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Leopold Arends (1817 ‑ 1882)

In seiner „Allgemeinen Geschichte der Kurzschrift" nennt Dr. Christian Johnen neben Gabelsberger und Stolze als „3. Altmeister der deutschen Kurzschrift" Leopold Arends. Grund genug, 2007 (190. Geburtstag und 125. Todestag) an das stenografische Schaffen dieses vielseitig tätigen Mannes zu erinnern.

Leopold Arends wurde am 1. oder am 4. Dezember 1817 in Rakischek, einem Ort im heutigen Litauen, geboren. 1830 zog die Familie nach Riga. Dort besuchte der 13‑jährige Leopold die höhere Schule. Besondere Leistungen zeigte er in Musik, klassischen Sprachen und Schönschrift. Sein Wunsch, Medizin zu studieren, scheiterte am geringen Einkommen seines Stiefvaters. So entschied er sich für eine dreijährige Apothekerlehre. Die mit Auszeichnung bestandene Prüfung als Apothekergehilfe berechtigte ihn zum Pharmaziestudium.

In Riga hatte Arends 1834 an einem Lehrgang der Gabelsberger'schen „Redezeichenkunst" ohne nennenswerten Erfolg teilgenommen. Sein Interesse für die Stenografie war aber geweckt.

Der vielseitig Begabte und Interessierte widmete sich neben den Naturwissenschaften auch philologischen, geschichtlichen und philosophischen Studien und bestand 1841 die Staatsprüfung als „wissenschaftlicher Lehrer". Das Angebot, an einer höheren Schule zu unterrichten, schlug er aus und nahm die Hauslehrerstelle an, um nebenher genügend Zeit für seine naturwissenschaftlichen Studien sowie seine literarischen und musischen Neigungen zu haben, denn er wollte so schnell wie möglich nach Deutschland übersiedeln, weil er sich dort größere Chancen als Privatgelehrter erhoffte.

Von 1844 bis zu seinem Tode am 22. Dezember 1882 lebte Leopold Arends in Berlin und entfaltete eine rege Tätigkeit als Privatgelehrter und Schriftsteller; er pflegte enge Kontakte zu Wissenschaftlern, Literaten und Künstlern. Seit 1850 ging er einer vielseitigen Tätigkeit als Journalist nach; er war Redakteur der „Gerberzeitung", leitete die „Handwerkerzeitung", schrieb naturwissenschaftliche Artikel für mehrere Berliner Blätter und veröffentlichte darin auch mehrere Gedichte. Hinzu kam eine rege Vortragstätigkeit in verschiedenen Volks- und Bildungsvereinen. Nach der Berufung in das Lehrerkollegium des Berliner Handwerkervereins 1859 erteilte er regelmäßig Unterricht. Im Handwerkerverein behandelte Arends vor allem physikalische und chemische Themen. Sie zeugten von der Vielfalt seiner Interessen und der Breite seines Wissens, zum Beispiel Schall- und Lichtschwingungen, elektrische Telegrafie (durch Experimente veranschaulicht), Vorkommen und Verwendung der Edelmetalle, Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen, Leuchtgasfabrikation, Nährstoffe des Bodens, Wert der Düngemittel u. v. a. m.

Die Anfänge der Arends'schen Stenografie.

Arends beschäftigte sich mit der antiken Kurzschrift, erlernte die Systeme von Gabelsberger und Stolze, die ihm allerdings nicht zusagten. Ihm schwebte ein System mit buchstäblicher Vokalbezeichnung vor.

Die erste gedruckte systematische Darstellung seiner Kurzschrift erschien 1850 unter der Bezeichnung „Hempelsche Tafeln" (Namensgeber war der Berliner Buchhändler Hempel). Die Publikation trug den aufwendigen Titel „Die Stenographie in sechs Lektionen zu erlernen, neues, einfaches System der Stenographie ‑ gegründet auf die Gesetze der Wortbildung und der Schreibschrift, für jeden faßlich anwendbar ‑ von L. A. F. Arends, Privatgelehrter und Lehrer der Stenographie". In der Vorrede heißt es:

Die bisherigen Systeme haben bei allem Verdienstlichen noch keineswegs den Bereich der Kombinationen erschöpft, die für den Zweck der größten Einfachheit, Deutlichkeit und Kürze gemacht werden können; vielmehr bieten sie Schwierigkeiten, die allein durch den größten Fleiß und Zeitaufwand zu überwinden sind und somit die Schnellschreibkunst nur wenigen zugänglich machen. Dies ist es, was den Unterzeichneten veranlaßte, ein eigenes System mit Vergleichung der deutschen, lateinischen, griechischen und russischen Schriftzüge zu bilden.

In seiner Selbstbiografie berichtet Arends, dass er sich seit 1848 intensiv mit dem Gedanken eines „Schriftideals oder des eigentlichsten Äquivalents der Sprache" beschäftigt habe, das „zugleich die vollkommenste Stenographie" sein müsste.

1852 erschienen „Autographierte Unterrichtstafeln der Arendsschen Stenographie"; sie erlebten zwei Auflagen und wurden nach ihrem Druckort als „Hannoversche Tafeln" bezeichnet. Erst 1859 hatte das System die Gestalt, dass Arends ein richtiges Lehrbuch veröffentlichen konnte. Es erschien unter dem Titel „Vollständiger Leitfaden einer rationellen, ebenso leicht erlernbaren wie sicher auszuführenden Stenographie oder Kurzschrift für Schulen und zum Selbstunterricht". Auf dem Titelblatt ist aber auch noch Arends' Leitgedanke festgehalten:

Je mehr eine Schrift der Vorstellung eines Schriftideals entspricht, als eine desto würdigere Trägerin der Sprache darf sie sich der denkenden und schreibenden Welt empfehlen. Als solche wird sie nicht allein dem Auge das zu sein vermögen, was das tönende Wort dem Ohr, sondern auch für ihre Erlernung und dem Fluge des Gedankens und der Rede folgende Ausführbarkeit keine schwierigere Forderung an den Verstand und das Gedächtnis zu stellen haben, als sie die gewöhnliche Schrift für ihre Zwecke behauptet.[1]

In den seinem „Leitfaden" beigefügten Briefen über das Ideal einer Schrift stellte Arends folgende Grundsätze auf: 1. Strenge Unterscheidung von Selbst- und Mitlauten, 2. Größte Biegsamkeit der Zeichen, 3. Deutlichkeit der Schrift, 4. Geregelte Abkürzungsweise.

Die Betonung des Zweckes seiner Schrift als „Volkskurzschrift", die Fülle neuer Gedanken und Formen, das Streben nach großer Schriftdeutlichkeit, der Kampf gegen das „Abkürzungs- und Verstümmelungsprinzip" der älteren Kurzschriften riefen einen starken Eindruck hervor, sodass Arends der Hauptträger der vokalschreibenden deutschen Kurzschrift geworden ist. Indes wurde die Schrift durch die zahlreichen Hilfs- und Nebenzeichen, die nichteinheitliche Vokalschreibung (verschiedene Zeichen für An- und Inlaut, besondere r‑Vokalisation) und die vielen Kürzungsregeln und Besonderheiten doch recht verwickelt und unregelmäßig.

Arends, Gründer und autoritärer Mittelpunkt des Systems, duldete keinen Gedanken der Reform. Laut Testament verpflichtete er seine Frau, nach seinem Tode keinerlei Änderungen zuzulassen. Heinrich Roller und August Lehmann, die ehemals der Schule Arends angehörten, haben diese verlassen und in der Folgezeit eigene Systeme veröffentlicht.

Die verschiedensten Reformbemühungen nach Arends Tod blieben ergebnislos. Ein letztlich gefordertes „Einheitssystem" aller Arendsianer, um in der Auseinandersetzung mit anderen Systemen bestehen zu können, führte nicht zur Einheit und auch nicht zum Frieden der verschiedenen Richtungen.

* Modifizierte Fassung des auf der Gedenkveranstaltung der Arbeitsgemeinschaft deutscher Stenographie-Systeme e. V. am 8. Juli 2007 in Berlin gehaltenen Vortrags. Hauptquelle dieser Ausführungen zu Wilhelm Stolze und Leopold Arends ist: Bunte Blätter. 1927. S. 89 ‑ 95.

[1] Lambrich, Hans: Zum 175. Geburtstag von Leopold Arends. In: KMI. Heft 1/93. S. 9 ‑ 12.

Stenografen bei den Friedensverhandlungen vor 100 Jahren

Eine wichtigen Beitrag zu den Friedensschlüssen der Jahre 1918 und 1919 lieferten die Protokolle der damaligen Parlamentsstenografen bzw. Kammerstenographen, wie sie sich selbst nannten. Wir beginnen die Serie mit einem Zeitzeugenbericht zu den Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen mit Russland in Brest-Litowsk; es folgen weitere Berichte zu den Friedensverhandlungen mit Bulgarien und Rumänien in Bukarest im Jahr 1918 und natürlich mit der Entente in Versailles im Jahr 1919. 

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