und verteilten dann das Blindenschrift‑Alphabet zum Anfassen nach dem Sechspunktesystem von Louis Braille, sodass alle „hautnah" versuchen konnten, die Buchstaben und Zahlen zu „lesen". Mit den später entwickelten Sieben- und Achtpunktesystemen lägen die Wettschreibleistungen um ca. 120 Silben höher, da es mehr Kombinations- und Kürzungs­möglichkeiten gebe.

Eine eindrucksvolle Vorstellung seines Könnens lieferte Gert Sandig mit seiner „alten Dame", einer Stenogra­fiermaschine aus dem Jahre 1960, die ihn schon seit Jahrzehnten begleitet. Er stenografierte einen vorgetragenen Text und las diesen anschlie­ßend anhand des gestanzten Streifens vor. Die Runde, die diesen Streifen danach zur Anschauung bekam, schien da­mit jedoch überfordert.

Anja Geißler arbeitet mit einem modernen elektronischen Gerät, das mit einer zusätzlichen Blindenschriftzeile ausgestattet ist. Ihre Stenografierma­schine basiert auf dem Achtpunktesystem. Ein auf ihrem Laptop installiertes Programm zur Sprach­ausgabe ist in der Lage, den erfassten Text vorzulesen und ihn in einer Blindenschriftzeile anzuzeigen.

Barrierefreie Websites sind rar, wie die vorgeführte Internet­recherche verdeutlichte. Während ein Sehender über vieles einfach hinwegspringt, muss sich ein Blinder das allermeiste vorlesen lassen, was sehr viel Zeit und Ausdauer kostet. Allein die Vorstellung einer solchen permanenten Be­schallung bei der Arbeit nötigte vielen Anwesenden Respekt ab.

Nach einer kurzen Mittagspause, in der eine leckere Kartoffel­suppe angeboten wurde, stand ein Besuch im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, auf der Tages­ordnung. Froh über einen Spaziergang, frische Luft und Sonnen­schein, machten sich die Teilnehmer auf den Weg, um diese weltweit einzigartige Kulturinstitution kennenzulernen. Hier verbargen sich immer wieder überraschende Musik- und Lichtinstallationen, Forschungsprojekte und auch ein virtuelles Sofa, das für sehr viel Belustigung sorgte.

Zurück im Palais Solms, standen nach einem besonderen Dank, herzlichen Geburtstagsglückwünschen und einem Geschenk an den Hausmeister „Rhetorische Stilmittel und ihre Verschrift­lichung" auf dem Programm. Frisch und ausgeruht erläuterte Dr. Detlef Peitz anhand von vielen Beispielen die zahlreichen Stilmittel, die in der gesprochenen Sprache eingesetzt würden, um die Aufmerksam­keit des Zuhörers zu gewinnen. Bei ihrer Verschrift­lichung sei der Stenograf gefordert, zu erkennen, inwie­weit und in welcher Form sie im Protokoll Berücksichtigung finden müssten.

Als Beispiele für die überflüssige Häufung sinngleicher oder ‑verwandter Begriffe, sogenannter Pleonasmen, nannte er „run­der Kreis" oder „tote Leiche". Auch das „exemplarische Bei­spiel" werde immer wieder gern benutzt und stehe auf einer Stufe mit dem umgangs­sprachlichen Dauerbrenner unter Jugendlichen: „Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl."

Bei Doppelungen, sogenannten Tautologien, stehen bedeutungs­gleiche oder sinnverwandte Wörter meist als Wort­paare eng beieinander. „Angst und bange", „hegen und pfle­gen", „nie und nimmer" sollten ebenso wie Zwillingsformeln mit neuer Gesamtbedeutung – „Tag und Nacht", „Lug und Trug" – bei der Niederschrift nicht verändert werden.

Unter „Stilmittel mit lautmalerischen oder rhythmischen Elemen­ten" fällt die Alliteration, bei der Wörter mit dem gleichen Anfangs­buchstaben direkt oder ziemlich nah aufeinanderfolgen: „Nie­ten in Nadelstreifen", „Trommeln, Tröten, Tränen". Hier sollte ebenso nicht einge­griffen werden wie bei (End-)Reimen: „Ich will Gott danken, dass es gibt die Franken." Ein besonders schöner Endreim nicht aus dem politischen Bereich, sondern von Heinz Erhardt, laute: „... und verschlang die kleine fade Made ohne Gnade. – Schade."

Nachdem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einer Pause mit Kaffee und Kuchen gestärkt hatten, ging Dr. Peitz auf Stilmittel auf der inhaltlichen Ebene ein. Für viel Heiterkeit in Sitzungen sorge häufig das „Joch" genannte Stilmittel. Hierbei wird ein Verb so­wohl in wörtlicher als auch in übertragener Bedeutung ge­braucht: „Er öffnete die Schachtel, danach den Mund", „Er saß ganze Nächte und Sessel durch", „fließend Deutsch und Warmwasser". Zahlreiche weitere Beispiele und Hinweise zu Stilmitteln auf der satzstrukturellen Ebene rundeten den Vortrag ab.

Eine ausführliche Wiedergabe dieses Vortrages wird in einer der nächsten Ausgaben der „Neuen Steno­grafischen Praxis" abgedruckt.

Den Abend genossen viele in der beliebten Badisch Bühn bei dem wunderbaren Karlsruher Schwank „Zum aaidermliche Uhu".

Ein abschließender Dank gilt Waltraud Plickert vom Verbands­vorstand und dem vor Ort Verantwortlichen, Peter Erhardt, für das interessante Programm und die hervor­ragen­de Organisation. Wir freuen uns auf den nächsten Verbands­tag, der vom 4. bis 6. November 2011 in Kiel stattfinden wird.

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen, wie auch ein Brief Bismarcks an ihn zeigt. Zur Erinnerung an seinen Todestag mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.