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aus: NStPr 66 (2018), Heft 1, S. 3-16

Zur Neuausgabe der Deutschen Stilkunst von Eduard Engel

Wie wohl kaum ein anderer war der langjährige Reichstagsstenograf Eduard Engel auf stenografischem wie sprachlichem Gebiete beschlagen. Neben einer französischen, englischen, nordamerikanischen und deutschen Literaturgeschichte, Werken zu Goethe und Shakespeare und autobiografischen Schriften ist sein Meisterwerk die 1911 erschienene Deutsche Stilkunst. Sie erlebte bis in die 1930er-Jahre 31 Auflagen, wurde von den Nationalsozialisten[1] erst verboten, dann aber 1944 von einem „arischen“ Wissenschaftler abgekupfert und erschien 2016 wieder unter dem Namen Eduard Engel als gediegene Neuedition in der Anderen Bibliothek des Aufbau-Verlages, nunmehr in zwei Bänden und in moderner Druckschrift statt Frakturschrift.

 Über eine bloße Rezension dieses Werkes aus Stenografensicht hinaus soll auch eine posthume Würdigung[2] des Reichstagsstenografen Engel versucht werden, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft unter dem NS-Regime bis zu seinem Tod am 23. November 1938 schlimmstes Unrecht erlitt.

Die Geschichte des Plagiats von Engels Stilkunst war Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen in jüngerer Vergangenheit.[3] Der Plagiator Ludwig Reiners war auch in der Handbibliothek der Parlamentsstenografen immer präsent; steuerte er doch in den 50er- und 60er-Jahren die Vorworte zum grünen Duden bei. Das Vorwort der Neuauflage der Deutschen Stilkunst stammt nun passenderweise von einem der Entdecker dieser Zusammenhänge, dem Schweizer Gymnasiallehrer Stefan Stirnemann.[4] Und er lenkt den Blick auch wieder darin auf Eduard Engel und sein Lebenswerk. Neben der Sprachwissenschaft geht er dabei auf mannigfaltige Aspekte im Lebens von Engel ein – dieser war beispielsweise auch in der Gartenbaubewegung um Karl Foerster in Potsdam-Bornim aktiv –, lässt aber, abgesehen von einer kurzen Randnotiz, so wie alle anderen Engel-Forscher das gut 30-jährige Wirken Engels als Parlamentsstenograf und Verfechter der Stolzeschen Stenografie außer Acht.

So soll zunächst einmal der Stenograf Engel dargestellt werden,[5] bevor auf den Nutzen hingewiesen wird, der aus Stenografensicht nach wie vor aus der Deutschen Stilkunst zu ziehen ist.

Eduard Engel als Stenograf

Direkt nach seinem Abitur in seiner Heimatstadt Stolp in Pommern nahm der noch 19-Jährige – geboren wurde er am 12. November 1851 – im Jahre 1870 das Studium der klassischen Philologie, neueren Sprachen (damals Indogermanistik) und Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin auf. Dank seiner stenografischen Fertigkeiten, die er sich schon zu Schulzeiten angeeignet hatte, konnte er zeitgleich mit dem Studienbeginn als Hilfsstenograf beim Preußischen Abgeordnetenhaus und kurz danach auch beim Reichstag – dieser trat ja das erste Mal am 21. März 1871 zusammen – tätig werden. Das letzte Studienjahr beschloss er 1874 an der Universität Rostock mit einer Promotion zu einem Spezialproblem der französischen Sprache: De pristinae linguae Francicae syntaxi. Im Anschluss wirkte er als Parlaments- und Verhandlungsstenograf und als Schriftleiter des Magazins für die Literatur des In- und Auslandes.

Die ersten Berufsjahre als Stenograf schilderte Engel 1881 in seinem Vortrag „Stellung und Aussichten stenographischer Praktiker“[6] sehr düster. Hintergrund war, dass 1871 im Stenographischen Bureau des Reichstags zunächst nur zwei feste Stellen für Stenografen vorgesehen waren, nämlich für den Leiter und den stellvertretenden Leiter des Büros, und alle weiteren zwölf Stenografen (sechs nach dem System Stolze und sechs nach dem System Gabelsberger) nur während der Dauer der Sessionen gegen Tagegelder beschäftigt wurden (sogenannte diätarische Stenografen). Somit war das Endgehalt abhängig von der Häufigkeit und Dauer der Sessionen; im Durchschnitt lag es nach Aussagen von Engel mindestens 20 Prozent niedriger als das der Botenmeister.

Die Gabelsbergeraner traf es nicht so hart, da sie entweder fest beim Dresdner Institut für Stenographie angestellt oder im Bayerischen Landtag tätig waren. Die schlechte Situation insbesondere der Stolzeaner im Reichstag in den 1870er-Jahren führte Engel darauf zurück, dass Stolze es im Gegensatz zu den Gabelsbergeranern im Süden Deutschlands nicht „wagte, für seine Stenographie die Ansprüche an den Staat zu stellen, die er mit vollem Fug und Recht hätte stellen können, und die in allen zivilisierten Staaten der Stenographie stets bewilligt worden sind“ (S. 21), und dass die Abgeordneten sich „gar keinen Begriff davon machen, welche außerordentlich seltene geistige und körperliche Befähigung Vorbedingung ist für einen praktischen Stenographen.“ (S. 22)

Die Folge war ein steter Wechsel bei den diätarischen Stenografen nach dem System Stolze: „Die gebildetsten, leistungsfähigsten, rührigsten Kräfte unter den diätarischen Stenographen haben in den letzten zehn Jahren fast sämtlich das Bureau verlassen“. Dass Engel nicht auch diesen Schritt gegangen ist, lag sicher mit daran, dass er auf diese Weise Zeit und auch eine finanzielle Rückversicherung für sein literarisches Schaffen hatte, das ihm zunächst nicht genug zum Lebensunterhalt einbrachte, und dass er seit 1874 auch ein zweites sicheres Standbein hatte, nämlich als Stenograf bei der Berliner Stadtverordnetenversammlung.[7]

1882 jedenfalls wendete sich das Blatt: Engel wurde stellvertretender Vorsteher des Stenographenbureaus des Reichstags und erhielt damit auch eine der beiden Stellen als Amtlicher Stenograph. Dieses Amt bekleidete er 22 Jahre, bis er am 30. Juni 1904 freiwillig vorzeitig in Pension ging, wahrscheinlich auch deswegen, weil der Leiter des Bureaus, Kanzleirat Emil Schallopp, nur unwesentlich älter war und er keine Chance sah, selbst einmal die Leitung zu übernehmen.

Herausragendes Merkmal seiner Tätigkeit als Reichstagsstenograf war, dass er zum häufigsten Protokollanten der Bismarckschen Reden wurde. Dies ging auf einen Vorfall in der Sitzung des Reichstages vom 19. Februar 1878 zurück, bei der Bismarck in einer Interpellation über die politische Lage im Orient davon gesprochen hatte, daß man nicht „pour les beaux yeux“ von England oder irgendwem anders handele. Diese Worte waren nicht verstanden worden, und im Manuskript wurde eine Lücke gelassen. Was sich darauf ereignete, überlieferte der Leiter des Stenographischen Bureaus in seinen Erinnerungen:

Bismarck hatte nachher die Worte hineingeschrieben, und weil er annahm, daß der Stenograph sie auch noch nicht verstehen würde, hatte er in Klammern in seiner Lapidarschrift hinzugefügt: schöne Augen!

Dieses Mißtrauen in die Fähigkeiten und auch in den guten Willen der Stenographen führte in den letzten Jahren dahin, daß stets ein besonderer Stenograph die Bismarckschen Reden mitstenographieren und nach der Ausarbeitung einer Durchsicht unterziehen mußte. Sobald wir den Wagen, der Bismarck ins Haus gebracht hatte, hinten vor den Fenstern des Stenographischen Bureaus … rollen hörten, ging Dr. Engel sofort in den Saal und setzte sich auf den Platz rechts neben der Rednertribüne, also unmittelbar vor Bismarcks Platz, um dann, sobald dieser das Wort ergriff, was gewöhnlich nicht lange auf sich warten ließ, zum Stenographieren bereit zu sein.[8]

Engel stellte seine Erfahrungen im Umgang mit Bismarck und dessen Redeweise in vielen Vorträgen und Artikeln dar, die bis in die jüngste Zeit das Bild von Bismarck als Redner prägen.[9] Seine erste Darstellung des Redners Bismarck erschien noch während der Kanzlerschaft Bismarcks. Darin analysierte er ihn als einen Redner, der durch seine Dynamikwechsel schwierig zu stenografieren ist, dessen Anakoluthe der Sprunghaftigkeit seiner Gedanken geschuldet sind, aber „dessen Reden zur deutschen Literatur gehören – wobei ich immer wieder betone: wesentlich ihrer künstlerischen Beherrschung der Sprache wegen“.[10] Dies sei insbesondere seiner Ausdrucksweise geschuldet, denn „wo zehn andere Redner ein Abstraktum wählen würden, da greift er nach dem Wort, bei dem das Auge etwas sieht. Daher denn auch seine Neigung zur Bildersprache, zu schlagenden Vergleichen. Des trockenen Tones wird er leicht satt, und am liebsten rettet er sich aus der überstaubten spinnwebgrauen Aktensprache in die Sprache, die am meisten Erdduft an sich hat: in die des Landjunkers, der er trotz Fürstenkrone und Reichskanzlerwürde im tiefsten Wesen geblieben ist.“[11]

Dies sind starke Worte von Engel am Ende des 19. Jahrhunderts über einen der mächtigsten Männer der damaligen Zeit, sodass vielleicht verständlich ist, dass diese Analyse nicht im Inhaltsverzeichnis des Archivs aufgeführt ist und die Autorenangabe sich nur ganz am Schluss des Artikels ausschließlich in Stolzescher Stenografie findet. Wie prägend Bismarck für Engel war, wird auch daran deutlich, dass er auf ihn in seiner Deutschen Stilkunst auf 58 von 917 Seiten eingeht.

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts hatte sich auch die Wahrnehmung des Berufsstandes des Parlamentsstenografen grundlegend gewandelt. Schon im Vortrag von 1881 hatte Engel insbesondere die geistigen Anforderungen hervorgehoben, die an einen Parlamentsstenografen zu stellen seien, nämlich dass er „akademische Bildung besitze, … sich mit öffentlichen Dingen beschäftigt habe, dass er die nur durch eine umfassende allgemeine Bildung zu erlangende Fähigkeit besitze, sich schnell auch in die ihm sonst ganz fernliegenden Gebiete hineinzufinden“. Die Diskrepanz zwischen diesem Anforderungsprofil und dem Berufsalltag, der häufig in der „erschrecklich langweiligen und geisttötenden Beschäftigung“ bestand, „das doch im Durchschnitt wenig bildende Rede-Material zu reproduzieren, welches in den deutschen Parlamenten geleistet wird“ [12], war für ihn nun kein Grund mehr, junge Leute vor dem Ergreifen des Stenografenberufes zu warnen. Vor dem Hintergrund neugeschaffener Stellen beim Reichstag 1887 und der damit verbunden Möglichkeit, mit dem Parlamentsstenografenberuf eine gesicherte Lebensstellung zu erreichen, gab er 1888 in einem Vortrag[13] vielmehr jungen Stenografen Tipps, wie sie mit der in fast allen Berufen anzutreffenden Diskrepanz zwischen Anforderungen und Befähigung umgehen sollten.

Angesichts der Tatsache, dass es sich beim Stenografieren oft um „das höchste Maß geistiger Sklaverei, welches man sich doch eigentlich nur denken kann, <handelt>, dass man seinen Geist, seine Apperzeptionsfähigkeit und dann die Übertragung dieser Fähigkeit auf die technisch-stenografische Tätigkeit in den geistigen Knechtsdienst eines anderen begibt, der in recht vielen Fällen durchaus nicht dem Stenografen geistig ebenbürtig ist“ (S. 123), riet er insbesondere zur geistigen Hygiene. Mit „geistiger Hygiene“ meinte er, dass der Stenograf gleichsam ein Gegengewicht zu seiner Tätigkeit schafft,

indem er … sich privat mit geistig hochstehenden Dingen beschäftigt. Es wird ihn das geistig nicht nur nicht anstrengen, sondern er wird dadurch die Elastizität des Geistes, die einem Stenografen durchaus notwendig ist, bewahren. Ein Stenograf ist nach meiner Meinung auch stenografisch verloren, wenn er lediglich auf die stenografische Praxis sich beschränkt. Also möglichst viel geistige Abwechslung ist zu empfehlen. Womit der Stenograf sich beschäftigt, ist gleich; es genüge zum Beispiel, wenn er sich nebenbei auch noch mit Politik beschäftigt. … Er mag sich beschäftigen mit Botanik, mit Insektenkunde, mit Physik, Fotografie oder Geographie oder Philologie ….[14]

Der Sprachwissenschaftler und Literaturkundler

Engels Ausgleich war die Literaturkunde, und er vertiefte sich so sehr in dieses Metier, dass er 1903 wegen seiner ausgedehnten schriftstellerischen Tätigkeit auf diesem Gebiete den Professorentitel erhielt. In den folgenden Jahren, also nach der auf seinen Wunsch erfolgten Pensionierung als Reichstagsstenograf, schaffte er noch vor der Deutschen Stilkunst maßgebende Werke wie die zweibändige Geschichte der Deutschen Literatur von den Anfängen bis in die Gegenwart (von 1906 bis 1929 erscheinen 38 Auflagen) und die Goethe-Biografie Der Mann und das Werk (14 Auflagen von 1909 bis 1921).

Nach dem Erscheinen der Stilkunst richteten sich seine weiteren Werke insbesondere gegen die Verwendung von Fremdwörtern in Sprich Deutsch! Zum Hilfsdienst am Vaterland (40 Auflagen von 1917 bis 1923), Entwelschung – Verdeutschungswörterbuch für Amt, Schule, Haus und Leben (5 Auflagen von 1918 bis 1929 sowie eine Neubearbeitung im Jahr 1955 von Lutz Mackensen) und Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig (5 Auflagen von 1922 bis 1933). Gerade die letzten Bücher, begleitet von Aufsätzen in der Stenographischen Praxis, zeitigten ganz konkrete Auswirkungen auf das Parlamentsleben bis heute; denn sie führten im Gleichschritt mit dem Zeitgeist vor dem Ersten Weltkrieg zu Änderungen der Geschäftsordnungen des Reichstages und der Landesparlamente in der Form, dass es seither nicht mehr Kommission, sondern Ausschuss, nicht mehr Resolution, sondern Entschließung, nicht mehr Amendement, sondern Änderungsantrag sowie statt Interpellant Fragesteller und statt Ballotement Stichwahl heißt.

Der „Fremdwörterei“, also der „Fremdwörterseuche“ und den Bemühungen um „Verdeutschung der Fremdwörter“ widmet Engel auch zwei der zehn Bücher seiner Stilkunst und kommt auch passim immer wieder darauf zurück. So rechtfertigt er den von ihm angeschlagenen Ton gegen Fremdwörter (S. 672 f.), kritisiert die Kunstkritiker (S. 860 ff.) oder wendet die Forderung, kurz und bündig zu schreiben, auf seine Argumentation gegen Fremdwörter an:

Fremdwörterei, also Verleugnung der Muttersprache, ist strafwürdig. Ich besitze keine andre Gewalt als das Wort des freien Schriftstellers und mußte, wenn ich die Überzeugungsfähigen unter meinen Lesern überzeugen wollte, jedes taugliche und anständige rein sachliche Mittel benutzen. Ihrer eines ist Fülle, ist Dauer. In einem Abschnitt für drei bis vier Halbtage Lesens sollte aufgeräumt werden mit dem Wust, den drei bis vier fremdwörtelnde Jahrhunderte zusammengescharrt haben! Wie viel mehr meines seit 50 Jahren aufgespeicherten Stoffes geriet in den Papierkorb als in jenen Abschnitt. (S. 653)

Zum Glück hat der Purismus aber nicht in allen Fällen gesiegt: Begriffe wie Stenograf oder Plenum blieben und wurden nicht durch Geschwindschreiber oder Vollversammlung ersetzt, protokol verbale wurde nicht zum „wörtlichen Bericht“, sondern ‚nur‘ zum Wortprotokoll.[15] Auch das Semikolon wurde aus ganz praktischen Gründen weiterhin so genannt, weil sonst beim Abdiktieren häufig schon ein Strich geschrieben wurde, bevor das zweisilbige Ersatzwort „Strichpunkt“ ausgesprochen worden war.[16]

Die Deutsche Stilkunst aus Stenografensicht

Engel schrieb seine Deutsche Stilkunst nicht in erster Linie für Parlamentsstenografen; da wäre der Adressatenkreis viel zu klein. Ihm geht es um den Stil jeder sprachlichen Äußerung, sei sie von Schriftstellern, von Dichtern, von Wissenschaftlern, von Journalisten, von Politikern etc.

Naturgemäß nehmen aufgrund der umfassenden Kenntnisse Engels der europäischen Literatur die Schriftsteller bei den angeführten Beispielen den meisten Raum ein. Der Bogen wird gespannt von den Zeiten eines Sophokles über Beispiele aus den Schriften von Plinius, Tacitus und Vergil, von Luther, Shakespeare, V. Hugo, Lessing, Goethe und Schiller, von Platen und Heine, Grillparzer und Hebbel bis hin zu zeitgenössischen Literaten – den von Engel als Jung- und Jüngstdeutschen bezeichneten – wie Hermann Conradi, Conrad Alberti, Heinrich Seidel, Karl Bleibtreu und Ludwig Eichrodt (letzter leider nicht im „Blattweiser“ genannten Register).

Den gerade aufkommenden Dadaismus und Expressionismus ignoriert Engel interessanterweise in seinem Werk, trotz vorgenommener Ergänzungen in anderen Bereichen in späteren Auflagen. Dabei war sein Kollege Ferdinand Hardekopf im Stenografenbureau des Reichstags ein Vertreter dieser Richtung. Auch die katholische Geisteswelt ist dem vom protestantischen Preußen geprägten Engel ebenso wenig geläufig wie den Editoren. Der auf S. 725 mehrfach erwähnte Jesuit Bonhours (nicht im Register) heißt korrekt Dominique Bouhours, und „warf 1761 in einer besondern Schrift“ nicht „die Frage auf, ob ein Deutscher überhaupt ein Bel-esprit sein könne.“ Vielmehr dürfte Engel hier auf den 1671 erschienen Dialog „Ariste et Eugène“ anspielen, in dem Bouhours einem Kardinal über dessen deutschen Ordensbruder sagen lässt, für einen Deutschen müsse dieser für einen geistreichen Kopf gehalten werden. Zur ungeprüften Wiedergabe dieser Affekte schürenden Anekdote ließ sich Engel wohl von der antikatholischen und antifranzösischen Stimmung seines Zeitalters verleiten. Allein über Droste-Hülshoff konnte er nicht hinweggehen, aber schon Görres berücksichtigt er wiederum nur selektiv unter Auslassung des mystischen Spätwerks.

Dass Engel für seine Stilkunst, wie schon an den beispielhaft genannten Namen deutlich wird, auf große Zeitläufe und weite Sprachräume zurückgreift, schlägt sich auch in einer Fülle an fremdsprachlichen Zitaten nieder. In manchen Fällen hatte schon Engel Übersetzungen beigegeben, für nichtübersetzte lateinische und griechische Zitate wurden vom Verfasser des Vorwortes weitere mit Asteriskus gekennzeichnete Übersetzungen geboten. Solche Übersetzungen wären auch für die übrigen fremdsprachlichen Zitate wünschenswert gewesen, für viele Leser sicherlich auch bei den plattdeutschen und alt- bzw. mittelhochdeutschen Zitaten. So wären dann auch ärgerliche Übertragungsfehler wie bei dem Zitat von Otfried von Weißenburg im südrheinfränkischen Dialekt des 9. Jahrhunderts unterblieben (S. 787). Die hier vorliegende Verwechslung von „I“ und „l“ ist wohl wie auch einige weitere gelegentlichen Satzfehler auf die Übertragung des im Original in Frakturschrift gesetzten Werkes in moderne Druckschrift zurückzuführen. Ebenso zur Verwirrung des Lesers trägt bei, dass Verweise von Engel auf Beispiele an anderer Stelle in seiner Stilkunst teilweise eins zu eins wiedergegeben wurden, man aber aufgrund der sich aus dem neuen Satzspiegel ergebenden anderen Seitenzählung an der angegebenen Stelle nicht fündig wird.[17]

Die genannten Kritikpunkte sind angesichts der Fülle des Stoffes aber nur Marginalien. Parlaments- und Verhandlungsstenografen dürfte es dabei wohl am meisten interessieren, was Engel zum Rednerstil sagt. Vor dem Hintergrund, dass für Engel alles Verschriftlichte „veredelte Redesprache“ ist – denn „Sätze zeigen ihre Natürlichkeit und Schönheit, wenn man sie spricht“ (Vorwort, S. XII) –, finden sich dankenswerterweise auch eine Reihe von Beispielen gesprochener Sprache; und seine Erfahrung mit gesprochener Sprache führt er in einem anderen Buch sogar als Legitimation an, überhaupt über Sprache und Stil zu schreiben:

Der Verfasser dieses Buches glaubt durch seinen Lebensgang in besondrer Weise zu einem Urteil über den deutschen Sprachgebrauch erzogen zu sein. Mehr als 30 Jahre hat er im amtlichen Dienste des Reichstags viele tausend Reden von vielen hundert Rednern – darunter Bismarck, Moltke, Treitschke – nicht nur angehört, sondern nach seiner Neigung und seinem Berufe sprachlich geprüft. Er darf also ohne Überhebung sagen, daß es schwerlich ein Buch über die wirklich gesprochene deutsche Sprache von einem Schreiber gibt, der mehr öffentlich sprechen gehört hat als er …[18]

Die Beispiele aus Reden beschränken sich insbesondere auf die Genannten, so zum Beispiel auf Auszüge und Analysen von Bismarcks Reden vor dem Preußischen Abgeordnetenhaus zum Gesinderecht und zur Polenschwärmerei (vgl. S. 637 u. 717) sowie zu Moltkes Reichstagsrede vom 1. März 1880 (vgl. S. 886); aber auch Reden Lassalles an Arbeiter (vgl. S. 693, 697), die er zum Teil wohl selbst stenografiert hat, führt er an.

Für die Antike urteilt Engel, dass uns nur überarbeitete, also dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasste, in Prosaform gepresste Reden überliefert wurden: „sie sind schöne Stilübungen, keine Reden zum Gehaltenwerden“ (S. 890). So beschränkt er sich in seinem Werk für diesen Bereich darauf, anzuführen, was Aristoteles und Quintilian zur Rhetorik gesagt haben. Ähnlich verhält es sich laut Engel für die Reden aus dem Zeitalter der Französischen Revolution: Da „haben wir nicht eine in ihrem ursprünglichen Wortlaut; sie wurden sämtlich nach der sorgfältig durchgefeilten Handschrift der Redner … gedruckt“ (S. 891).

Erst mit dem Aufkommen der Kurzschrift im 19. Jahrhundert war es dann möglich, Reden wortgetreu festzuhalten. Aus eigener Erfahrung konstatiert Engel jedoch, dass in Deutschland kaum jemand befähigt ist, eine „unverändert druckfertige unvorbereitete Rede“ (S. 889) zu halten, da es die „guten Durchschnittsredner … in allen romanischen Ländern, in England, aber selbst im heutigen Griechenland weit mehr gibt als bei uns“ (ebd.). So ist es für ihn logisch, dass die „frei gesprochene Rede fast niemals ohne Verbesserungen der Kurzschreiber und des Redners gedruckt wird, gedruckt werden kann“ (S. 889) Hier gilt für ihn das wohl allen Stenografen bekannte Motto des Literaturwissenschaftlers Friedrich Theodor Vischer „Eine Rede ist keine Schreibe“ (mehrfach zitiert, so S. 60, 502, 882).

Umgekehrt gilt für Engel aber für alles Geschriebene der oberste Leitsatz: „Schreibe, wie du sprichst!“ (S. 60), nur mit der Einschränkung, dass die Schriftsprache, die es ja laut Engel nur gibt, „weil die Menschenrede nicht so weit dringt wie ihr Abbild, die Schrift“ (S. 632), eben „alle Reize, alle Gewalten der menschlichen Stimme und Gebärde“ (S. 60) ersetzen muss durch das „volle Aufgebot der Stilkunst“, oder mit anderen Worten:

Der Vorsprung alles Gesprochenen vor dem Geschriebenen liegt nun einmal in gewissen Unwägbarkeiten, die nicht aufs Papier zu bringen sind: Haltung, Stimmklang, Redepuls, Atem, Augenblitz, Muskelspiel des Antlitzes, Gebärden. Erreichen kann die beste gelesene Prosa nicht die gleich gute gesprochene; Hochziel jedoch jedes guten Prosastils bleibt die Wirkung der gesprochenen Prosa. (S. 57 f.)

Die konkrete Problemlage, die sich für Engel stellt, ist, dass die Unterschiede zwischen Rede- und Schriftsprache in keinem Land hinsichtlich Wortwahl, Wortstellung und Satzbau so groß sind wie im Deutschen (vgl. S. 55). So konnte es kommen, dass sich im Deutschen zwei Richtungen entwickelten, die als Gegensätze das ganze Werk durchziehen: einmal die durch die Mittel der Schriftsprache veredelte Redesprache und zum anderen ein Kunstschreiberstil, den er als absichtlich dunkel, tiefsinnig tuend, geziert, fremdwörtelnd, schachtelnd, schwülstig (vgl. S. 694) bezeichnet. Um das Ausmerzen dieses Kunstschreiberstils sowohl im Geschriebenen wie im Gesprochenen geht es nun in den zehn Büchern von Engels Deutscher Stilkunde.

1. Buch „Grundfragen“

Auf vieles Grundsätzliche schon im Vorangegangenen eingegangen. Erwähnenswert ist hier aus dem dritten Abschnitt „Von der Wahrheit“ noch Engels Eintreten für einen „redlichen Stil“: Unter Berufung auf den antiken Rhetoriker Quintilian beleuchtet Engel den Aspekt, dass „die wahrhaftige Überzeugung die Quelle der Rednererfolge“ (S. 35) ist. Ein Redner dürfe also nicht durch Wortgepränge oder „Stilmittelchen ein Gran mehr Wissens vorspiegeln, als er nach strengster Selbstprüfung wirklich besitzt“ (S. 41). Oder auf den Punkt gebracht: „Wer den Gehalt in seinem Busen trägt, dem wird die Form in seinem Geist von selber zuteil“ (S. 42).

2. Buch „Die Deutsche Sprache“

Engel verteidigt vehement die freie Entwicklung der deutschen Sprache gegenüber allen Sprachschulmeistern, „die Taubheit gegen das ewig fließende, ewig sich wandelnde Leben der Sprache im Munde lebendiger redender Menschen“ (S. 86) haben. So gibt es nach ihm „in der Deutschen Sprache … lange nicht so viel unzweifelhaft ‚Falsches‘, wie die schulmeisterliche Betrachtung der ganz auf Freiheit gestellten Prosa uns glauben machen will“ (S. 83 f.). Bismarcks „Wir Deutsche“ wie Luthers „Wir Deutschen“ sind für ihn gleichermaßen richtig und sollten gemäß dem Wortlaut wiedergegeben werden.

3. Buch „Der Ausdruck“

Eintönigkeit ist Engel ein Graus. So verwahrt er sich gegen jede Phrasendrescherei, die ihm in seinem Berufsleben als Stenograf oft untergekommen sein muss:

Am schablonenhaftesten ist wohl der Sprachgebrauch der Volksvertreter; die erstaunlichen Leistungen der besten Kurzschreiber, die es gleich gewissen Rednern bis auf 350 Silben in der Minute und mehr bringen, wären ohne die Ausgedroschenheit der Redehülsen kaum möglich. Beginnt ein Redner: ‚Meine Herren, ich stehe“, so schreibt der kundige Kurzschreiber einfach: ‚Meine Herren, ich stehe‘ und weiter nichts, denn er weiß, daß auf ‚stehe‘ unfehlbar der Standpunkt folgt. Man hat das Wörterbuch sehr berühmter Abgeordneter auf seinen Umfang geprüft und ermittelt, daß z. B. in zwanzig langen Reden Eugen Richters über die verschiedensten Stoffe nur rund 2000 Wortstämme vorkamen, die Formwörter eingerechnet… Bei den Römern ist es nicht anders gewesen, wie die Reden Ciceros und der bescheidene Umfang der ‚Tironischen Noten‘ beweisen, mit denen damals Reden nachgeschrieben wurden. (S. 175 f.)

Ganz im Sinne der Vielfalt der Sprache kann er auch keiner Regelung zustimmen, die pauschal bestimmte Ausdrucksmittel untersagt, etwa dass Umgangssprache generell zu tilgen sei: „Es gibt nicht Edel und Unedel in der Sprache, es gibt nur Angemessen und Unangemessen. … Ein sehr unanständiges Wort kann durch die Gewalt des Augenblicks geadelt, ja zur Höhe der Kunst emporgesteigert werden.“ (S. 199) Als Beispiel führt er aus Goethe „zu Gesichte kriegen“ an.

Auch die Logik ist nicht von vornherein Herrscherin über Begriffspaare. So ist es durchaus erlaubt, von einem „silbernen Hufeisen“ zu sprechen, da wir „bei Hufeisen mehr an den Huf als an das Eisen“ (S. 200) denken. Aufgepasst werden muss jedoch, wenn es um den Sinngehalt von Aussagen geht. So warnt Engel eindrücklich vor dem „Zusammenhäufen von Vorwörtern“ und der „unseligen Anleimerei von Bezugsätzen“ (S. 210 f.).

4. und 5. Buch zur „Fremdwörterei“

Wie sehr Engel sich das Ersetzen von Fremdwörtern zur Lebensaufgabe gemacht hatte, wurde schon oben dargestellt. Vom Umfang her machen die beiden dieses Thema betreffenden Bücher fast die Hälfte der fünf ersten Bücher über den sprachlichen Ausdruck aus. Eine Stilblüte ist dabei sicherlich, dass er einmal krampfhaft Feuilleton zu Fölljetong (S. 619) bzw. Följetong (S. 764) eindeutscht, auf Seite 866 aber wieder „feuilletonistischen“ schreibt.

Wenn man die Fremdwortfrage einmal ausklammert, findet sich die eigentliche „Stilkunst“ in den nächsten fünf Büchern, wo es um Fragen der Formulierung, des Tones und des Stiles von Texten geht.

6. Buch „Der Satz“

Angesichts der vielen Eigenarten der deutschen Sprache hinsichtlich Wortstellung, Satzbau und Zeichensetzung spricht sich Engel gegen starre Regeln und für Sprachfreiheit aus. An erster Stelle steht für ihn das Verständnis. Zweck und Sinn sollen den Ausschlag geben. So hat er eine Aversion gegen „die grundsätzlichen Hintansteller des ‚mich, dich, sich‘“ und bezeichnet sie als „Vergewaltiger Deutscher Sprachfreiheit“ (S. 584). Denn: „Kein zum Verständnis wichtiges Wort darf ohne zwingende Not verspätet werden“ (S. 579).

Zum Satzbau schreibt er, wieder mit Bezug auf die „Redesatzform“: „Das Hochziel des lebendigen Satzbaues ist das Nebenordnen. Das Unterordnen ist das geringwertigere Ausdrucksmittel zum Übertragen des Gedankens auf Leser und Hörer“ (S. 539). „Durch das Häufen von Nebensätzen verflaut, durch das von Hauptsätzen verstärkt sich die Darstellung“ (S. 543). Ausgehend davon plädiert Engel dafür, aus kurzen Nebensätzen in der Art von „wie ich meine/erinnere“ die Umstandsangaben „meiner Meinung nach/nach meiner Erinnerung“ zu machen (vgl. S. 544), gehäufte Bindewörter durch Umkehrung zu vermeiden, also statt „wenn ich wäre“ lieber „wäre ich“, oder aus konzessiven Nebensätzen mit obgleich/obwohl mit „zwar“ eingeleitete Hauptsätze zu machen (vgl. S. 547).

Im Abschnitt über Schachtelsätze und den „Stopfstil“ mit Parenthesen spricht Engel wieder aus leidvoller Erfahrung. Er führt diesen Kunststil auf die Verlateinerung durch die Humanisterei seit dem 16. Jahrhundert zurück und versucht, abschreckend durch das Beibringen unzähliger Beispiele zu wirken. Angesichts der Fülle der Beispiele gesteht er sich aber ein, dass man sich da nur in Sarkasmus flüchten könne:

Es gibt Schreiber, denen man immerfort, wie den unsachlichen Rednern im Reichstag, zurufen möchte: Zur Sache! Dem immer wieder abschweifenden Reichstagsredner entzieht der Präsident nach zweimaliger Verwarnung das Wort; ein immer wieder abschweifendes Buch werfe der Leser einfach in die Ecke. (S. 558)

Ein weiterer Abschnitt ist der Zeichensetzung gewidmet. Für sie sollte gelten, dass sie stilgerecht, nicht schulmeisterlich ist; sie diene einzig und allein zur Verständlichkeit. Dies schrieb er allerdings zu einer Zeit, als es noch keine Festlegung in Form einer amtlichen Zeichensetzung gab, die seiner Meinung nach auch schwerer festzulegen sei als die amtliche Rechtschreibung (vgl. S. 588). Aus leidvoller Stenografenerfahrung kommt aber sicherlich sein Vorwurf gegen einen zeitgenössischen Autor, dass „er sich nach Deutscher Art vor nichts so sehr fürchtete wie vor dem Punktsetzen“ (S. 523).

7. Buch „Der Aufbau“

Im Mittelpunkt der Überlegungen Engels zur Gliederung von Gedankengängen steht die Ermahnung, alles Geschriebene lebendig und spannend darzustellen. Es geht also bei allem schriftlich Verfassten immer um die „Wiedergabe veredelter Redesprache“ (S. 636). Und da die „lebendige edle Redesprache wiederholt, um stärker zu wirken, – also darf die lebendige Schriftsprache das Gleiche tun. Unter zwei Bedingungen: die unveränderte Wiederholung soll das einmal Gesagte tiefer einprägen … und die Wiederholung mit bereichertem Inhalt und in andrer Form soll den haftenden, aber vielleicht flachen Eindruck vertiefen“ (S. 641). Er folgt hier seinem Grundsatz: „nur das Natürliche, das Notwendige ist zweckmäßig, also schön; alles Erkünstelte und Überflüssige ist wertlos“ (S. 621, ähnlich S. 505). Es geht immer um einen „Einklang zwischen bedeutendem Inhalt und angemessener Form“ (S. 781).

Falsch verstanden wäre es deshalb, daraus eine Rechtfertigung für Wortmacherei abzuleiten, bei der ein „kleiner Kern … zu großem Umfang aufgeblasen“ (S. 662) wird. Dieses Missverhältnis von Form und Gehalt beschreibt er aus der Sicht desjenigen, der damit häufig konfrontiert wurde, ganz anschaulich: Der Redner „hat Gedanken, doch nicht so viele oder so neue, wie er haben möchte: so füllt er die Gedankenhohlräume mit Wortmacherei“ wie „nicht ganz redliche Geflügelhändler … die Hohlrümpfe ihres Federviehs mit Papier“ ausstopfen (S. 658). Dies kann geschehen durch schwulstige Worte des Kunstschreiberstils wie „zur Verlesung bringen, in Berücksichtigung ziehen, zur Verteidigung gelangen lassen, … in Wegfall kommen, … in Haft nehmen, zum Vortrag bringen“ (S. 659), oder durch den „Schreistil“, der dann angewandt wird, wenn der Schreiber fehlende Überzeugungskraft „durch die Höhe des Tones zu ersetzen“ (S. 700) sucht.

8. Buch „Der Ton“ und 9. Buch „Die Schönheit“

Gegen jede Form von Stillosigkeit und Übertreibungen in der Sprache setzt Engel auf die Schlichtheit im Ausdruck und im Vortrag, und schließt daran die Ermahnung an:

Jeder mit dem Reichstagsleben Vertraute weiß, daß kein Mensch auf schreiende Redner hört, sondern daß gerade deren Reden ihren Widerhall in hundertfachen Zwiegesprächen der Abgeordneten finden. Die Zuhörer fühlen, der Redner selbst traue mehr auf die Macht seiner Lunge als seiner Gründe, und lassen ihn sich ausschreien. (S. 700)

Die letzten drei Abschnitte zum Ton befassen sich ebenso wie das neunte Buch mit den eigentlichen Stilmitteln wie Wortspielen, Witz und Ironie, Parodie, Anspielungen, rhetorischen Figuren, Metaphern und Tonmalerei

Als ehernes Gesetz in Stilfragen gilt dabei für Engel, immer zum kleinsten Kunstmittel zu greifen. Konkret auf die Metapher bezogen heißt das: Sie muss stärker sein als das, was sie verdrängt. Leidvolle Erfahrungen mit Bildvergleichen aus seiner langjährigen Arbeit als Stenograf sprechen geradezu aus seinem Diktum: „Je weniger Bilder, desto weniger schiefe und krumme Bilder“ (S. 759). Einige Seiten später bringt er auch einige Beispiele für verunglückte Bilder aus Reichstagsreden, die mühelos durch Beispiele aus Landtags- und Bundestagsreden ergänzt werden könnten:

Eine weitverbreitete Eiterbeule hat diese Verbrechen in ihrem Schoße großgezogen. – Wie ein roter Faden zog sich durch die Verhandlung die Person des als Dolmetscher tätig gewesenen Reiters – Die Universitäten sind wie rohe Eier: man darf sie kaum anfassen, sofort stellen sie sich auf die Hinterfüße und wehren sich – Der Sturz Delcassés war eine Eintagsfliege – Dieser Paragraph ist wie eine Oase hineingeschneit in eine Wüste – Der Entwurf eines BGB gleicht dem Kamel, das vor seinen Verfolgern den Kopf in den Sand steckt – Dies ist der Gesichtspunkt, der uns trägt. (S. 767 ff.)

Da Engel das neunte Buch ja nicht mit „Rhetorische Stilmittel“, sondern mit „Schönheit“ überschrieben hat, kann er darunter noch zwei weitere Abschnitte subsumieren. Beispielhaft für Engels Diktion ist dabei im Abschnitt „Klarheit und Verständlichkeit“ die folgende Unterscheidung:

Klarheit kann niemals in einen Fehler ausarten. Wenn zuweilen geurteilt wird: Dieser Schreiber ist klar bis zur Plattheit, so täuscht man sich über den Sinn von Klarheit und Plattheit. Der klare Schreiber läßt das Licht in die Dunkelheit einströmen; der platte zündet Licht am hellen Tag an. (S. 802)

Der letzte Abschnitt „Hilfsmittel zum guten Stil“ mit Hinweisen zum Verwenden von Karteikarten, dem Sinn des Diktierens und der Wirkung des Weingeistes wirkt ein wenig deplaciert. Verständlich wird dies vielleicht angesichts der Grundauffassung von Engel: „für den guten Stil keine bloß schöne Sprache, es gibt nur eine vollkommen angemessene Sprache“ (S. 751). Aber immerhin meldet sich hier Engel auch noch einmal als kurzschreibender Verfasser zu Wort:

Wohl dem Schreiber, der in jungen Jahren gründlich die Kurzschrift erlernt und geübt hat: sie ist eine Mitarbeiterin ohnegleichen, erleichtert nicht allein das Sammeln des Stoffes; nein, sie hält den flüchtigen Gedanken im Augenblick des Aufsteigens in seiner vollen Lebensfrische und bis in seine letzten Schwingungen fest. Gewöhnliche Schrift hinkt elend nach, und der Schreiber erlahmt unter ihrer Unbeholfenheit zum Schaden für Schärfe und Fluß seiner Gedanken. (S. 815)

10. Buch „Die Stilgattungen“

Gegen Ende seines Opus magnum wirft Engel noch einen Blick auf verschiedene Ausdrucksformen. Eigens auf Belehrungsstil, Zeitungsstil, Kanzleistil oder Briefstil einzugehen, ist hier nicht angebracht. Aber der Kreis der Argumentation von Engel schließt sich, wenn er im Abschnitt „Kunstschreiberstil“ noch einmal alle Register gegen diejenigen zieht, die aus „‘germanistischen Kollegien und Seminaren‘ hervorgegangen“ (S. 857) sind und in einer nach seinen Kriterien unlebendigen, unverständlichen und mit Fremdwörtern gespickten Sprache schreiben. Dieser Stil stellt für ihn „einen sprachlichen Fuselrausch“ (S. 861), eine „Sprachverluderung“ (S. 863), „die äußerste Verpöbelung unsers in der Sprache zum Ausdruck kommenden Geisteslebens“ (S. 869) dar – um nicht noch stärkere Ausdrücke von Engel aus diesem Kapitel anzuführen. Im übrigen Werk selber belegt er entsprechende Autoren bzw. Beispiele mit Ableitungen des Wortes „Geck“, also zum Beispiel Geckenmanierwörter (S. 738), ekelhaft pücklernde Geckerei (S. 857), Ziergecke (S. 754 u. ö.), geckenhafte Geziere (S. 831 u. ö.), Sprachgecke (S. 363).

Diese „Gecken“ tragen für Engel auch eine Mitschuld an der Diskrepanz der Redequalitäten: „Der Franzose, der Engländer spricht von der Rednerbühne, wie er als Gast inmitten einer erlesenen Gesellschaft sprechen würde … Der Deutsche Redner spricht, wie er zu lesen gewöhnt ist: Buch“ (S. 584).

So sei sein vor gut 100 Jahren gefälltes Urteil an den Schluss dieser Rezension gestellt, das wohl jeder Stenograf mit seinen eigenen Erfahrungen abgleichen kann:

Unter den lebenden Schreibern hat der Verfasser, schon in der ersten Sitzung des Deutschen Reichstags (am 21.3.1871) dienstlich beschäftigt, mehr Reden als irgendein andrer mitangehört. Ein Menschenalter und mehr im amtlichen Dienst der zwei größten Deutschen Volksvertretungen, hat er einige tausend Redner, alle berühmte und unberühmte, kennengelernt, zehntausende ihrer langen und kurzen Reden genossen, diese nachher pflichtmäßig auf ihre Form geprüft. Er muß erklären, viele wirksame Redner gekannt und reden gehört zu haben, – formvollendete Redner vier oder fünf, sprachlich und künstlerisch schöne Reden vielleicht zwanzig, gewiß nicht dreißig. (S. 883)



[1] Getilgt wurde sein Name auch 1935 von Rudolf Bonnet in dessen Buch Männer der Kurzschrift; im Vorgängerwerk Unsere Führer einst und jetzt – 150 Lebensabrisse von Vorkämpfern aus den Kurzschriftschulen Stolze, Schrey und Stolze-Schrey, Magdeburg 1924, S. 30, wird Engel noch umfassend gewürdigt.

[2] Bisher erschienen in der NStPr nur N.N., Sprache will nicht geknebelt sein. Eduard Engel – vom Stenographen im Berliner Reichstag zu einem der führenden Stilisten, in: NStPr 51/2 (2002), S. 56–58, sowie Transkriptionen kurzschriftlich verfasster Aufsätze über Bismarck.

[3] So jüngst noch Heidi Reuschel, Tradition oder Plagiat? Die „Stilkunst“ von Ludwig Reiners und die „Stilkunst“ von Eduard Engel im Vergleich, Bamberg 2014.

[4] Vgl. seinen Artikel Ein Betrüger als Klassiker. Eduard Engels „Deutsche Stilkunst“ und Ludwig Reiners, in: Kritische Ausgabe. Zeitschrift für Germanistik & Literatur 8 (2004), Heft 2, Literatur und Drittes Reich, S. 48–50.

[5] Nach Engels Tod geschah dies nur durch Ludwig Krieger, Dr. Eduard Engel zum Gedächtnis, in: Der Stenografielehrer 6. Jg. (1952), H. 1, S. 2–7; H. 2, S. 33–38.

[6] Vgl. Eduard Engel, Stellung und Aussichten stenographischer Praktiker. Vortrag gehalten am 3. März 1881 im Stolzeschen Stenographen-Verein zu Berlin (Stenographisch aufgenommen von H. Hellwig.), in: Magazin für Stenographie – Organ des Stolzeschen Stenographen-Vereins zu Berlin 2 (1881), Heft 1, S. 9–13; Heft 2 u. 3, S. 20–23; Heft 5, S. 58–63; Heft 9, S. 113–115; H. 11, S. 139–142; Heft 12, S. 147–149.

[7] Vgl. Rubrik „Personalien“, in: StPr (=Stengraphische Praxis) 6 (1912), Heft 7, S. 100.

[8] Vgl. Emil Schallopp, Meine Erinnerungen an Bismarck, in: StPr 4 (1910), Heft 11, S. 158.

[9] Vgl. Eduard Engel, Bismarck als Redner, in: Archiv für Stenographie 41 (1889), Heft 5, S. 137–142, in Stolzescher Stenographie autographiert von O. Badtke [Übertragungen in Druckschrift in: NStPr 14 (1966), Heft 2, S. 29–34, sowie in gekürzter Form durch Hans Gebhardt in: NStPr 42 (1993), Heft 1, S. 10–14]; Ders., Fürst Bismarck und die Reichstagsstenographen, in: Stolzesche Stenographen-Zeitung 1 (1898), S. 192–194; Ders., Noch einmal Bismarck und die Stenographie, in: Stolzesche Stenographen-Zeitung 2 (1899), S. 11.

[10] Eduard Engel, Bismarck als Redner, a. a. O. [Fn. 8], S. 139.

[11] Ebd. S. 141.

[12] Eduard Engel, Stellung und Aussichten stenographischer Praktiker, a. a. O. [Fn. 5], S. 12 bzw. 13.

[13] Vgl. Eduard Engel, Erfahrungen aus der stenographischen Praxis. Vortrag gehalten am 13. Februar 1888 im Stenographischen Verein [Stolze] zu Berlin, in: Archiv für Stenographie 40 (1888), S. 89–96, 121–128. – Eine Übertragung des in Stolzescher Kurzschrift abgedruckten Vortrags in Deutsche Einheitskurzschrift wurde mir freundlicherweise von Herrn Prof. Dr. Reiner Kressmann, Osnabrück, zur Verfügung gestellt.

[14] Ebd. S. 122 f.

[15] Vgl. N.N., Aus der Praxis – 68. Fremdwörter im Parlament, in: Stenographische Praxis 8. Jg. (1914), Nr. 7/8, S. 85 f.; N.N., Verdeutschungen in der Geschäftsordnung des österreichischen Abgeordnetenhauses, in: StPr (1917), Nr. 11/12, S. 59 f.; N. N., Verdeutschungsbestrebungen im preußischen Abgeordnetenhause, in: StPr 12. Jg. (1918), Nr. 1/2, S. 1–5, 9–11.

[16] Robert Fuchs, Die Verdeutschung der Fremdwörter auf berufsstenographischem Gebiete, in: StPr 10. Jg. (1916), Nr. 1/2, S. 17 f. Diesen Einwand könnte man auch als Entgegnung auf Engel auffassen, der konsequent statt vom Komma vom Beistrich, statt vom Semikolon vom Punktstrich spricht.

[17] Vgl. bspw. S. 795 die Verweise auf die Seiten 452 und 454 im Originalwerk von 1931; in der Neuedition befinden sich die Beispiele hingegen auf den Seiten 798 und 901. Auch der Verweis auf „S. 596 f.“ (S. 815) geht ins Leere.

[18] Eduard Engel, Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig, Leipzig 1918, S. 49.

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