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1. Teil: Zeitreise durch die Geschichte der Zeichensetzung

 

Ein Blick in die Geschichte der Zeichensetzung veranschaulicht uns den Entwicklungsprozess von den ersten Punkten und Strichen in einem Text bis zu dem modernen Interpunktionssystem des Deutschen. Dieser Prozess ist nicht etwa geradlinig verlaufen, sondern vielschichtig und regional sehr unterschiedlich. Er vollzog sich langsam und erstreckte sich über drei Jahrtausende. Die grafische Form der Satzzeichen, ihre Benennung, ihre Verwendung und ihre Abgrenzung zueinander unterlagen einem ständigen Wandel. Und dieser Entwicklungsprozess setzt sich bis heute fort.

Begleiten Sie mich auf eine Zeitreise, die uns vom Heiligen Land vor 3 000 Jahren zu griechischen und römischen Schreibern, in die Scriptorien mittelalterlicher Klöster, nach Mainz zum Buchdrucker Johannes Gutenberg, nach Wittenberg zu Martin Luther, zu den deutschen Grammatikern und schließlich nach Hersfeld zu Konrad Duden führt. Wir werden erleben, wie das älteste und kleinste Zeichen, der Punkt, entstand, warum das heutige Fragezeichen so und nicht anders aussieht und welche neuen Satzzeichen erfunden werden.

1. Die Schriftkultur der Antike

Aufgrund von Funden weiß man, dass die Schriftlichkeit der antiken Kultur um 3 500 v. Chr. anzusiedeln ist. Texte wurden in Stein gemeißelt, in Holz und in Wachstafeln geritzt, auf Palmblätter und Seide gemalt oder auf kostbarem Papyrus und Pergament sowie später auf Papier geschrieben, und zwar Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort. Die Bezeichnung für diese Schreibweise ohne Abstände lautet Scriptura continua. Sie ahmt den natürlichen Sprachfluss nach und ist in griechischen und lateinischen Texten noch bis in die Spätantike und im Frühmittelalter zu finden. Parallel zu der Scriptura continua entwickelte sich ein anderes Verständnis der geschriebenen Sprache: Zeichen wurden entwickelt, die einzelne Wörter und Sätze voneinander trennen. Das älteste Zeugnis dieser Veränderung stammt aus dem 9. Jahrhundert v. Chr.

Eine nach dem König Mescha von Moab benannte Stele berichtet in 34 Zeilen von seinem Sieg über Israel. Diese Mescha‑Stele ist deshalb so bedeutsam, weil hier zum ersten Mal Satzzeichen verwendet werden: Zwischen allen Wörtern wurde ein Punkt auf halber Höhe gemeißelt, und zwischen allen Sätzen befindet sich ein waagerechter Strich. Damit war der Punkt als grafisches Zeichen erfunden, wurde aber noch nicht in seiner heutigen Funktion als Satzschlusszeichen verwendet, sondern als Worttrenner. Und es sollte uns nicht wundern, dass exakt dieser Punkt zwischen den Wörtern auf halber Höhe in den Textverarbeitungsprogrammen noch heute den Leerschritt verdeutlicht und so die Wörter voneinander trennt.

Auch die alten Griechen kannten den Punkt – allerdings nicht als Worttrenner, sondern um Pausen zu markieren. Den Punkt gab es in drei Varianten: unten auf der Zeile, um eine kleine Pause anzudeuten, in der Mitte, um eine etwas längere Pause zu markieren, und als Hochpunkt, um das Ende eines Satzes zu verdeutlichen. In einem anderen System wurden ein Punkt, zwei Punkte bzw. drei Punkte für unterschiedlich lange Pausen verwendet. Diese Systeme wurden allerdings noch nicht beim Schreiben des Textes eingefügt, sondern erst zur Vorbereitung auf das Vorlesen bzw. Vortragen. Dazu wurden die Pausenpunkte in die Scriptura continua hineingeschrieben. Diese Punkte waren also Vorlesezeichen. Sie folgten vorrangig dem Sprechrhythmus und der Betonung. Die Satzzeichen hatten, anders ausgedrückt, eine rhetorische Funktion.

Die Errungenschaft der Griechen besteht neben der Erfindung des Punktes als Pausenmarkierung darin, Begrifflichkeiten zu prägen, die von den Römern übernommen werden. So führten die Griechen Wörter wie „Kolon" und „Komma" ein, um einen Satz bzw. Satzteile zu benennen. Diese Begriffe bezeichneten also noch nicht das jeweilige Satzzeichen selbst, sondern lediglich syntaktische Sinnabschnitte. Das Wort „Komma" wurde zu Beginn der Neuzeit auf das Zeichen angewandt, das Sinnabschnitte innerhalb eines Satzes voneinander trennt. Die deutsche Bezeichnung „Doppelpunkt" für das Kolon tritt dagegen erst im 17. Jahrhundert auf.

Von den Römern stammt das Wort „Punkt". „Punctum" bedeutet im Lateinischen „das Gestochene". Es rührt daher, dass die Römer, wenn sie auf Wachstafeln schrieben, das Ende eines Satzes durch einen Einstich mit dem Griffel markierten. Das Wort „punctum" diente auch als Bezeichnung im übertragenen Sinn für einen Abschnitt, so wie wir heute eine Rede oder Tagesordnung in Punkte gliedern. Das deutsche Wort „Interpunktion" leitet sich von lateinisch „interpunctio" ab. „Interpunktion" heißt also, durch einen Punkt abzuteilen. Im Deutschen wird das Wort „Zeichensetzung" erst im 18. Jahrhundert gebräuchlich. Seitdem werden beide Begriffe gleichbedeutend verwendet.

Vergegenwärtigt man sich die Entwicklung der Satzzeichen und ihrer Funktion in der Antike, kristallisieren sich einige bestimmende Faktoren heraus: Dazu gehört das Verständnis von Sprache als einer Lautkette, deren einzelne Einheiten voneinander abgetrennt wurden. Für diese Markierung wurden grafische Zeichen entwickelt: Zur Trennung von Sätzen wurde zunächst der waagerechte Strich, später der Punkt verwendet. Das Erkennen eines Satzes schloss seine Untergliederung und seine Benennung dieser Einheiten ein: Komma und Kolon. Darüber hinaus wurden die einzelnen Einheiten in Beziehung zueinander gesetzt. Das heißt, es entstand schon ganz am Anfang der Entwicklung der einzelnen Satzzeichen ein System. Außerdem wandelte sich die Funktion einer grafischen Form wie der des Punktes vom Worttrenner über den Pausenmarkierer zum Satzschlusszeichen. Wie geht es nun weiter auf der nächsten Zwischenstation unserer Zeitreise?

2. Die Manuskriptkultur im Mittelalter

Die antiken oralen Kulturen wurden allmählich durch die bis ins Mittelalter reichende Manuskriptkultur abgelöst. Da im Mittelalter jedes Buch einzeln abgeschrieben werden musste – von einem oder mehreren Schreibern –, wurden auch die Satzzeichen im Text individuell verwendet. Nach der frühen Christianisierung Irlands im 5. Jahrhundert n. Chr. schrieben irische Mönche in den Scriptorien der Klöster lateinische Texte ab. Weil Latein für diesen Kulturkreis allerdings eine Fremdsprache war, versuchten die Schreiber, den Lesern das Verstehen und Vorlesen eines liturgischen Textes in lateinischer Sprache zu erleichtern. Zu diesem Zweck fügten sie Wortzwischenräume ein und benutzten Satzzeichen. Die Angelsachsen übernahmen die irischen Prinzipien von Wortzwischenräumen und Zeichensetzung, und durch die Berufung des Gelehrten Alcuin von York an den Hof Karls des Großen in Frankreich setzte sich diese Reform der Schriftkultur auch auf dem europäischen Festland durch.

Diese neue Schreibweise erleichterte nicht nur das laute Vorlesen, sondern förderte ganz erheblich das leise, vor sich selbst hingesprochene Lesen bzw. das stille Lesen. Das Buch wurde in dieser Zeit mehr und mehr als ein eigenes und wichtiges Medium verstanden, das auch der Wissensvermittlung dient. Nach Isidor von Sevilla, Bischof und einer der einflussreichsten Gelehrten des Frühmittelalters, ermöglicht gerade das stille Lesen eine intensivere Reflexion des Gelesenen. Und je mehr still gelesen wurde, desto komplexer konnten die Sätze eines Textes gestaltet werden. Denn wer einen Gedanken nicht verstanden hatte, konnte den Satz noch einmal lesen. Seiner Meinung nach kommt es also darauf an, mithilfe der Zeichensetzung das Schriftbild komplexer werdender Sätze und Texte zu strukturieren. Das heißt, es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der Art und Weise des Lesens und der Zeichensetzung. Das Lesen hat sich über die Jahrtausende gewandelt – von einem lauten Lesen bis vor circa 1 200 Jahren hin zu einem lautlosen Lesen. Dieses lautlose Lesen wird gefördert durch Wortzwischenräume und eine verlässliche Zeichensetzung, die grammatisch bzw. syntaktisch Zusammengehörendes zusammenfügt. Damit hat sich die Funktion der Zeichensetzung gewandelt: zunächst von einer rhetorischen Verwendung in der Spätantike hin zu einer grammatischen Verwendung im Mittelalter. Aus den Vorlesezeichen wurden so Lesezeichen.

Trotz dieser Entwicklungen kennt das Mittelalter immer noch nur wenige Satzzeichen – Punkt, Komma, Kolon und Semikolon sowie das Fragezeichen –, die außerdem ohne verbindliche Regeln verwendet und im freien Ermessen der Schreiber gestaltet und eingesetzt wurden. Dies verändert sich erst durch eine technische Revolution: durch den Buchdruck.

3. Die typografische Kultur des Buchdrucks

Um 1450 erfand Johannes Gutenberg den Druck mit beweglichen Metalllettern und die Druckerpresse. Einher ging damit die Verbreitung der Papierherstellung in Europa. Durch beide Entwicklungen wurden Bücher und Zeitungen in bis dahin nicht gekannten Auflagen verbreitet. Die Buchdrucker konnten allerdings den in den Manuskripten vorgefundenen Formenreichtum der verwendeten Satzzeichen im Bleisatz nicht immer umsetzen; denn der Bleisatz verlangt ein einheitliches Erscheinungsbild. Außerdem gab es zu Beginn des Buchdrucks nur wenige Hersteller von Drucklettern, sodass ihre vereinheitlichten Lettern einen großen Wirkungskreis hatten. Auf diese Weise stabilisierte sich die Form der Satzzeichen; für jedes Zeichen gab es also nur noch eine grafische Form.

Dies kann an der Entwicklung des Fragezeichens besonders anschaulich gemacht werden. Eine der Entstehungsgeschichten des Fragezeichens besagt, dass es aus dem gregorianischen Kirchengesang entstanden ist. Das dort verwendete Zeichen stand für ansteigende Melodieschlüsse und ahmte die steigende Stimmführung nach, die ihrerseits die Armführung des Chorleiters widerspiegelt. Dieses Zeichen wurde in Texten eingesetzt, um die steigende Stimmführung am Ende einer Frage zu markieren. In mittelalterlichen Handschriften ist das Fragezeichen oftmals als ein Punkt mit einer Tilde dargestellt. Um beim Buchdruck Platz zu sparen, wurde die Tilde nicht mehr hinter den Punkt gesetzt, sondern aufrecht über den Punkt und als „punctus interrogativus" bezeichnet. Daraus leitet sich die amerikanische Bezeichnung „question point" ab. Das deutsche Wort „Fragezeichen" ist erst für das 16. Jahrhundert belegt.

Auch einzelne Drucker spielten bei der Entwicklung der Satzzeichen eine große Rolle. Zu nennen ist William Caxton, erster Buchdrucker in England. Er entwickelte 1474 in seinen Druckwerken ein System bestehend aus drei Satzzeichen: aus der Virgel, einem Schrägstrich, um Wortgruppen abzutrennen, woraus sich später das moderne Komma entwickelte; aus dem Doppelpunkt, um Pausen zu verdeutlichen; aus dem Punkt, um das Satzende zu markieren. Hervorgehoben sei auch der venezianische Drucker Aldus Manutius d. Ä. Er ist der Erfinder der kursiven Schrift, im Englischen als Italics bezeichnet. Er druckte in den Veröffentlichungen seiner Druckerei das erste Semikolon. Sein Enkel Aldus Manutius d. J. legte 1566 ein System von Satzzeichen vor, konsequent angewandt in der Antiqua, dem Schriftsatz für lateinische Texte. Beide hatten ein vertieftes Verständnis von den Satzzeichen als syntaktische Gliederungszeichen und verwendeten Punkt, Komma, Doppelpunkt, Semikolon und Fragezeichen systematisch und einheitlich. Ihre Zeichensetzung war beispielgebend, und die heutige Interpunktion geht im Wesentlichen auf ihre Vorstellungen zurück.

Neben der technischen Revolution des Buchdrucks, mit dem sich Schriftwerke leicht reproduzieren ließen, beförderten insbesondere die allmähliche Verbreitung der Lesefähigkeit in der Bevölkerung und der Verschriftlichungsschub durch eine komplexer werdende Gesellschaft eine Standardisierung und Homogenisierung der Schriftzeichen, was sich in der Verfestigung der grafischen Form der Satzzeichen und ihrer Verwendung in den Druckwerken offenbarte.

4. Die Entwicklung der deutschen Schriftsprache

Die zweite, „geistige Revolution" löste Martin Luther mit seinen Bibelübersetzungen und seiner ersten Messe in deutscher Sprache aus (25. Dezember 1521). Das Deutsche ist eine vergleichsweise junge Sprache und wird in den Quellen des frühen Mittelalters als die Sprache des Volkes bezeichnet. Erst der Buchdruck und die Reformation gaben der Volkssprache Deutsch eine größere Bedeutung und beförderten die Entwicklung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache. Dies wiederum hatte Auswirkungen auf die Verwendung von Satzzeichen auch in deutschsprachigen Texten. Martin Luther verwendete in seinen Schriften, wie in der Frakturschrift üblich, statt des Kommas die Virgel. Die grafische Form der Virgel entspricht unserem Schrägstrich und verschwand in ihrer Verwendung als Komma aus dem Fraktursatz etwa um 1700 endgültig. Sie wurde durch den Beistrich ersetzt, den schon Aldus Manutius d. Ä. in der Antiqua verwendete.

Im Zuge dieser Entwicklung von einer Volkssprache hin zu einer Schriftsprache wird die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache immer intensiver. Sogenannte Grammatiker veröffentlichten Regelwerke zur deutschen Grammatik und Rechtschreibung, in denen ebenfalls die Verwendung der Satzzeichen beschrieben wird. Darin weisen sie den Satzzeichen verstärkt die Rolle zu, Texte syntaktisch‑grammatikalisch zu gliedern. Die ersten Versuche, die Anwendung von Satzzeichen im Deutschen zu systematisieren, reichen ins 15. und 16. Jahrhundert zurück. So stellte beispielsweise Niklas von Wyle, Stadtschreiber in Esslingen, Regeln für die Zeichensetzung auf. Diese Anweisungen wurden von den Druckern jedoch zumeist ignoriert und fanden daher keine Verbreitung.

Eine tatsächliche Kodifizierung der Regeln erfolgte erst im 17. Jahrhundert, parallel zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht im deutschen Sprachraum. Damit einher ging ein großer Bedarf an Sprachlehren für den Einsatz im Deutschunterricht. Grammatische Lehrbücher, die auch Rechtschreibung und Zeichensetzung umfassten, unter anderem von Georg Schottel (1663: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache), von Johann Christoph Gottsched (1748) und Johann Christoph Adelung (1788), erschienen. Durch die große Verbreitung der Schulgrammatiken, unter anderem der von Johann Christoph August Heyse (1814, 25. Auflage 1893), wurde dieser Prozess der allmählich einheitlichen Verwendung der Satzzeichen, wie wir sie heute kennen, beschleunigt. Seinen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts durch die Arbeiten von Konrad Duden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch die übrigen heute verwendeten Satz- und Wortzeichen herausgebildet: Die Klammern sind seit dem 15. Jahrhundert bekannt, das Ausrufezeichen taucht erstmals im 16. Jahrhundert auf, der Gedankenstrich wird in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wiederentdeckt, und die Anführungszeichen gibt es seit dem 18. Jahrhundert.

5. Die Entstehung des modernen Interpunktionssystems in Deutschland

Zwei Triebkräfte wirkten am Ende des 19. Jahrhunderts zusammen, um eine verbindliche einheitliche Rechtschreibnorm der deutschen Sprache zu schaffen. Zum einen verfolgte der Gymnasiallehrer und spätere Direktor des Königlichen Gymnasiums zu Hersfeld, Konrad Duden, sozialpädagogische Ziele. Er wollte seinen Schülerinnen und Schülern das Erlernen des Lesens und Schreibens erleichtern. In einem ersten Anlauf verfasste er 1876 den „Versuch einer deutschen Interpunktionslehre". Das kurz darauf, 1880, veröffentlichte „Vollständige Orthographische Wörterbuch" gilt als der Urduden, der allerdings die Regeln zur Zeichensetzung noch nicht enthielt. Zum anderen gab es seit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 verstärkte Anstrengungen der Regierung, die Rechtschreibung im Schulwesen zu vereinheitlichen, um so die politische Einheit zu flankieren. Dies gipfelte in den 1902 auf der ersten Rechtschreibkonferenz beschlossenen „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterbuch" für alle Bundesstaaten des Deutschen Reiches, Österreich‑Ungarn und die Schweiz, ebenfalls noch ohne Regeln zur Zeichensetzung. Dieser Arbeit von Konrad Duden folgte schon ein Jahr später, 1903, der sogenannte Buchdruckerduden, der zum ersten Mal die Zeichensetzung beinhaltet. Diese Darstellung wurde in der 9. Auflage des „Rechtschreibdudens" von 1915 übernommen und in den Folgeauflagen des Dudens jeweils verfeinert.

Erst in der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, die 1996 ihren Anfang nahm und seit dem 1. August 2006 in Schulen und Behörden gilt, wurden die Regeln zur Zeichensetzung als gleichberechtigter Teil aufgenommen. Seitdem sind Punkt, Komma & Co. in Kapitel E fester Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung. Sie beinhaltet die Bestimmung der äußeren Form der Satzzeichen, die Festlegung der Anwendung sowie kurze Begründungen der Regeln. Vor allem die Kommasetzung wurde verändert. Der „Urmeter" der deutschen Rechtschreibung einschließlich Zeichensetzung findet sich seitdem in dem Werk „Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Amtliche Regelung", 2006 herausgegeben vom Rat für deutsche Rechtschreibung.

Auch wenn wir das moderne Interpunktionssystem des Deutschen mit seinen Satzzeichen und Wortzeichen für perfekt halten mögen, schaffen kreative Geister Neuschöpfungen, um ihre Gedanken noch besser transportieren zu können. Zu einer solchen Neuschöpfung gehört das Interrobang. Das Wort „Interrobang" setzt sich zusammen aus dem Begriff „interrogatio", der lateinischen Bezeichnung für „Frage", sowie dem Begriff „bang", der unter englischen Druckern informell für das Ausrufezeichen verwendet wird. Und damit erklärt sich auch schon die grafische Form: ein Punkt, über dem ein Fragezeichen und ein Ausrufezeichen miteinander verschmolzen sind: ‽. Dieses Zeichen wurde von einer amerikanischen Werbeagentur 1962 entworfen, kam vor allem in den 70er‑Jahren in Mode und ist in vielen gut ausgebauten Schriften zu finden. Im deutschsprachigen Raum wird es allerdings kaum verwendet. Liest man „Interrobang" rückwärts, ergibt sich „Gnaborretni". Dieses Zeichen ist ein auf den Kopf gestelltes Interrobang, ausschließlich im Spanischen, Asturischen und Galizischen zu finden und setzt eine besondere Tradition fort. Die Spanische Akademie ratifizierte 1754 den Vorschlag, eine Frage mit einem auf dem Kopf gestellten Fragezeichen einzuleiten und mit dem üblichen Fragezeichen zu schließen. Diese Regel gilt noch heute fort und wird ebenso auf das Interrobang bzw. Gnaborretni angewandt.

Zu den Neuschöpfungen im elektronischen Zeitalter zählen die so beliebten Emoticons, die wir in E‑Mails und Blogs verwenden und die ihre ganz eigenen Regeln haben:-). Sie versuchen, etwas wettzumachen, was Schrift, Buchstaben, Satz- und Wortzeichen nicht oder kaum transportieren können: Gefühle. Insofern erweitern sie unsere schriftlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Ob sie sich allerdings auch außerhalb des elektronischen informellen Schriftverkehrs durchsetzen werden, bleibt offen.

Ausblick

Am Ende unserer Zeitreise durch die Geschichte der Zeichensetzung angekommen, stehen wir in einem dichten Wald voller Satzzeichen. Punkte, Kommas, Doppelpunkte, Fragezeichen, Semikola, Klammern, Ausrufezeichen, Gedankenstriche und Anführungszeichen umzingeln uns. Plötzlich erscheint auf einer kleinen Lichtung eine gute Fee. Und sie spricht den magischen Satz aus: „Ihr habt drei Wünsche frei." Wir reiben uns verwundert die Augen und können unser Glück kaum fassen. „Was wünscht Ihr Euch in Sachen Zeichensetzung?" Und so sehen unsere drei Wünsche aus: Erstens. Mögen die Regeln der Zeichensetzung immer korrekt umgesetzt werden. Zweitens. Mögen die Varianten immer einheitlich verwendet werden. Und drittens. Mögen die Gestaltungsräume mit dem nötigen Fingerspitzengefühl genutzt werden. Gesagt, getan! Mit einer kleinen Bewegung ihres Zauberstabes lässt die gute Fee unsere Wünsche Wirklichkeit werden.

Falls dies nur ein Traum gewesen sein sollte und uns wider Erwarten keine gute Fee begegnen sollte, tut sich vor uns eine andere Lichtung auf. Dort liegt ein kleines Buch, das so neu ist, dass es blitzt und blinkt: „Punkt, Komma und alle anderen Satzzeichen". Einmal in die Hand genommen, wird dieses Büchlein zur guten Fee der Zeichensetzung. Punkt, Schluss und Streusand drüber!

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