Breadcrumbs

aus: NStPr 57/2 (2008) 50–56

Dass im kleinsten aller Flächenstaaten der Bundesrepublik gerne gefeiert wird, weiß hierzulande jedes Kind. Doch im letzten Jahr wurde gefeiert wie noch nie. Das Saarland wurde 50, der Landtag 60! Dass zu diesem Anlass den Bürgerinnen und Bürgern des Landes etwas Besonderes zu bieten sein würde, stand bereits im Januar des vergangenen Jahres fest: Ein ganzes Wochenende lang sollte die Landeshauptstadt kopfstehen ‑ und der Landtag wenigstens einen Tag lang!

Die frühzeitige Ankündigung der Landtagsspitze, am 19. August 2007 einen Tag der offenen Tür auszurichten, war sogleich mit weitreichenden Folgen für alle Bediensteten verbunden, angefangen bei einer mehrtägigen Urlaubssperre im Vorfeld dieses wichtigen Datums bis hin zu dem Auftrag an verschiedene Abteilungen, ein Konzept zur Präsentation ihrer Arbeit zu erstellen. Besonders hart trafen die geburtstäglichen Vorkehrungen den Leiter des Technischen Dienstes, der von Stund an mit der undankbaren Aufgabe leben musste, das schon seit Jahren im Umbau befindliche Landtagsgebäude bis zum Stichtag zumindest in Teilen in neuem Glanze erstrahlen zu lassen.

Die Urlaubssperre vor dem magischen Datum löste unter den Kolleginnen und Kollegen des Stenografischen Dienstes begreiflicherweise wenig Begeisterung aus. Umso mehr freuten wir uns über die Möglichkeit, uns im Rahmen der gewünschten Präsentation einmal abseits des Alltagstrotts kreativ zu entfalten. An Ideen fehlte es nicht, und so dauerte es nur kurze Zeit, bis das Gerüst stand: Eine PowerPoint‑Präsentation sollte auf jeden Fall dabei sein (die wir besser machen wollten als all die Menschen, die uns immer in den Ausschüssen damit „beglücken"), außerdem eine kleine Ausstellung, in der wir näher über unsere Arbeit informieren, aber auch einen Teil unserer technischen Gerätschaften in natura präsentieren wollten. Im Laufe der Wochen kam noch der Vorschlag hinzu, zwei kurze Fernsehmitschnitte einzuspielen, die ihrerseits das Berufsbild des Parlamentsstenografen näher beleuchten würden.

Bereits im Februar des Jahres formierten sich vier Arbeitsgruppen zur Gestaltung der Stellwände, die den Kern der Ausstellung bilden sollten. Auch hier waren die Schwerpunkte schnell gefunden: „Stenografie", „Arbeitsschritte", „Redaktionelle Bearbeitung" und „Stilblüten" waren die Themen, die wir den Besuchern näherbringen wollten. An Material fehlte es nicht ‑ fast jeder von uns hatte über die Jahre Denkwürdiges gesammelt oder im Schreibtisch des Vorgängers gefunden. Die Aufbereitung wiederum hatte es in sich. „Blut, Schweiß und Tränen" war über viele Wochen das Motto, wenn wieder einmal etwas nicht so klappte wie erhofft oder die Umsetzung zeitraubender war als erwartet. Auch war das Ergebnis so mancher Idee weniger berauschend als die Idee selbst. Aber wir ließen uns durch Rückschläge nicht entmutigen und blieben am Ball.

Unser Eifer war so groß, dass die Verwaltungsspitze vom Ideenstrudel mitgerissen wurde und ihrerseits mit zusätzlichen Vorschlägen aufwartete: Wir könnten doch am Tag der offenen Tür für interessierte Besucher beispielsweise kleine Wunsch‑Stenogramme mit deren Namen anfertigen! Der Präsident persönlich regte in diesem Zusammenhang eine offizielle „Beglaubigung" des Stenogramms per Gedenkstempel an. Die Sache mit dem Stempel fanden wir noch ganz witzig, die Vorstellung hingegen, auf Wunsch den Namen von Besuchern in Kurzschrift auf Papier zu bannen, löste bei vielen Kolleginnen und Kollegen eher Unbehagen aus. Auch ich hatte vorübergehend die Schreckensvision, dass just an jenem Tag eine Horde Japaner in den Landtag einfallen könnte ‑ eine Befürchtung, die sich späterhin jedoch als unbegründet erwies.

Was anfangs fast belächelt wurde, die frühe Planung, sollte sich als goldrichtig erweisen, denn die normale Parlamentsarbeit lief weiter und zwei Monate Ferienzeit mussten schließlich auch in Abzug gebracht werden. Tatsächlich liefen die Vorbereitungsarbeiten bis auf den letzten Drücker, was alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landtages zu spüren bekamen, vor allem der für den rechtzeitigen Abschluss der Umbaumaßnahmen verantwortliche Technikleiter, der nach einer Lieferung falscher Treppenfliesen ‑ eine Woche vor Torschluss ‑ um Jahre alterte.

Aber der Zeitplan ging auf. Die Generalprobe am 18.08. war erfolgreich. Sowohl unser PowerPoint‑Vortrag als auch die Ausstellung wurden offiziell abgesegnet. Wir hatten ‑ völlig uneitel, wie wir sind ‑ auch nichts anderes erwartet. Immerhin hatten wir in mühevoller Kleinarbeit versucht, sowohl informativen als auch ästhetischen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die vier Doppelstellwände waren in Form und Farbe ansprechend, vereinbarten Wissenswertes mit Unterhaltsamem. Besonders stolz waren wir auf die Idee, das jeweils untere Drittel der Wände mit einer „Stenotapete" ‑ Riesenvergrößerungen aus „Winklers Wörterbuch" ‑ zu schmücken. Auch die beiden Vitrinenschränke mit altem und neuem Technikzubehör sowie stenografischem Schriftgut machten in der Bestückung einen fast professionellen Eindruck.

Personelle oder technische Ausfälle waren nicht zu befürchten. Auch das Begleitprogramm im Landtagspark ließ keine Pannen erwarten. Wie immer bei solchen Gelegenheiten im Saarland würden ohnehin das DRK und die Polizei die Ersten am Ort des Geschehens sein, gefolgt von den für das leibliche Wohl zuständigen Rostwurst- und Bierständen. Die Prioritäten waren richtig gesetzt, die Wetterprognosen gut. Eigentlich konnte nichts schiefgehen.

Sonntagmorgen, 10 Uhr. Als die Kolleginnen und Kollegen entsprechend ihrem Einsatzplan Stellung beziehen, ist die Lage noch übersichtlich. Offizieller Beginn der Veranstaltung ist 11 Uhr, dann soll die erste Besuchergruppe durchs Haus geführt werden. Geplant sind vier Stationen, die im Stundentakt abgegangen werden sollen: Präsidialbüro, Plenarsaal, Kellergewölbe, großer Sitzungssaal ‑ mehrere Vorträge inklusive. Trotzdem trudeln schon kurz nach 10 Uhr die ersten Neugierigen ein. Mit eher scheuen Blicken absolvieren sie unsere Ausstellung im Schnelldurchlauf ‑ es fehlt an grundlegendem Wissen, um sich näher auf das Dargebotene einzulassen.

Bereits um 10.30 Uhr kommt offiziell die erste Kurskorrektur. Angesichts riesiger Menschenmassen, die jetzt schon den Haupteingang bevölkern, wird der 60‑Minuten-Takt für die Führung auf einen 30‑Minuten-Takt verkürzt, sprich: alle Vorträge müssen um die Hälfte gekürzt werden. Lange Gesichter bei den Kolleginnen, die die Vorträge halten sollen, aber Flexibilität ist alles. Eine Stunde lang versucht sich die Verwaltungsspitze im Krisenmanagement, dann wird das Konzept geordneter Führungen endgültig über Bord geworfen. Stattdessen werden sämtliche Schleusen für den Besucheransturm geöffnet. Es gibt was zu hören, es gibt was zu sehen, aber ohne festes Korsett.

Obwohl in Minutenschnelle das Gebäude zum Hexenkessel wird ‑ und der angrenzende Park mit Volksfeststimmung zur relativen Ruhezone ‑, läuft nichts aus dem Ruder. Die beiden Kolleginnen des Steno‑Dienstes, die im großen Sitzungssaal auf maximal sieben Vorträge zur Tätigkeit des Parlamentsstenografen programmiert waren, müssen bis zum Zapfenstreich zwanzig halten, wie eine spätere Hochrechnung ergibt. Aber sie tun dies, ohne zu klagen und mit Bravour, denn die Verweildauer der Besucher in unserer Ausstellung steigt ebenso deutlich an wie ihre Wissbegierde.

Wir nehmen mit Überraschung zur Kenntnis, dass die von uns schon lange totgeglaubte Stenografie vielen Menschen durchaus etwas sagt. Etliche Besucher mittleren Alters hatten in jungen Jahren Steno‑Unterricht in der Berufsschule, das eine oder andere Kürzel ist ihnen noch vertraut. Einige versuchen sogar, Teile der dargebotenen Verkehrsschrifttexte zu entziffern. Andere wiederum, die von Stenografie gar keine Vorstellung hatten, sind einfach nur fasziniert. Vor allem der Schrumpfungsprozess dieser „Geheimschrift" über die drei Stadien Verkehrsschrift – Eilschrift – Redeschrift hinweg löst vielfach ungläubiges Kopfschütteln aus. Eine Besucherin mustert bedächtig die Stenotapete. „Einfach irre!", so ihr Kommentar.

Doch auch die stenografisch weniger Interessierten kommen auf ihre Kosten. Dafür sorgen die restlichen Stellwände, die auch Erheiterndes zu bieten haben. So ist vor allem die Sammlung farbenfroher, authentischer Stilblüten und Versprecher ein echter Schmunzelfaktor. Da gibt es in der Tat Merkwürdiges zu lesen:

Das schnellste Verkehrsmittel ist das Flugzeug ‑ vor allem in der Luft!

Wir sollten hier keinen Gasballon starten, auf den wir nachher aus der Hüfte schießen müssen, um daraus Honig zu saugen.

Es gibt erhebliche Spielräume, mit Leistungsanreizen die Motivation der Landesbediensteten noch weiter herunterzusetzen.

Aber auch die Stellwand „Arbeitsschritte" bietet nicht nur bierernste Information. So haben wir die unterschiedlichen Vorgehensweisen bei der Eingabe von Protokolltexten dazu benutzt, einige Ausrutscher der elektronischen Spracherkennung interaktiv aufzubereiten. Wie zu erwarten, findet die Entschlüsselung der Dragon‑Blüten mehr Aufmerksamkeit als eine Peepshow. Ein Besucher kriegt sich nicht mehr ein bei der Feststellung, dass „Lehrer der Primatstufe" eigentlich „Lehrer der Primarstufe" sind. Und dass ein Computerprogramm die „Saarstahl AG" zur „Saustall AG" macht, wundert ihn überhaupt nicht!

Auf Anhieb am wenigsten angenommen wird die Stellwand „Redaktionelle Bearbeitung". Zu viel Text, wie wir vermuten, obwohl die Kollegen das Material sehr augenfreundlich, mit Blick auf das Wesentliche und gut strukturiert aufbereitet haben. Und auch hier findet man was zum Lachen ‑ oder zum Weinen, je nach Betrachtung:

Zitat aus einer Parlamentsrede zum Klimawandel (O‑Ton):

Ich weise auch darauf hin, dass ebendiese Diskussion nicht nur mehr in Europa mit all den wertvollen Zielen, die dort beschlossen wurden und auch Gültigkeit für Europa haben und hoffentlich auch demnächst in der weiten Welt nicht nur Beachtung finden, sondern auch anerkannt werden, dass diese Diskussion ‑ und unser Fraktionsvorsitzender hat es angesprochen ‑, dass auch in China und in den USA ganz andere Diskussionen, ganz andere Beiträge zum Klimaschutz geleistet werden.

Natürlich wird dazu auch die „Übersetzung" durch den Stenografen geliefert ...

Ein Besucher, der sich von der Textlastigkeit der Wand nicht abschrecken lässt und sich akribisch durch die Beispiele ackert, scheint den tieferen Sinn der Präsentation zunächst nicht zu erkennen. Er wirft uns einen irritierten Blick zu. Das Material sei seinem Eindruck nach „rhetorisch nicht sehr anspruchsvoll", erklärt er. Mit einem diskreten Hüsteln versuche ich ihm begreiflich zu machen, dass rhetorisch weniger gelungene Beiträge von Parlamentariern keine Seltenheit sind und wir Stenografen mit diesen Unzulänglichkeiten letztlich unser Geld verdienen. Er grinst: „Ich verstehe!"

Was uns am meisten freut, ist die gute Stimmung insgesamt. Wir begegnen durchweg freundlichen, zufriedenen Gesichtern. Anscheinend hat die Verwaltung auch mit dem unterhalterischen Rahmenprogramm den Geschmack des Publikums getroffenen. Die fröhlichen Mienen der Besucher machen auch den Stress vergessen ‑ denn an Letzterem mangelt es wahrlich nicht. Unabhängig von der Einsatzplanung wird jeder irgendwann zum Mädchen für alles. Die männlichen Kollegen schleppen zentnerweise Handbücher, Prospekte, Notizblöcke durch die brodelnde Menge und entsorgen den Papiermüll. Den Frauen fällt vornehmlich die gesundheitliche und seelsorgerische Betreuung der Besucher zu. Manch einer oder eine kriegt im Getümmel weiche Knie und bittet um ein Glas Wasser. Kein Problem, das machen wir doch gerne! Möchten Sie sich vielleicht einen Moment setzen? (Leider haben wir die Nachfrage nach Sitzgelegenheiten unterschätzt ‑ ein Merkposten für das nächste Mal!) Wo die Toiletten sind? Schräg gegenüber oder direkt am Haupteingang die Treppe hinunter. Ob wir nicht noch irgendwo ein Handbuch aus der achten und zehnten Legislaturperiode haben? Auch dieser Wunsch kann erfüllt werden, mein Büroschrank hortet noch ganz andere Dinge.

Die Nachfrage nach Wunsch‑Stenogrammen mit Stempel hält sich im Rahmen und bedarf der Animation. Es sind vornehmlich Kinder, die sich dafür erwärmen. Ein kleiner Junge wird auf ausdrückliche Ermunterung hin plötzlich mutig: „Schreiben Sie: Hier wohnt Björn Becker! Kein Zutritt für Erwachsene!" Die Eltern tragen es mit Fassung.

Überhaupt werden die Stenografinnen und Stenografen heute von Kindern heftigst umworben; Teil des Festprogrammes ist nämlich ein Quiz für die Kleinen, die sich auf dem Teilnahmebogen einen Satz in Steno besorgen müssen: „Das Saarland feiert seinen 50. Geburtstag!" Vermutlich wird keiner von uns diesen Satz je vergessen ...

Erst am späten Nachmittag lässt der Andrang langsam nach. Notizblöcke, Handbücher, Kugelschreiber, Prospekte haben längst ihre Abnehmer gefunden. Wir fühlen uns wie Personal in einem leergekauften Laden, haben nur noch unsere Stenokünste zu bieten. Macht nichts, irgendwann sollte schließlich Feierabend sein. Ein junger Mann, der sich schon vor längerem an unserem Besuchertisch niedergelassen hat, zettelt noch eine Diskussion über die in seinen Augen unsinnige Eigenständigkeit des Saarlandes an. Auch diese Debatte führen wir mit beflissenem Lächeln, dann schielen wir des Öfteren auf die Uhr.

Um 18 Uhr ist offiziell Schluss. Jetzt geht es nur noch darum, die in Umlauf befindlichen Besucher auszusitzen oder freundlich hinauszukomplimentieren. Just als ein Kollege ein „Besucherloch" nutzen und abschließen will, drängt noch ein FDP‑Abgeordneter mit Gruppe in die Ausstellung. Den hätten wir jetzt wirklich nicht mehr gebraucht! Aber er fasst sich kurz und so können gegen halb sieben die Schotten endgültig dicht gemacht werden. Zwei Kollegen räumen auf die Schnelle die Vitrinenschränke leer, die bereits am nächsten Tag abgeholt werden. Andere genehmigen sich an den Getränkeständen im Park noch ein wohlverdientes Bier, wieder andere machen sich direkt auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen sieht der Landtag viele müde, aber stolze Gesichter. Schätzungsweise 60 000 (!) Besucher hatte das Haus am Vortag zu bewältigen. Dass alles ohne Pannen und Zwischenfälle über die Bühne gegangen ist, bringt allen Bediensteten ein dickes Lob ein. Wir haben es verdient!

150. Todestag von Wilhelm Stolze

Einen unschätzbaren Beitrag zur Schaffung einer Kurzschrift, mit der Parlamentsdebatten aufgenommen werden konnten, hat Wilhem Stolze geleistet. Er war gleichsam der Urvater der Berliner Parlamentsstenografen, wie auch ein Brief Bismarcks an ihn zeigt. Zur Erinnerung an seinen Todestag mögen die Artikel von Rudolf Eggeling "Zum 100. Todestag Wilhelm Stolzes" aus dem Jahr 1967 und aus dem "Neuköllner Tageblatt" von 1917 dienen.