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Geschrieben von Martin Dahms

George Allen war ein Buchhändler aus Philadelphia, den Roosevelt zum Kampf gegen die Nazis nach Europa geschickt hatte. Als der Krieg vorbei war, entdeckte Allen in der Nähe von Berchtesgaden Hitlers Lagebesprechungen. Es war ein Fund, der Geschichte machte.

Von Martin Dahms[1]

Technician Third Grade George Allen stand am Rand der Grube und war enttäuscht. Er hatte die Nacht zuvor vor Aufregung kaum schlafen können. Den Morgen musste er mit Routinearbeiten in seinem Büro vertun, während draußen die Stenografen auf ihn warteten. Dann hatte er endlich in den Jeep springen können, der ihn nach Hintersee bringen sollte, begleitet von Kurt Peschel, Gerhard Herrgesell und Heinz Buchholz, dreien der Männer, die in den vergangenen Jahren fast jedes dienstlich gesprochene Wort Hitlers mitgeschrieben hatten.

Allen trieb während der 15 Kilometer langen Fahrt von Berchtesgaden hinauf nach Hintersee nur eine Frage um: ob er dort „die Überreste des zentralen Nervensystems des erschlagenen Nazi-Drachens“ finden würde. Sein Fahrer, Sergeant Bill Reed, fuhr, wie immer, wie ein reckless, speeding maniac. Endlich stand Allen am Ziel: am Rand einer kurz zuvor ausgehobenen Grube von sechs Metern Durchmesser. Sie war von Ufer zu Ufer angefüllt mit schwarzem, flockigem, verkohltem Papier. „Ein trübseliger, trostloser Anblick“, fand Allen. Nichts war den Flammen entgangen, so sah es aus. Es gab keinen Grund, noch länger zu bleiben. Da hörte er Herrgesell und Peschel sagen, wie „paradox und ungewöhnlich“ es sei, dass es hier nun schon seit fast zwei Wochen nicht mehr geregnet habe. Allen drehte sich noch einmal zum See aus Asche um und sprang hinein.

Es war der Vormittag des 9. Mai 1945, einen Tag nach Inkrafttreten der deutschen Kapitulationserklärung. In Europa war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Allen war einer der US-amerikanischen Besatzer in Berchtesgaden. Am Vormittag des 7. Mai hatte ein Militärpolizist in seinem Büro im zweiten Stock des Hotels Bellevue angeklopft und ihm zwei Männer angekündigt, die „Informationen von Interesse“ haben könnten. Allen war skeptisch. Seit Ende Januar, als seine Einheit noch im Elsass lag, arbeitete er für das Counter Intelligence Corps (CIC), die Spionageabwehr der US-Armee. Er hatte den Job mit Begeisterung angenommen, schreibt Allen in seinen Kriegserinnerungen[2], „weil ich dachte, dass es aufregend wäre.“ Es war aber nicht aufregend. „Der größte Teil unserer Arbeit bestand darin, Behauptungen nachzugehen, die sich gewöhnlich als falsch herausstellten.“ Sein bemerkenswertester Einsatz hatte ihm im April auf die Burg Berlichingen geführt, wo er eine der Bewohnerinnen davon überzeugen musste, dass sie die Unordnung, die einquartierte US-amerikanischen Soldaten hinterlassen hatten, keinesfalls als „Schweinerei“ bezeichnen dürfe, wenn sie nicht aus ihrem Haus geworfen werden wollte.

Allen rief den ersten der beiden angekündigten Männer in sein Büro. Ein großer Mann mit schmalem, asketischem Gesicht trat ein und stellte sich als Amtsgerichtsrat Gerhard Herrgesell vor. Er erzählte ihm, dass er vor 14 Tagen in Berchtesgaden eingetroffen sei, aus Berlin kommend, wo er am 22. April abgeflogen war, „gerade nachdem die letzte Besprechung mit dem Führer vorbei war.“ Allen sprang auf. Herrgesell gehörte – wie auch der draußen wartende Hans Jonuschat – zu einer insgesamt achtköpfigen Gruppe von Stenografen, die seit dem September 1942 sämtliche Besprechungen Hitlers mit Generälen und anderen hohen Offizieren aufzeichnete[3]. Die sogenannten Lagebesprechungen fanden zwei-, manchmal dreimal täglich statt. Auslöser für Hitlers Anweisung zum peniblen Mitschreiben war ein Streit mit General Alfred Jodl gewesen, dem Stabschef der Wehrmachtsführung: über einen Befehl, den Hitler gegeben oder nicht gegeben hatte. Von nun an waren je zwei Stenografen bei jeder Lagebesprechung dabei und notierten jedes gesprochene Wort – mit dem Recht, im Falle von Unklarheiten um Wiederholung zu bitten. Nach Ende der Sitzungen wurden die Kurzschriften in die Schreibmaschine diktiert.

Als CIC-Agent hätte Allen Herrgesell und Jonuschat, die Stenografen des Führers, sofort in Gefangenschaft schicken sollen. „Und doch schien es solch eine Verschwendung zu sein, diese Nichtkombattanten, Quellen des Wissens, in einen Haufen mit SS-Generälen und Gauleitern zu werfen“, fand Allen. In diesem Moment kam Eric Albrecht ins Büro gestürmt, ein deutschstämmiger CIC-Kollege. Albrecht meinte, dass die Männer immerhin „kooperative Informanten“ seien, die ihnen bei ihrer Arbeit von Nutzen sein könnten. Allen entließ Herrgesell und Jonuschat mit der Aufforderung, am nächsten Tag in Begleitung der anderen, ebenfalls nach Berchtesgaden ausgeflogenen Stenografen zurückzukehren.

Nachdem die beiden Deutschen gegangen waren, schlug sich Albrecht vor die Stirn. „Das Wichtigste haben wir vergessen“, sagte er. „Wir haben vergessen zu fragen, was aus ihren Aufzeichnungen geworden ist.“ Allen fühlte Verlegenheit in sich aufsteigen. Der Gedanke hätte ihm selber kommen können, fand er.

Allen wusste den Wert außergewöhnlicher Manuskripte zu schätzen. Er war Buchhändler im Antiquariat seiner Mutter in Philadelphia. Viel Berufserfahrung hatte er noch nicht sammeln können, als er im März 1943, einen Monat vor seinem 24. Geburtstag, einen von Präsident Roosevelt persönlich unterzeichneten Einberufungsbefehl erhielt, um an einem fernen Krieg teilzunehmen. Nach einer militärischen Grundausbildung und einem halbjährigen Sprachkurs (um sein Deutsch zu verbessern, das er neben Französisch, Griechisch, Latein und Hebräisch in seiner College-Zeit studiert hatte[4]), wurde er im Februar 1944 ins Camp Ritchie geschickt. In diesem Military Intelligence Training Center in einer ländlichen Ecke Marylands, dem „wahrscheinlich verrücktesten Camp im Land“[5], wurden die meisten Soldaten zu Verhörspezialisten für Kriegsgefangene ausgebildet. Viele von ihnen waren Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich, „die verschiedene Formen von Deutsch und zu großen Teilen nur dürftiges Englisch sprachen“. Kreativität galt mehr als militärische Disziplin, weswegen auch Ritchie Boys wie Stefan Heym, Hanuš Burger, Hans Habe oder Georg Kreisler das Camp in beinahe liebevoller Erinnerung behielten[6].

In England machte Allen noch eine Ausbildung zum Fallschirmspringer, zerrte sich bei einem Übungssprung aber die Achillessehne. Als er im September 1944 seinen ersten Kriegseinsatz in Holland springen sollte, war er noch nicht einsatzfähig. Er gehörte jetzt zur 101st Airborne Division, einer Luftlandeeinheit, aber er kam nie mehr zum Sprung. Stattdessen fuhr er im Jeep an die Front. Er kämpfte nicht mit dem Gewehr in der Hand. Seine Waffe war das Wort: Er vernahm deutsche Kriegsgefangene.

In Camp Ritchie „hatten wir eine Tasche voll Tricks gelernt, die den widerspenstigsten Gefangenen zum Reden bringen würden“, erinnerte sich Allen. Zu seinem Erstaunen brauchte er keine Tricks. Die Gefangenen redeten frei heraus. Allen hatte den Eindruck, dass sie von „allgemeiner Kriegsmüdigkeit und Erschöpfung“ erfüllt waren. Manche ärgerten ihn, wie ein deutscher Soldat, bei dem er eine „Ahnentafel zum Nachweis arischer Abstammung“ fand, und der zu heulen anfing, als Allen den Ausweis vor seinen Augen zerriss. Aber niemals kam Allen auf den Gedanken, dass Deutschland diesen Krieg noch gewinnen könnte.

Im Hauptquartier der westlichen Alliierten teilte man Allens Siegesgewissheit. Als etliche Ritchie Boys von deutschen Gefangenen zu hören bekamen, dass Hitler eine Großoffensive in den Ardennen plante, nahm niemand die Warnungen ernst. Die „Battle of the Bulge“, als die die Ardennenschlacht in die US-Geschichtsbücher eingegangen ist, kostete 19 000 US-Soldaten das Leben, 47 500 wurden verletzt[7]. George Allen überlebte sie, unverletzt. „George hat sehr wenig über den Krieg gesprochen“, berichtet David Szewczyk, ein Buchhändlerkollege von Allen, „vor allem nicht über seine Zeit unter Belagerung während der Battle of the Bulge.“[8]

Einmal, in einem 23-seitigen Rundbrief zu Weihnachten 50 Jahre später[9], hat Allen doch noch allen seinen Freunden von der Ardennenschlacht erzählt, als er dem Tod näher war als niemals sonst in diesem Krieg. Die 101st Airborne Division war im südbelgischen Bastogne von deutschen Truppen eingekesselt und hielt stand. Mittendrin, unter dem Granatenbeschuss der Deutschen und ohne ordentliche Ausrüstung, geschweige denn Winterkleidung im frostkalten Dezember, kümmerte sich Allen um die deutschen Kriegsgefangenen. Er versorgte sie mit Essen, weil es niemand sonst tat, er durchsuchte die Keller und Speisekammern verlassener Häuser, er fand Kartoffeln, Äpfel und purpurne Zuckerrüben; drei der Gefangenen kochten daraus in einem heizbaren Wäschebottich Suppe. Am Ende des Krieges wurde er für seinen Einsatz für den Feind mit einem Bronce Star ausgezeichnet. Fünf Tage lang, vom 20. bis zum 25. Dezember, hatte er täglich mehr, am Ende 537 Deutschen zu essen gegeben. „Wenn ich auf all das zurückschaue, fühle ich mich gesegnet, dass ich so vielen Menschen helfen konnte in Zeiten der Not“, schrieb er 1994[10].

„Am 19. Januar verließen wir Bastogne in einem Schneeschauer“, erzählte Allen nach dem Krieg. „Ein Privileg – mutigeren Männern, besseren Männern vorenthalten – war mir gewährt worden: es lebendig zu verlassen.“ Im französischen Mourmelon sang Marlene Dietrich „Lili Marlene“ für die famed heroes of bloody Bastogne, wie sie ein Kriegsreporter nannte[11]. Das war im März 1945. Zwei Monate später, am Nachmittag des 5. Mai, kam Allen gemeinsam mit seinem Fahrer Bill Reed in Berchtesgaden an, das am Tag zuvor von französischen und US-Truppen besetzt worden war. Die beiden Männer betranken sich, wie alle anderen Männer, mit Mosel-Wein. Am nächsten Tag richtete Allen im Hotel Bellevue das CIC-Büro ein, mit Blick auf den Obersalzberg und Hitlers kürzlich bombardierten Berghof. Ihn erwarteten „die aufregendsten Erfahrungen meines Lebens“[12].

George Allen sprang in die Grube. Er stand bis zu den Oberschenkeln in Asche. Er wühlte, trat, schlug um sich. „Ich muss wie ein Irrer ausgesehen haben. Die Stenografen standen schicklich am Rande und machten bedauernde Bemerkungen darüber, wie gründlich Benzin bei der Verbrennung ist.“

Der Stenograf Herrgesell hatte Allen und Albrecht am Nachmittag zuvor endlich erzählt, was aus den Aufzeichnungen der Lagebesprechungen geworden war. Sie waren am frühen Morgen des 21. April per Flugzeug aus Berlin nach Berchtesgaden gebracht und Anfang Mai von SS-Leuten am Rande von Hintersee verbrannt worden: etwa 120 000 Blatt betipptes Papier[13] und 1500 Blatt Stenogramme[14]. Ein Fegefeuer, in dessen Resten Allen nun wie wild herumstocherte.

Verkohlte Stenogrammseiten (Quelle: National Archives and Records Administration)

Plötzlich stieß er mit dem linken Arm auf „etwas, das nicht leicht und bröselig war, das nicht emporschwebte und in kleine Partikel zerfiel“: ein paar Seiten betipptes Papier. Und danach auf einen angekohlten, aber nicht verbrannten Manila-Umschlag, darin ein Kurzschriftprotokoll. „Donnerwetter!“, sagte Herrgesell. Allen suchte weiter. Schweiß tropfte ihm vom Gesicht. Seine Augen tränten. Er hustete und nieste. Und er merkte, „dass ich keinen Plan hatte.“ Hier und dort suchend, mal sich im Kreis vorantastend, mal einer geraden Linie von einem Ufer zum anderen folgend, zog er Blatt um Blatt, Umschlag um Umschlag aus dem Aschesee, bis er endlich erschöpft einhielt und sich mit seinen Funden auf den Weg nach Berchtesgaden machte. Zweimal kehrte er zurück, einmal allein, einmal mit Albrecht, und fand mehr. Den Stenografen gab er den Auftrag, die Fundstücke zu ordnen und zu rekonstruieren. Es gab niemanden, der dafür besser geeignet war als sie. In einem Büro gleich neben Allens machten sie sich an die Arbeit.

Gut anderthalb Monate später, am 29. Juni, erinnerte sich Alfred Jodl während eines Verhörs durch den United States Strategic Bombing Service in Nürnberg der Lagebesprechungen. „Sie müssen wissen“, sagte Jodl, „dass diese Abschriften aufbewahrt wurden, um gegen uns benutzt zu werden, nicht für uns.“[15] Die Vernehmer wollten wissen, wo sich die Notizen in jenem Augenblick befänden. „Ich habe keine Ahnung“, antwortete Jodl[16].

Die Ahnungslosigkeit Jodls war nicht verwunderlich, die seiner Vernehmer schon. Im zweiten Stock des Hotels Bellevue hatten sich neben Allen und den Stenografen mittlerweile auch drei US-amerikanische Korrespondenten ein Büro genommen[17]. Sobald die Stenografen eine Lagebesprechung rekonstruiert hatten, sorgten die Journalisten für die Verbreitung ihres Inhalts. Schon Ende Mai erschienen die ersten Artikel in der US-Presse: „Hitlers Kriegspläne aufgedeckt“[18], „Hitler machten Luftangriffe wild“[19], „Hitler hoffte, Briten und Russen zu trennen“[20], „Görings Lügen aufgedeckt“[21]. Allen unterstützte die Arbeit der Korrespondenten. Er wollte, dass die Welt erfuhr, was er selbst aus diesen Papieren gelernt hatte: „wer den Krieg begann, wer ihn in seinem gesamten Verlauf dirigierte und wer verantwortlich war für die verheerende Niederlage: Hitler.“

Aus der Asche war die Figur Hitlers in 1000 Einzelheiten auferstanden. In knapp drei Monaten Arbeit, erinnert sich Allen, hatten die Stenografen 52 Lagebesprechungen – etwa jede vierzigste – ganz oder teilweise wiederhergestellt. „Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass sie eine der Hauptquellen über Hitler und die zweite Hälfte des Krieges sind“, schreibt Gerhard Weinberg, der große alte Weltkriegshistoriker, in einer Mail über die geretteten Papiere. Indem Allen diese Quelle fand und alles tat, um den Text zu retten und zu rekonstruieren, habe er der Geschichtsschreibung über den zweiten Weltkrieg einen „bedeutenden Dienst“ erwiesen[22].

Allen, der Antiquar, hatte den Fund seines Lebens[23] getan. Einen, der Geschichte machte. Eines der Protokolle – von der „Mittagslage“ am 27. Januar 1945 – ging als US-Beweisstück 787 in die Nürnberger Prozesse ein[24]. Göring, der bei jener Besprechung vorgeschlagen hatte, man solle US-Kriegsgefangenen „Hosen und Stiefel ausziehen, dass sie bei Schnee nicht laufen können“[25], wollte das Dokument nicht gelten lassen: Bei so vielen gleichzeitig anwesenden Männern hätten sich die Stenografen bei der Zuschreibung von Zitaten leicht vertun können[26]. Das Gericht war nicht beeindruckt.

Als das Göring-Verhör in Nürnberg stattfand, am 20. März 1946, war George Allen seit drei Monaten wieder zuhause in Philadelphia. Nach dem Fund der Lagebesprechungen hatte er die folgenden Wochen in Berchtesgaden kleine und große Nazis vernommen, Kriegsverbrecher wie Robert Ley und Fritz Sauckel, aber auch Hitlers Sekretärin Christa Schroeder, Hitlers Arzt Theo Morell und Hitlers Schwester Paula[27]. Und Hitlers Chauffeur Erich Kempka, der ihm alles über Hitlers Tod erzählte, „womit ich für kurze Zeit der einzige Mensch in der westlichen Welt war, der wusste, wann und wie er gestorben war“[28]. Der 26-jährige Buchhändler aus Philadelphia war für ein paar Wochen so nah am Puls der Welt wie kaum ein anderer.

In Philadelphia kehrte Allen zurück ins mütterliche Antiquariat, das den Philadelphia Inquirer an „die Bibliothek von Henry Higgins in My Fair Lady“[29] erinnerte. 1952 heiratete er Margaret, eine Prinzessin aus dem indischen Assam[30] – das ist wahr, aber eine Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Allen blieb Buchhändler, fast bis zu seinem Tod Ende 1998. Er hatte seinen historischen Nachlass geordnet. Eine der sechs Ausfertigungen der von den Stenografen rekonstruierten Lagebesprechungen übergab er der University of Pennsylvania, die sie bis heute bewahrt. Zu einer ersten englischsprachigen Ausgabe der Lagebesprechungen 1950[31] schrieb Allen das Vorwort.

Bei seiner Totenfeier am 29. November 1998 erinnerte sich ein Freund und Kollege, Stephen Rothman, an das „Paar dicker, handgestrickter Skisocken“, das Allen 1945 bei einem Ausflug in das zerstörte Göring-Haus auf dem Obersalzberg an sich genommen habe und das er seitdem bei großer Kälte trug[32]. „Mein Vater war ein liebenswürdiger, bescheidener, ehrlicher, direkter, humorvoller Mann“, sagt seine Tochter Eleanor. „Er war ein guter Mensch.“[33]

20. April 2020, Martin Dahms

 

[1] Der Autor ist Zeitungskorrespondent in Madrid, u.a. für die Badische Zeitung, die Südwest-Presse, die Frankfurter Rundschau und den Mannheimer Morgen

[2] George Allen, „Without Cloak or Dagger. Reminiscences of an American Intelligence Agent During World War II“, unveröffentlicht, ohne Jahr (wahrscheinlich 1952). Wo nicht anders vermerkt, basiert der Artikel auf diesen Erinnerungen

[3] Die Gruppe der acht Stenografen bestand ursprünglich aus Heinrich Berger, Heinz Buchholz, Kurt Haagen, Hans Jonuschat, Ludwig Krieger, Kurt Peschel, Ewald Reynitz, Karl Thöt. Nach dem Tod von Berger beim Attentat vom 20. Juli 1944 übernahm Gerhard Herrgesell dessen Posten. Vgl. auch Detlef Peitz, „Gerhard Herrgesell: SS-Richter und Parlamentsstenograf. Zugleich ein Beitrag zu den Anfängen der Verwaltung des Deutschen Bundestages“, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen (ZParl), Heft 1/2014, Seiten 141–157

[4] George R. Allen, “History of William H. Allen, Bookseller, 1918-1997”, Bethlehem, 1997

[5] George R. Allen, “To Bastogne For The Christmas Holidays 1944”, unveröffentlicht, 1994, Seite 4

[6] Vgl. Christian Bauer, Rebekka Göpfert, „Die Ritchie Boys. Deutsche Emigranten beim US-Geheimdienst“, Hamburg, 2005. Bruce Henderson, „Sons and Soldiers. The Untold Story of the Jews Who Escaped the Nazis and Returned with the U.S. Army to Fight Hitler”, New York, 2017

[7] Donna Miles, “Battle of the Bulge Remembered 60 Years Later”, American Forces Press Service, 14.12.2004

[8] Mail an den Autor, 16.01.2020

[9] “To Bastogne For The Christmas Holidays 1944”

[10] “To Bastogne For The Christmas Holidays 1944”, Seite 23

[11] Pierre J. Huss, International News Service (INS), “Guderian Says Nazis Lost by Poor Strategy”, in The Gazette, Cedar Rapids, Iowa, 14.05.1945, Seite 3

[12] “To Bastogne For The Christmas Holidays 1944”, Seite 22

[13] Vgl. Gerhard Herrgesell, „Der Stenographische Dienst im Führerhauptquartier“, in Neue Stenographische Praxis, Nr. 1/1985, Seite 6. Allen selbst schätzte die Zahl der Blätter auf mehr als 200 000. Vgl. sein Vorwort zu Felix Gilbert (Hg.), „Hitler directs his war. The Secret Records of his Daily Military Conferences”, New York, 1950, Seite XI

[14] „Gerhard Herrgesell: SS-Richter und Parlamentsstenograf“, Seite 146

[15] Zitiert in Richard Overy, „Verhöre. Die NS-Elite in den Händen der Alliierten 1945“, München 2002, Seite 272

[16] „Verhöre“, Seite 271

[17] Jack Fleischer, United Press (UP); Pierre J. [Pete] Huss, International News Service (INS); Percy Knauth, Time und Life

[18] “Hitler’s war plans revealed in papers seized by Allies”, AP-Bericht in Nanaimo Daily News, Nanaimo, Brit. Columbia, 25.05.1945, Seite 1

[19] Jack Fleischer, “Hitler, Wild in Air Raids, Called in Vain for Revenge”, in The Evening News, Harrisburg, Pennsylvania, 29.05.1945, Seite 1

[20] Jack Fleischer, “Hitler hoped to split up British, Red”, in Nevada State Journal, Reno, Nevada, 03.06.1945, Seite 5

[21] Jack Fleischer, “Göring’s Lies to His Captors Revealed”, in The Austin American, Austin, Texas, 23.05.1945, Seite 5

[22] Mail an den Autor, 31.01.2020

[23] Vgl. George R. Allen, “World War II Documents: The Find of a Lifetime”, in A. B. Bookman’s Weekly, 87, 06.05.1991, Seiten 1838-50

[24] “Trial of the Major War Criminals Before the International Military Tribunal, Nuremberg 14 November 1945–1 October 1946”, Band XXXIII, Nürnberg 1949, Seiten 81–144

[25] “Trial of the Major War Criminals”, Band XXXIII, Seite 102

[26] “Trial of the Major War Criminals Before the International Military Tribunal, Nuremberg 14 November 1945–1 October 1946”, Band IX, Nürnberg 1947, Seite 561

[27] Die stenografischen Mitschriften dieser Verhöre besorgte Gerhard Herrgesell

[28] “To Bastogne for the Christmas Holidays 1944”, Seite 23

[29] “Anna Detweiler Allen, founded nationally known bookstore”, The Philadelphia Inquirer, 05.02.1979, Seite 4-C

[30] “Philadelphia Bookseller Weds Princess From Indian State”, Philadelphia Evening Bulletin, 27.09.1952, Seite 3

[31] Felix Gilbert (Hg.), „Hitler directs his war. The Secret Records of his Daily Military Conferences”, New York, 1950; Helmut Heiber (Hg.), „Hitlers Lagebesprechungen. Die Protokollfragmente seiner

militärischen Konferenzen, 1942-1945“, Stuttgart 1962; Heiber und David M. Glantz (Hg.), „Hitler and his generals. Military conferences 1942-1945; the first complete stenographic record of the military conferences from Stalingrad to Berlin“, mit einer Einführung von Gerhard L. Weinberg, London 2002

[32] Remarks at a Memorial Service, held at Trinity Memorial Episcopal Church, 2212 Spruce Street, Philadelphia, Sunday, November 29, 1998, www.sas.upenn.edu/~traister/allen.html

[33] Telefonat mit dem Autor, 17.04.2020

Geschrieben von Georg Blauert

Die Kurzschrift bei den Waffenstillstandsverhandlungen vom 8. bis 11. November 1918.

Von Georg Blauert.

Die deutsche Waffenstillstandskommission, die am 7. November 1918 mittags 12 Uhr das deutsche Große Hauptquartier in Spa im Kraftwagen verlassen und abends 9 Uhr 20 Min. unter weißer Flagge die, Front bei La Capelle überschritten hatte, bestand aus zehn Personen: Staatssekretär Erzberger (als Vorsitzender), außerordentlicher Gesandter Graf Oberndorff (als Delegierter), General v. Winterfeldt (als Delegierter), Kapitän zur See Vanselow (als Delegierter), Hauptmann im Generalstabe Geyer. Rittmeister v. Helldorff (als Dolmetscher und Kurier), Dr. Blauert (als Stenograph), Vizefeldwebel Hinnenberg (als Schreiber), ein Diener und ein Bursche.

Nach 17stündiger Fahrt im Kraftwagen wurde früh 5 Uhr in Tergnier bei Chauny ein für die deutsche Sonderkommission bereitstehender Sonderzug bestiegen. Am 8. November früh gegen 7 Uhr war das Ziel erreicht. Der Zug hielt in einem Walde (in der Nähe von Compiègne?); in einer Entfernung von ungefähr 150 m befand sich ein zweiter Sonderzug, der die feindliche Waffenstillstandskommission beherbergte. Diese bestand aus Marschall Foch, General Weygand, Dolmetscheroffizier Laperche, Admiral Sir Wemyss, Admiral Hope, Kapitän zur See Marriott, Dolmetscheroffizier Bagot.

Vollsitzungen, an denen sämtliche Mitglieder der deutschen und feindlichen Waffenstillstandskommission teilnahmen, haben nur zwei stattgefunden: am 8. November vormittags 10 Uhr zur Entgegennahme der Waffenstillstandsbedingungen und in der Nacht vom 10. zum 11. November zur Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages.

Stenographisch aufgenommen wurde nur die letztere. Sie fand in dem Salonwagen des gegnerischen Sonderzuges statt und dauerte von 2 Uhr 15 Min. bis 5 Uhr 30 Min. (französische Zeit) früh. In der Mitte des Wagens war ein großer viereckiger Tisch aufgestellt. An jeder Längsseite waren vier Plätze. Den vier deutschen Delegierten gegenüber saßen Marschall Foch, General Weygand, Admiral Sir Wemyß, Admiral Hope, während die beiden Dolmetscheroffiziere Laperche (für Französisch) und Bagot (für Englisch) an der einen Schmalseite des Verhandlungstisches Platz genommen hatten. Außerdem waren rechts und links im Wagen zwei schmale Tische an der Wand, an denen links Kapitän zur See Marriott, rechts Hauptmann Geyer und ich saßen.

Die Verhandlung wurde französisch und deutsch, zum Teil auch, soweit sie die Flotte und die Kolonien betraf, englisch und deutsch geführt. Die einzelnen Artikel des Vertragsentwurfs wurden französisch vorgelesen und ins Deutsche übersetzt. Dann war der Artikel entweder erledigt oder Staatssekretär Erzberger brachte in deutscher Sprache die deutschen Wünsche vor. Sie wurden ins Französische übersetzt. Marschall Foch antwortete französisch, und der Dolmetscher übersetzte die Antwort nieder ins Deutsche. Ebenso verliefen die englisch geführten Verhandlungen, nur daß statt Marschall Foch Admiral Wemyss die Antwort erteilte und daß statt des französischen der englische Dolmetscher in Tätigkeit trat. Die Ausführungen waren im allgemeinen gut verständlich, wenn auch teilweise sehr rasch gesprochen wurde.

Ich hatte nur Befehl, das deutsch Gesprochene zu stenographieren. Da aber fast alles französisch und englisch Gesprochene verdolmetscht wurde, ergab das Stenogramm ein ziemlich vollständiges Bild der Verhandlungen, Am nächsten Morgen wurde der genaue Wortlaut des stenographischen Protokolls im Verein mit Staatssekretär Erzberger und Kapitän zur See Vanselow festgestellt, wobei die nur französisch und nur englisch geführten Teile der Verhandlung aus dem Gedächtnis ergänzt wurden. Die Übertragung der stenographischen Niederschrift in gewöhnliche Schrift erfolgte erst nach unserer Rückkehr nach Spa. 5 Uhr 20 Min. (6 Uhr 20 Min. mitteleuropäischer Zeit) früh wurde der Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet, 5 Uhr 30 Min. war die Sitzung beendet.

Meine stenographische Tätigkeit bei der deutschen Waffenstillstandskommission in der Zeit vom 8. bis 11. November beschränkte sich aber nicht auf die stenographische Aufnahme dieser Vollsitzung. Ich habe vielmehr während der ganzen Zeit den deutschen Delegierten als Diktatstenograph zur Verfügung gestanden:

  • Staatssekretär Erzberger zur Anfertigung seines ausführlichen Berichtes,
  • den anderen Delegierten zur Anfertigung zahlreicher Protokolle über Sonderbesprechungen die sie mit Mitgliedern der feindlichen Kommission gehabt hatten.

Den größten Teil meiner kurzschriftlichen Tätigkeit bei der deutschen Waffenstillstandskommission hat aber das Protokollieren bei den eingehenden Beratungen ausgemacht, die die deutschen Delegierten untereinander abhielten. Es handelte sich um Stellungnahme zu den einzelnen Artikeln der Waffenstillstandsbedingungen, zu denen die deutschen Wünsche in einem Schriftsätze niedergelegt wurden, den die deutschen Delegierten der feindlichen Kommission überreichten.

Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands Vertrages am 11. November früh war die Aufgabe der deutschen Waffenstillstandskommission erledigt. Mittags gegen 1 Uhr verließ unser Sonderzug den Verhandlungsort, und um 5 Uhr nachmittags bestiegen wir in Tergnier bei Chauny unsere deutschen Kraftwagen. Am 12. November vormittags 11 Uhr — also nach 18 stündiger Fahrt im Kraftwagen — waren wir wieder im deutschen Großen Hauptquartier in Spa angelangt.

 

Geschrieben von Gregor Keller

aus: NStPr Jg. 48 (1999), Heft 1, S. 21 f.

Erich Kästner gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Autoren dieses Jahrhunderts. Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag am 23. Februar sind seine Werke in mehreren Ausgaben neu aufgelegt und herausgegeben worden. Aus vielerlei Beiträgen zu seinem Geburtstag geht hervor, daß Erich Kästner fleißig und schnell gearbeitet hat.

Wer weiß aber, daß er stenographierte? Er hat sicher keine Reden nachgeschrieben, benutzte aber die Kurzschrift beim Entwerfen seiner Werke und bei der Führung seiner Tagebücher. Ende 1995 schrieb der damalige, 1996 verstorbene Vorsitzende des Österreichischen Stenografenverbandes, Rudolf Seifert, Wien, für eine Festschrift des Deutschen Stenografenbundes anläßlich der Deutschen Meisterschaften in Stenographie und Maschinenschreiben in der Erich Kästner-Schule im südhessischen Bürstadt ein Grußwort, in dem er insbesondere auf den Namensgeber der Schule einging. 

Erich Kästner war ab 1967 Ehrenmitglied des Österreichischen Stenografenverbandes, der auch einige Seiten Originalstenogramm des Schriftstellers von diesem erhielt und sie heute noch besitzt.

Erich Kästner hat sich auch schon vor rund drei Jahrzehnten in einer Zeitschrift über die Stenographie geäußert: „Kann man die Stenografie lieben?" bzw. „Warum und zu welchem Ende lernen die Leute Stenografie?" Seine liebenswerten Ausführungen dazu geben wir hier auszugsweise weiter.

Wir wollen von denen absehen, die es tun, um Stenografen zu werden. Wer schwimmen lernt, bloß weil er Kapitän oder Matrose oder Schwimmlehrer zu werden gedenkt, hat sich unser Interesse verscherzt. Daß sich Demosthenes, im Lärm der Brandung wandelnd, Kieselsteine in den Mund steckt, fesselt uns gerade so lange, bis wir erfahren, daß er Redner werden wollte. Dies wissend, wundern wir uns nicht länger. Kurz, wen die innere oder die väterliche Stimme auf den dornigen Pfad der Stenografie treibt, damit er am Ende vereidigter Parlamentsstenograf oder Privatsekretär werde, dem gilt unsere Neugier nicht. Es ist richtig, daß Gabelsberger, Schrey, Stolze und die anderen Erfinder und Systematiker der Kurzschrift gerade jenen Unglücklichen helfen wollen und geholfen haben. Mit wenigen Strichen und Bögen in verschiedener Linienhöhe und Schriftstärke ist es seit rund hundert Jahren möglich, noch die rasanteste Rede wortwörtlich samt allen Platitüden und Sprachschnitzern festzuhalten. Der gespitzte Bleistift ist so schnell geworden wie das gespitzte Ohr. Der Redner kann seine Suada über den Hörer ausschütten wie einen Scheuereimer. Zweihundert Silben und mehr dürfen pro Minute aus seinem Munde herausfallen. Nichts geht verloren.

Neben den Menschen, die aus der Stenografie ein Gewerbe machen, gibt es noch andere, eine seltsamere und interessantere Gilde. Die Stenografie hat, so wunderlich es klingen mag, ihre Anbeter und Liebhaber. Sie stenografieren nicht ums liebe Brot. Sie treiben die Stenografie um ihrer selbst willen. Es hat keinen Sinn, meine Behauptung zu bezweifeln. Denn ich gehöre zu diesen merkwürdigen Leuten. Ich muß es also wissen. Was aber um alles in der Welt, ist denn an dieser Kritzelei liebenswert? Lustbetontes Stenografieren, geht das nicht ein bißchen weit? 

Ich erinnere mich noch recht gut, was mich seinerzeit unwiderstehlich zu Gabelsberger hinzog. Man konnte es das ,Geheimnis' nennen. Seit der Ausrottung des Analphabetentums, seit jeder lesen kann, ist alles Schriftliche entschleiert. Was wir niedergeschrieben haben, läuft vor aller Augen splitternackt herum Der Briefträger, der Zensor, die liebe Mutter - jeder, den's gelüstet, kann uns ins Herz blicken, als wär's eine Schaufensterauslage. Manche Knaben und junge Mädchen besuchen die Stenografiekurse aus Schamgefühl. Sie hüllen ihre ersten Liebesbriefe, Verse und Tagebuchkenntnisse in Hieroglyphen.

Diesen etwas anderen Beitrag zur Diskussion um die Notwendigkeit der Beherrschung einer kurzen Schrift wollten wir Ihnen zum Geburtstag des berühmten Schriftstellers nicht vorenthalten. Wir, die Stenographen, verneigen uns vor ihm, er hat sich mit diesen Bemerkungen in unser Herz geschrieben.

Geschrieben von Redakteuren der Stenographischen Praxis

aus: Stenographische Praxis 12 (1918), Heft 1-2, S. 11-14

Wir haben bereits früher berichtet, daß die Reichstagskollegen Professor Dr. Witt und Dr. Liedloff, später auch Gertz bei den Waffenstillstands- und sodann auch bei den ersten Friedensverhandlungen mit Rußland im Auftrage des Auswärtigen Amtes als Stenographen tätig gewesen sind. Die Einrichtung der stenographischen Aufnahme ist auch später beibehalten worden, und zwar sind zu den zweiten Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk die Mitglieder des Sächsischen Landesamts Professor Dr. Lampe und Dr. Dowerg zugezogen worden. Auch bei den Friedensverhandlungen in Bukarest haben zwei Stenographen mitgewirkt, nämlich der frühere Zweite Vorsteher des Stenographenbüros beim Reichstage, Professor Dr. Eduard Engel, und unser Mitglied Dr. Max Gerhardt, der zu diesem Zwecke vom Oberkommando in den Marken für das Auswärtige Amt zur Verfügung gestellt war.

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Geschrieben von Dr. Detlef Peitz

Arends Grabstein 2017 08 12 klein

 Am 200. Geburtstag sei an den nach Stolze und Gabelsberger dritten "klassischen" deutschen Kurzschrifterfinder, Leopold Arends, erinnert. Sein Grabmal befindet sich auf dem Friedhof der Französisch-Reformierten Kirche in Berlin-Mitte. Er liegt dort in unmittelbarer Nähe zu Theodor Fontane und dem ersten preußischen Parlamentsstenographen Agathon Jaquet. Die Neue Stenographische Praxis erinnerte 2007 in einem Aufsatz von Karl-Heinz Jaritz an ihn. Lesenswert ist auch der Nachruf des Verhandlungsstenographen Max Bäckler aus dem Jahr 1883.

Geschrieben von Max Bäckler

aus: Magazin für Stenographie 4 (1883), Heft 1, S. 6-9

Leopold A. F. Arends, der Erfinder des nach ihm benannten Stenographiesystems, ist am 22. Dezember v. J. nach mehrmonatlichem qualvollem Leiden, nachdem er sogar in den letzten Wochen auf künstlichem Wege hatte ernährt werden müssen, aus dem Zeitlichen abberufen und am 27. desselben Monats auf dem Friedhofe der französischen Gemeinde zur ewigen Ruhe bestattet worden, in nächster Nähe Stolzes, der auf dem anstoßenden Domkirchhofe von den Sorgen und Mühen seines Lebens ausruht. Eine stattliche Schaar von Jüngern, wohl ihrer 200 und mehr, darunter auch viele Vertreter auswärtiger arendsscher Vereine, hatten sich auf dem Kirchhofe eingefunden, um ihrem heimgegangenen Meister die letzte Ehre zu erweisen; auch der Bruder des Verewigten, der als russischer Staatsrat in Riga lebt, war auf die Trauerkunde hin nach Berlin geeilt. Von Anhängern anderer Systeme waren leider nur einige Mitglieder des Stolzeschen Stenographenvereins anwesend; die Vertreter der sonstigen zahlreichen Stenographenvereine Berlins hatten sich anscheinend nicht zu der Höhe der Anschauung emporschwingen können, dass, wenn auch die Wege verschieden sind, auf denen die Anhänger der einzelnen Systemrichtungen ihrem Ziele zustreben, doch das Ziel selbst allen gemeinsam ist.[Wie wir erfahren, hat der Vorsitzende des Verbandes Stolzescher Stenographenvereine Herr Dr. Dreinhöfer, der infolge einer irrtümlichen Zeitungsangabe erst nach Beendigung der Feier am Grabe erschien, namens des Verbandsvorstandes einen Kranz auf demselben niedergelegt.]

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Geschrieben von Dr. Detlef Peitz

Ein wichtiges zeithistorisches Dokument für den Berufsstand der Parlamentsstenografen ist der Brief Otto von Bismarcks an Wilhelm Stolze. Dieser Brief wurde gut 85 Jahre im Stenographischen Büro des Preußischen Landtags aufbewahrt, bevor er bei dessen Auflösung an Fritz Burmeister, zuvor Stenograf im Preußischen Herrenhause und später im Reichswirtschaftsrat, übergeben wurde. In seinem Artikel in der "Deutschen Kurzschrift" aus dem Jahr 1937, der hier als PDF abgerufen werden kann, ist ein Faksimile des Briefes abgebildet, verbunden mit einer zeitgeschichtlichen Einordnung. Außerdem erfährt man etwas über den Einsatz von Schreibmaschinen im Deutschen Reichstag, im Preußischen Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus am Ausgang des 19. Jahrhundert. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Brief dann wahrscheinlich im Bombenhagel vernichtet.

Geschrieben von Dr. Rudolf Eggeling (†)

aus NStPr 4 (1956), Heft 4, S. 125-131

Zu den Großen im Reiche der Kurzschrift dürfen wir neben den bekannten Systemschöpfern und den stenographischen Wissenschaftlern auch die erfolgreichen Propagandisten, die Vorkämpfer für die Verbreitung der Kurzschrift, sowie die großen Meister in der praktischen Ausübung unserer Kunst zählen. Ein Mann, der den beiden letzten Kategorien zuzurechnen ist, war Max Bäckler, dessen Geburtstag sich am 5. Dezember dieses Jahres zum hundertsten Male jährte.

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Geschrieben von Dr. Rudolf Eggeling (†)

aus: NStPr 14 (1966), Heft 3/4, S. 57-62

An Wilhelm Stolze, den neben Gabelsberger bedeutendsten deutschen Kurzschrifterfinder, gemahnen uns in der Gegenwart zwei Ereignisse, die um die Jahreswende zu verzeichnen sind: das 125jährige Bestehen seiner Schrift, die im November 1841 mit dem Erscheinen des ersten Lehrbuches öffentlich bekanntwurde, und die 100. Wiederkehr seines Todestages am 8. Januar 1967, die uns seine Persönlichkeit und sein Werk in die Erinnerung zurückrufen.

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Geschrieben von Dr. Detlef Peitz

aus: NStPr 62/2 (2014) 48-59
2. Teil der Serie: Parlamentsstenografen und NS-Diktatur

Über ihre eigentliche Tätigkeit im Scheinparlament der NS-Diktatur bzw. im „Uniformierten Reichstag"[1] verlieren die damals aktiven Stenografen kaum ein Wort. Dass das Alltägliche nicht des Festhaltens für würdig befunden wird, ist ein Problem, vor dem die Geschichtsschreibung immer wieder steht, zumal im Reichstag auch nach der Machtergreifung äußerlich alles beim Alten blieb.

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Geschrieben von Dr. Detlef Peitz

aus: NStPr 62/1 (2014) 5-13

1. Teil: Biografische Brüche am Ende der ersten deutschen Demokratie

Der Zeitenwechsel von der NS-Herrschaft in Deutschland zur funktionierenden Demokratie der Bundesrepublik Deutschland hat in den letzten Jahren medial vielfach Niederschlag gefunden. Mit den Filmen Der Bunker von 1981 und Der Untergang von Bernd Eichinger aus dem Jahre 2004 wurde insbesondere die Endzeit des NS-Regimes in den Fokus genommen. Die Stenografen, von denen die meisten bis zum Ende im Dienste des NS-Regimes standen und einige sogar in nächster Nähe zu dessen Entscheidungsträgern agierten, spielen, wenn überhaupt, in allen Filmen und Berichten[1] nur eine untergeordnete Rolle. So ist in der Datenbank der Gedenkstätte Deutscher Widerstand noch nicht einmal der Name des Stenografen verzeichnet, der beim gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ums Leben kam. Dies ist wohl ursächlich darauf zurückzuführen, dass sich zu Lebzeiten kaum einer der damaligen Stenografen über eigenes Erleben in der NS-Zeit näher geäußert hat.[2] Vielmehr stürzten sie sich schon gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder in die Arbeit und nahmen eine wichtige Funktion beim Wiederaufbau der Staatlichkeit in West- wie Ostdeutschland ein. Aber auch zur Arbeit in den Anfangsjahren, zum Beispiel im Frankfurter Wirtschaftsrat, in den Landesparlamenten, bei den Ministerpräsidentenkonferenzen und im Parlamentarischen Rat, gibt es in unserer Verbandszeitschrift nur drei, größtenteils auf rein äußere Abläufe beschränkte Artikel.[3]

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Geschrieben von Ludwig Krieger

Archivbeitrag aus: NStPr 2 (1954/2) 67–69

In einem Züricher Spital wurde Ferdinand Hardekopf im März 1954, fast 79jährig, aus diesem Leben abberufen, das er am 15. Dezember 1876 in der oldenburgischen Stadt Varel begonnen hatte. Nur den älteren Mitgliedern unseres Berufsverbandes ist er noch als Reichstags­stenograph der Kaiserzeit bekannt. Internationalen Ruf genoß er jedoch schon zu Lebzeiten als Autor eigenwilliger philosophie­render und schwermütig-mystischer Dichtungen sowie als kongenialer Übersetzer der Werke bedeutender französischer Lite­raten.

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Geschrieben von Dr. theol. Detlef Peitz (Berlin)

gekürzter Text aus NStPr 60/4 (2012) 101-118

„Ne fiant plausus!" – Zur Protokollierung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962–1965

Vor 50 Jahren, im Oktober 1962, begann in Rom das Zweite Vatika­nische Konzil. Es steht in einer langen Reihe von 21 Ökumenischen Konzilien der katholischen Kirche seit dem 4. Jahrhundert, bei denen meist unter dem Vorsitz des Papstes Bischöfe aus dem ganzen christlichen Weltkreis zusammenkamen, um über Glaubensfragen und über das Verhältnis von Kirche und Welt zu beraten. Die Debatten­beiträge und Beschlüsse wurden dabei immer sehr sorg­fäl­tig dokumentiert, damit die getroffenen Entscheidungen der gan­zen Christenheit vermittelt und auch nachkommenden Generationen ge­treu überliefert werden konnten.

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Geschrieben von Manfred Klotz

aus: NStPr 60/1 (2012) 1-12

Gründung der Ziffernkanzlei und kontinuierlicher Aufstieg

Die Geheime Ziffernkanzlei in Wien, ein Institut zur Briefspionage, wurde nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) unter Kaiser Karl VI., dem Vater der Maria Theresia, ins Leben gerufen. Eine Gründungsurkunde existiert nicht; man vermutet aber, dass sie um 1716 gegründet wurde. Genau bekannt ist dagegen das Datum der Auflösung: der 4. April 1848, rund zwei Wochen nach der Märzrevolution, die das Herrschafts- und Sozialgefüge der Donaumonarchie tief erschütterte und der organisierten „Briefgeheimnisentheiligung"[1] zunächst ein Ende setzte. Weil es Anhaltspunkte gibt, dass diese Kanzlei auch stenographiegeschichtlich von Interesse sein könnte, will ich sie im Folgenden zunächst in einigen Zügen vorstellen.

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Geschrieben von Manfred Klotz, Berlin

aus: NStPr 55/4 (2007)

Der Erfinder der neuzeitlichen Buchstabenkurzschrift, John Willis, gab seiner Innovation bekanntlich 1602 den Namen „Stenographie". Allerdings war er nicht der Erfinder des Wortes. Schon Christian Johnen weist ausdrücklich darauf hin[1], „Stenographia" sei bereits bei Autoren des 16. Jahrhunderts aufgetreten und „irrig oft" für „Steganographia" verwendet worden ‑ also für den neulateinischen Begriff für Geheimschrift, wie er von dem Sponheimer Benediktinerabt und berühmten Renaissancegelehrten Johannes Trithemius (1462 ‑ 1516) um 1500 geprägt wurde.

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Geschrieben von Manfred Klotz

aus: NStPr 57/4 (2009)

A. Pepys' Tagebücher

Was die berühmten Tagebücher von Samuel Pepys aus den Jahren 1660 bis 1669 mit ihren mehr als 1 250 000 Wörtern angeht, so weiß man seit ihrer Wiederentdeckung und Transkription zu Anfang des 19. Jahrhunderts, dass sie nicht in Geheimschrift, sondern in Shelton'scher Stenographie geschrieben sind, genauer: nach Thomas Sheltons System Short Writing von 1626, das 1635 die Bezeich­nung Tachygraphy erhielt und bis 1710  22 Auflagen erlebte.

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Geschrieben von Karl-Heinz Jaritz, Mihla

aus: NStPr 55/2 (2007):

Modifizierte Fassung des auf der Gedenkveranstaltung der Arbeitsgemeinschaft deutscher Stenographie-Systeme e. V. am 14. Juli 2006 in Berlin gehaltenen Vortrags.

Reise nach Berlin lohnt immer ‑ auch für Stenografen. Die turbulenten Zeiten der Systemkämpfe fanatischer Stenografen in Berlin sind lange vorbei ‑ um die Stenografie ist es ruhiger geworden. In Erinnerung an bekannte Persönlichkeiten der deutschen Kurzschrift kann der heutige Berlinbesucher seine stenografischen Geschichtskenntnisse auffrischen. Diesem Anliegen diente auch die Gedenkveranstaltung der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Stenographie-Systeme e. V." für Heinrich Roller (90. Todestag) und Max Bäckler (150. Geburtstag) am 14. Juli 2006 in Berlin. Auszüge aus dem Vortrag sollen erinnern und das Kulturgut Stenografie vor dem Vergessen bewahren.

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Geschrieben von Karl-Heinz Jaritz, Mihla

aus: NStPr 56 (2008), Heft 2

Auch im Jahr 2007 unternahm die „Arbeitsgemeinschaft deutscher Stenographie-Systeme e. V." eine Reise nach Berlin, um an zwei bedeutende deutsche Stenografen ‑ Wilhelm Stolze (140. Todestag) und Leopold Arends (125. Todestag) ‑ in einer Gedenkveranstaltung am 8. Juni 2007 zu erinnern.

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